Auf dem Podium
Realitätscheck: Tatort-Ermittler unter der Lupe

Zwei Insider verrieten im Dichter- und Stadtmuseum Liestal, wie viel Realität in Krimis steckt.

Rebekka Balzarini
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TV-Serie Tatort: Rechtsmediziner Karl-Friedrich Boerne (vorne) und Hauptkommissar Frank Thiel ermitteln. Nicht immer entspricht alles der Realität.

TV-Serie Tatort: Rechtsmediziner Karl-Friedrich Boerne (vorne) und Hauptkommissar Frank Thiel ermitteln. Nicht immer entspricht alles der Realität.

Brunner Walter

Mögen sie CIA? Die Krimiserie, in der ein junges Team die kniffligsten Fälle löst, mithilfe der neusten technischen Mittel? Patrick Dormann, stellvertretender Leiter der Forensik Baselland, mag CSI nicht. Er gerät sich sogar fast mit seiner Frau in die Haare, wenn einmal CSI läuft. «Weil ich dann immer dazwischenrede und sage: So geht das nicht!»

Dormann weiss, was viele Menschen nicht wissen. Nicht wissen können. Nämlich, wie man Verbrechen aufklärt. Wie man Spuren sucht, findet, sie zusammenbringt und so hilft, ein Verbrechen aufzuklären. Damit sieht und liest er Krimis mit anderen Augen. Wie das ist, verriet er am Freitagabend im Dichter- und Stadtmuseum Liestal im Rahmen von Krimi-Schwerpunkt Liestal.

Die Diskussion «Verbrechen und Strafe. Zur Realität der Verbrechensbekämpfung im Kanon Baselland» ging es darum, Kriminalromane und Krimi-Serien einem Realitätscheck zu unterziehen. Dormann war zusammen mit Urs Geier, dem Leitenden Staatsanwalt der Staatsanwaltschaft Baselland, in Liestal zu Gast. Zu Beginn erzählten sie Moderator Stefan Hess aus ihrem Alltag. Etwa, ob man anders durchs Leben geht, wenn man täglich mit Verbrechen zu tun hat. Oder wie es Staatsanwalt Geier beschreibt: «Mit der dunklen Seite der Gesellschaft, mit dem, was hinter den Vorhängen und Gartenzäunen passiert.» Natürlich sei das prägend, geben beide Gäste zu. «Ich überlege mir vielleicht schon zweimal, ob jemand jetzt die Wahrheit sagt oder nicht», erklärte Staatsanwalt Geier. Und Forensiker Dormann sagte: «Ich gehe sicher weniger naiv durchs Leben als früher.»

Abschalten ist nicht einfach

Aber auch das Verbrechen kann Alltag werden. Keiner von beiden nimmt Gedanken von der Arbeit mit nach Hause. Jedenfalls normalerweise. Dormann erinnert sich an einen Fall, der ihm sehr naheging: Ein junges Mädchen wurde erschossen. «Das hat mich schon getroffen», erklärt er. In solchen Situationen helfe es ihm, wenn er mit seinen Mitarbeitern offen reden könne. Auch Geier erinnert sich an Fälle, bei denen er nicht abschalten konnte. Vor allem am Anfang seiner Karriere. «Da ging ich am Freitag nach Hause und dachte: Himmel, da hast du einen ins Gefängnis gebracht, und jetzt gehst du einfach ins Wochenende.»

Im zweiten Teil des Abends ging es dann konkret um Verbrechen in Büchern und Fernsehen. Moderator Hess las zwei Szenen aus dem Kriminalroman «Schachzug» des Liestaler Autors Rolf von Siebenthal. In dem Roman wird ein aufstrebender Manager mit einem präzisen Schuss ermordet. Im Wald beim Joggen, aus 600 Metern Entfernung. In einer Szene beschreibt Autor Siebenthal, wie die Spurensicherung den Ermittlern ihre Resultate präsentiert. In der zweiten Szene besprechen die Ermittler mit der Staatsanwältin, ob ein Hausdurchsuchungsbefehl ausgestellt werden darf. Forensiker Dormann und Staatsanwalt Geier hörten aufmerksam zu. Und beide bestätigten: So weit von der Realität weg sind die Szenen nicht. Zum Beispiel werden im Buch Reifenspuren ausgewertet, die in der Nähe des Tatorts gefunden wurden. Das sei auch bei Ermittlungen in der Realität ein wichtiger Bestandteil, bestätigen beide Gäste. Reifenspuren seien häufig hilfreich, um einen Fall aufzuklären. Staatsanwalt Geier erinnert sich etwa daran, dass im Kanton einmal ein Mädchen von einem Auto angefahren wurde. «Auf dem T-Shirt fanden wir einen Abdruck des Reifens. Danach suchten wir in der Umgebung nach Fahrzeugen mit dem entsprechenden Reifenprofil, und konnten so tatsächlich das Unfallfahrzeug finden.»

Auch die Gespräche zwischen Polizei und Staatsanwaltschaft seien oft ähnlich wie in der geschilderten Szene. «Es trifft es sogar recht genau», so Geier. «Es ist die Situation, in der wir häufig sind. Die Polizei ist überzeugt, dass genug Beweise vorliegen. Und wir müssen dann schauen, ob Bedingungen der Staatsprozessordnung erfüllt sind.» Die Nervosität der Staatsanwältin im Buch kann Geier dabei nachvollziehen, denn «die Entscheide sind nicht schwarz oder weiss. Man trifft sie, oder man trifft sie nicht.»

Bei der Szene aus dem Buch ist er sicher: «Von zehn Staatsanwälten würden fünf für eine Hausdurchsuchung stimmen, fünf dagegen». Und Geier selber? «Nun», sagt er mit einem Lachen, «ich kann verraten, dass ich mir sicher war, dass die Staatsanwältin im Buch die Hausdurchsuchung bewilligt.»