Pro und Kontra
Praxistaugliches Wissen vs. falsche Ziele: Der Lehrplan 21 in der Debatte

Der Lehrplan 21 ist umstritten wie eh und je. Das liegt wohl auch an den bevorstehenden Regierungswahlen, bei denen es die frei werdende Bildungsdirektion zu besetzen gilt.

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Der Lehrplan 21 sorgt für Debattierstoff. (Symbolbild)

Der Lehrplan 21 sorgt für Debattierstoff. (Symbolbild)

blz

Dass die Debatte um den Lehrplan 21 wieder an Fahrt aufgenommen hat, liegt nicht zuletzt an den bevorstehenden Wahlen. Gerade weil die Bildungsdirektion des abtretenden Urs Wüthrich frei wird, nutzen die Regierungskandidaten die Gunst der Stunde, sich in der Bildungspolitik zu profilieren.

Klar ist: Linke und Rechte haben zum umstrittenen Lehrplan 21 eine unterschiedliche Haltung. Konservative Kräfte versuchen, den Lehrplan zu verhindern.

FDP-Regierungskandidatin Monica Gschwind etwa plädiert zumindest für einen Marschhalt. In der Primarschule soll der Lehrplan 21 schon im nächsten Schuljahr in Kraft treten, in der Sek 1 ist die Umsetzung auf 2018/19 angesetzt.

Martin Rüegg, Landrat SP, Gelterkinden: «Emotionen gehen hoch, wenn es um die Schule geht» Anfang November haben die 21 Bildungsdirektoren der Deutschschweiz den überarbeiteten Lehrplan 21 mit 19 Ja-Stimmen bei 2 Enthaltungen verabschiedet. Die Vorgaben, den Umfang um 20 Prozent zu kürzen, die Anforderungen zu senken und dem Wissen mehr Raum zu geben, wurden umgesetzt. Neben Bildungsexperten haben auch rund 50 Lehrpersonen an der dritten Version mitgewirkt. Nicht zuletzt aus diesem Grund begrüsst der Dachverband der Lehrerinnen und Lehrer LCH das Ergebnis ausdrücklich. Der Lehrplan 21 ist kein Gesetz, das buchstabengetreu umgesetzt werden muss. Er dient als Kompass und beschreibt die Ziele, welche nach dem Kindergarten und den ersten zwei Primarschuljahren, nach der 6. Klasse sowie am Ende der obligatorischen Schulzeit in allen 21 Kantonen erreicht werden. Dabei stehen erworbene Kompetenzen im Zentrum – die Fähigkeit, das erworbene Wissen anzuwenden. Nicht Sinn entleertes Auswendig-Lernen ist also gefragt, sondern praxistaugliches Wissen. An den Gymnasien und in der Berufsbildung wird schon seit Jahren mit Erfolg so gearbeitet. Die Lehrfreiheit der Lehrpersonen bleibt weiterhin gewährleistet. Nun entscheiden die Kantone darüber, wann der Lehrplan 21 eingeführt wird, wie die Ziele im Einzelnen erreicht werden und welche Aus- und Weiterbildung die Lehrpersonen benötigen. So auch der Kanton Baselland. Der Regierungsrat zeigt sich erfreut über die korrigierte Fassung, denn 7 seiner 9 Forderungen sind erfüllt worden. In unserem Kanton ist aber nicht er, sondern der Bildungsrat für die Umsetzung zuständig. In ihm sind alle grossen Parteien (CVP, Grüne, FDP, SP, SVP), die Wirtschaft (Handelskammer beider Basel, die Wirtschaftskammer BL), der Gewerkschafsbund, die Lehrpersonen (AKK, LVB) und die Landeskirchen vertreten. Er hat Ende November die Einführung mit den zwei noch fehlenden Ergänzungen beschlossen: So sind beim Übergang vom Kindergarten in die Primarschule weitere Anpassungen vorzunehmen und in der Sekundarstufe I die Ziele für jedes Schuljahr in den Niveaus A, E und P entsprechend zu differenzieren. In der Primarschule tritt der Lehrplan 21 im Schuljahr 2015/16 in Kraft. Für die Sekundarstufe I wird dies zwei Jahre später als ursprünglich angedacht im August 2018 der Fall sein. Damit schafft der Bildungsrat die notwendige Planungssicherheit, was vor allem von den Schulleitungen explizit begrüsst worden ist. Dass der Bildungsrat und nicht der Landrat für die Lehrpläne zuständig ist, macht aus meiner Sicht Sinn. Ich kann mir nicht vorstellen, dass 90 Politiker zum Beispiel darüber diskutieren, ob den Schülern Begriffe wie «Agglomeration, Verstädterung, Landflucht, Push-Pull-Faktoren und Segregation» im Rahmen der Stadtgeografie zugemutet werden können. Bleibt noch die Kritik an den «Sammelfächern». Hier hat Bildungsdirektor Urs Wüthrich entschieden, dass die betroffenen Fächer (z.B. Geschichte und Geografie) vorläufig weiterhin getrennt unterrichtet werden. Ungelöst bleibt vorderhand die Frage der Fremdsprachen. Hier hat der Bund die Kantone angewiesen, eine Lösung zu finden, die der Staatspolitik (Landessprache zuerst) und den Harmonisierungsbemühungen Rechnung trägt. Fazit: Der Lehrplan 21 stellt nicht alles auf den Kopf. Er ist nicht gescheitert, sondern gereift, auch wenn noch nicht alle Probleme gelöst sind. Er bildet ein wichtiges Mosaiksteinchen in der von einem Grossteil der Bevölkerung gewünschten Bildungsharmonisierung.

Martin Rüegg, Landrat SP, Gelterkinden: «Emotionen gehen hoch, wenn es um die Schule geht» Anfang November haben die 21 Bildungsdirektoren der Deutschschweiz den überarbeiteten Lehrplan 21 mit 19 Ja-Stimmen bei 2 Enthaltungen verabschiedet. Die Vorgaben, den Umfang um 20 Prozent zu kürzen, die Anforderungen zu senken und dem Wissen mehr Raum zu geben, wurden umgesetzt. Neben Bildungsexperten haben auch rund 50 Lehrpersonen an der dritten Version mitgewirkt. Nicht zuletzt aus diesem Grund begrüsst der Dachverband der Lehrerinnen und Lehrer LCH das Ergebnis ausdrücklich. Der Lehrplan 21 ist kein Gesetz, das buchstabengetreu umgesetzt werden muss. Er dient als Kompass und beschreibt die Ziele, welche nach dem Kindergarten und den ersten zwei Primarschuljahren, nach der 6. Klasse sowie am Ende der obligatorischen Schulzeit in allen 21 Kantonen erreicht werden. Dabei stehen erworbene Kompetenzen im Zentrum – die Fähigkeit, das erworbene Wissen anzuwenden. Nicht Sinn entleertes Auswendig-Lernen ist also gefragt, sondern praxistaugliches Wissen. An den Gymnasien und in der Berufsbildung wird schon seit Jahren mit Erfolg so gearbeitet. Die Lehrfreiheit der Lehrpersonen bleibt weiterhin gewährleistet. Nun entscheiden die Kantone darüber, wann der Lehrplan 21 eingeführt wird, wie die Ziele im Einzelnen erreicht werden und welche Aus- und Weiterbildung die Lehrpersonen benötigen. So auch der Kanton Baselland. Der Regierungsrat zeigt sich erfreut über die korrigierte Fassung, denn 7 seiner 9 Forderungen sind erfüllt worden. In unserem Kanton ist aber nicht er, sondern der Bildungsrat für die Umsetzung zuständig. In ihm sind alle grossen Parteien (CVP, Grüne, FDP, SP, SVP), die Wirtschaft (Handelskammer beider Basel, die Wirtschaftskammer BL), der Gewerkschafsbund, die Lehrpersonen (AKK, LVB) und die Landeskirchen vertreten. Er hat Ende November die Einführung mit den zwei noch fehlenden Ergänzungen beschlossen: So sind beim Übergang vom Kindergarten in die Primarschule weitere Anpassungen vorzunehmen und in der Sekundarstufe I die Ziele für jedes Schuljahr in den Niveaus A, E und P entsprechend zu differenzieren. In der Primarschule tritt der Lehrplan 21 im Schuljahr 2015/16 in Kraft. Für die Sekundarstufe I wird dies zwei Jahre später als ursprünglich angedacht im August 2018 der Fall sein. Damit schafft der Bildungsrat die notwendige Planungssicherheit, was vor allem von den Schulleitungen explizit begrüsst worden ist. Dass der Bildungsrat und nicht der Landrat für die Lehrpläne zuständig ist, macht aus meiner Sicht Sinn. Ich kann mir nicht vorstellen, dass 90 Politiker zum Beispiel darüber diskutieren, ob den Schülern Begriffe wie «Agglomeration, Verstädterung, Landflucht, Push-Pull-Faktoren und Segregation» im Rahmen der Stadtgeografie zugemutet werden können. Bleibt noch die Kritik an den «Sammelfächern». Hier hat Bildungsdirektor Urs Wüthrich entschieden, dass die betroffenen Fächer (z.B. Geschichte und Geografie) vorläufig weiterhin getrennt unterrichtet werden. Ungelöst bleibt vorderhand die Frage der Fremdsprachen. Hier hat der Bund die Kantone angewiesen, eine Lösung zu finden, die der Staatspolitik (Landessprache zuerst) und den Harmonisierungsbemühungen Rechnung trägt. Fazit: Der Lehrplan 21 stellt nicht alles auf den Kopf. Er ist nicht gescheitert, sondern gereift, auch wenn noch nicht alle Probleme gelöst sind. Er bildet ein wichtiges Mosaiksteinchen in der von einem Grossteil der Bevölkerung gewünschten Bildungsharmonisierung.

Martin Rüegg
Anita Biedert-Vogt, Landratskandidatin SVP Muttenz: «Diese Kröte werden wir wir diesmal nicht schlucken» Gegen neue Lehrpläne ist grundsätzlich nichts einzuwenden, vorausgesetzt, diese sind substanziell besser und zielen auf eine noch bessere Bildung ab. Mit Blick auf den Lehrplan 21 ist dies jedoch zu bezweifeln. Der Kern des kaum zu überblickenden Umfangs des LP 21 ist die Reflexion des Unterrichtsstoffs und nicht der Erwerb von Wissen. Wer vermag, mit Verlaub, ohne Wissen zu reflektieren? Der LP 21 muss kritisch hinterfragt werden – insbesondere auch aufgrund dessen, dass die sogenannten Sammelfächer zu einem eindeutigen Wissens- und Niveauabbau führen. Dem Wissen wird eine Randstellung eingeräumt, die Kompetenzen hingegen werden hochstilisiert zu einem Überthema. Abgesehen davon sei am Rande bemerkt, dass gute Lehrpersonen auch bis anhin stets kompetenzorientiert unterrichtet haben. Die Schule hat aber den Auftrag, in erster Linie Wissen zu vermitteln, die Schülerinnen und Schüler intellektuell zu fördern. Mit der Bildung darf nicht fahrlässig umgegangen werden. Ein ehrlicher Unterricht spiegelt stets den Wert der Leistung. Andernfalls verfallen die Schülerinnen und Schüler der Illusion, eine anspruchsvolle Berufsausbildung sei auch ohne entsprechende Leistung möglich. Der Bildungsrat hat den Lehrplan 21 zur Einführung frei gegeben, der Bildungsdirektor hat bestimmt, dass dieser ab dem Schuljahr 2015/16 in der Primarschule, in der Sekundarschule I ab dem Schuljahr 2018/19 eingeführt werden muss. Regierungsrat U. Wüthrich übergeht damit einmal mehr mit Ignoranz die Tatsache, dass im Landrat noch parlamentarische Initiativen hängig sind. Weite Kreise – über die Parteigrenze der SVP hinweg – erachten den LP 21 als nicht akzeptabel. Den immensen Kosten, die der LP 21 generiert, ist entgegenzutreten, auch deshalb gehört die Bildung in bürgerliche Hand. Dass Bildung etwas kosten darf, steht ausser Frage. Der Tendenz, mit Steuergeldern jedoch allzu grosszügig umzugehen, muss mit Vernunft und Übersicht Einhalt geboten werden. Die Qualität eines guten Unterrichts hängt nicht von der Quantität des Angebots ab, sondern von engagierten und belastbaren Lehrkräften. Unsere Jugendlichen haben das Recht auf eine optimale Bildung – sprich: Sie sollen lesen, rechnen und systematisch denken lernen. Ein Schulunterricht, der sich an der Wirklichkeit misst und Leistungsbewusstsein fordert und fördert ist geradezu verpflichtend.

Anita Biedert-Vogt, Landratskandidatin SVP Muttenz: «Diese Kröte werden wir wir diesmal nicht schlucken» Gegen neue Lehrpläne ist grundsätzlich nichts einzuwenden, vorausgesetzt, diese sind substanziell besser und zielen auf eine noch bessere Bildung ab. Mit Blick auf den Lehrplan 21 ist dies jedoch zu bezweifeln. Der Kern des kaum zu überblickenden Umfangs des LP 21 ist die Reflexion des Unterrichtsstoffs und nicht der Erwerb von Wissen. Wer vermag, mit Verlaub, ohne Wissen zu reflektieren? Der LP 21 muss kritisch hinterfragt werden – insbesondere auch aufgrund dessen, dass die sogenannten Sammelfächer zu einem eindeutigen Wissens- und Niveauabbau führen. Dem Wissen wird eine Randstellung eingeräumt, die Kompetenzen hingegen werden hochstilisiert zu einem Überthema. Abgesehen davon sei am Rande bemerkt, dass gute Lehrpersonen auch bis anhin stets kompetenzorientiert unterrichtet haben. Die Schule hat aber den Auftrag, in erster Linie Wissen zu vermitteln, die Schülerinnen und Schüler intellektuell zu fördern. Mit der Bildung darf nicht fahrlässig umgegangen werden. Ein ehrlicher Unterricht spiegelt stets den Wert der Leistung. Andernfalls verfallen die Schülerinnen und Schüler der Illusion, eine anspruchsvolle Berufsausbildung sei auch ohne entsprechende Leistung möglich. Der Bildungsrat hat den Lehrplan 21 zur Einführung frei gegeben, der Bildungsdirektor hat bestimmt, dass dieser ab dem Schuljahr 2015/16 in der Primarschule, in der Sekundarschule I ab dem Schuljahr 2018/19 eingeführt werden muss. Regierungsrat U. Wüthrich übergeht damit einmal mehr mit Ignoranz die Tatsache, dass im Landrat noch parlamentarische Initiativen hängig sind. Weite Kreise – über die Parteigrenze der SVP hinweg – erachten den LP 21 als nicht akzeptabel. Den immensen Kosten, die der LP 21 generiert, ist entgegenzutreten, auch deshalb gehört die Bildung in bürgerliche Hand. Dass Bildung etwas kosten darf, steht ausser Frage. Der Tendenz, mit Steuergeldern jedoch allzu grosszügig umzugehen, muss mit Vernunft und Übersicht Einhalt geboten werden. Die Qualität eines guten Unterrichts hängt nicht von der Quantität des Angebots ab, sondern von engagierten und belastbaren Lehrkräften. Unsere Jugendlichen haben das Recht auf eine optimale Bildung – sprich: Sie sollen lesen, rechnen und systematisch denken lernen. Ein Schulunterricht, der sich an der Wirklichkeit misst und Leistungsbewusstsein fordert und fördert ist geradezu verpflichtend.

Anita Biedert-Vogt