Pratteln
Putzen für die Eule, die nicht kommt – stattdessen machen sich Tauben breit

Die 78-jährige Verena Suter reinigt regelmässig den Giebel des Pratteler Kirchturms – bis jetzt ohne Erfolgserlebnis.

Boris Burkhardt
Drucken
Teilen
Er leuchtet, sie putzt. Rollenteilung von Verena Suter und Benedikt Schmidt im Kirchturm.

Er leuchtet, sie putzt. Rollenteilung von Verena Suter und Benedikt Schmidt im Kirchturm.

Alexander Preobrajenski (Pratteln, 23. Oktober 2020

Mit Harke und Spachtel macht sich Verena Suter daran, das eingetrocknete Gemisch aus Kot, Federn und Stroh vom Boden des Eulenkastens zu kratzen. Eine Arbeit, um die die 78-Jährige keiner beneidet. Es ist eng hier oben im Giebel des Turms der reformierten Kirche in Pratteln, noch ein gutes Stück oberhalb der Glocken. Suter trägt ein Kopftuch zum Schutz ihrer Haare und einen Mund-Nasen-Schutz, der sie hier vor allem vor den Würmern und Krankheiten im Kot schützt. Zum Glück regnet es draussen; das hält den Staub in Grenzen.

Benedikt Schmidt (52) steht in der Luke im Boden und leuchtet seiner Vereinskollegin mit der Taschenlampe. Seit drei Jahren steigen Vorstandsmitglied Suter und Präsident Schmidt vom Natur- und Vogelschutzverein Pratteln (NVVP) einmal im Frühjahr und einmal im Herbst unter die Turmspitze, um den etwa 80 mal 50 mal 50 Zentimeter grossen Eulenkasten und das als Einflugloch dienende nördliche Giebelfenster vom Kot zu reinigen. Der stammt nämlich zum Leidwesen der beiden nicht von Schleiereulen, die hier einst nisteten, sondern von Tauben, die sich im Eulenkasten ungefragt breitmachen.

Letzte Schleiereule hauste 2009 im Kirchturm

Als sie zum ersten Mal hier oben gewesen sei, habe es bestialisch gestunken, erzählt Verena Suter. Zum Kot seien damals die verwesten Kadaver von Mäusen gekommen, die den Eulen als Nahrung gedient hätten. Die letzte Eule im Kirchturm sei im strengen Winter 2009 verschwunden, berichtet Suter: «Vermutlich ist sie verfroren.» Seither wollten sich keine Euleneltern mehr im Kasten niederlassen.

2017 übernahmen Suter und Schmidt die Verantwortung für den Eulenkasten. Bei ihrem ersten Besuch habe der Taubenkot den Eulenkasten zu zwei Dritteln gefüllt, berichtet Suter. Suter und Schmidt war sofort klar, dass unter diesen Bedingungen nie mehr Eulen zurückkehren würden. Deshalb vereinbarten sie nach der ersten Reinigung, das Eulenzuhause regelmässig zu putzen. Der Zustieg zum obersten Turmstockwerk erfolgt über zwei Treppen und eine grosse Holzleiter in den Glockenstuhl. Von hier gilt es, über zwei kleinere Metalleitern durch das Gebälk zu klettern.

Ursprünglich gab es das oberste Stockwerk gar nicht; der Eulenkasten ruhte lediglich auf zwei Giebelbalken über den Glocken. 2015 liess der NVVP jedoch den obersten Boden mit der Luke und eine Kletterhilfe anbringen. «Alleine auf den Balken wäre ich nie herumbalanciert», sagt Suter. Erst seit diesem Frühjahr gibt es ausserdem Kletterseile im Turm, in die sich die Besucher mit einem Klettergeschirr einklinken: eine sinnvolle Anordnung der Suva. Ausserdem stellt Kirchenpfleger Lukas Schaffner mittlerweile die Glocken ab, solange die Vogelfreunde im Turm oben sind. Dennoch bleibt der Aufstieg zum Eulenkasten anstrengend und gefährlich.

«Als ob jemand schnarchen würde»

«Die Eulen liegen mir am Herzen», erklärt Suter, warum sie sich das antut. 2008 sorgte eine Eulenfamilie für grosse Freude in Pratteln: Von Juni bis September konnte jeder über die Webcam die Aufzucht und ersten Flugversuche der Jungtiere verfolgen; die Videos sind noch heute auf dem Blog Pratteln.net, den Suters Mann Kurt betreibt, zu sehen.

Entdeckt wurden die Eulen damals anhand des typischen Geräuschs, das sie von sich geben, «als ob jemand in der Nachbarschaft schnarche», wie Kirchgänger und Nachbarn damals berichteten. Später habe man die jungen Eulen auf den Zeigern der Kirchturmuhr beobachten können, erzählt Suter und schmunzelt.

Der Bestand der Schleiereulen in Mitteleuropa hat abgenommen; noch gilt sie aber nicht als gefährdet. In der Nachbarschaft in Muttenz und Pratteln gebe es durchaus einige, weiss Suter: Sie machten es sich ausser in Kirchtürmen gerne in grossen Ställen gemütlich, wo sie viele Mäuse fänden. Wenn endlich wieder eine Eule im Prattler Kirchturm heimisch würde, würde Suter wieder eine Kamera installieren. 2008 musste die Webcam noch umständlich mit Kabel an das Pfarrhaus angeschlossen werden – das ginge heute etwas einfacher. Solange sie noch keine Angst habe, auf den Turm zu klettern, werde sie auch weiterhin den Eulen ihr potenzielles Zuhause sauberhalten, sagt Suter.