Radon in Schulen
Regierung weiss längst vom Gift, handelt aber nicht - jetzt wird Landrätin aktiv

Radon raus aus den Schulen: Das fordert Grünen-Landrätin Rahel Bänziger. Zwar weiss der Kanton schon seit Dezember, dass das Wohngift in 17 seiner Schulhäuser schlummert, doch passiert ist seither wenig.

Benjamin Wieland
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Auch hier lauert das Edelgas Radon: Die Sekundarschulanlage Bachmatten in Reinach.

Auch hier lauert das Edelgas Radon: Die Sekundarschulanlage Bachmatten in Reinach.

Kenneth Nars

Radon ist ein Wohngift. Es sucht einen in Gebäuden heim. Dabei ist das Edelgas selber nicht speziell gefährlich – seine Zerfallsprodukte aber umso mehr. Vor allem die Polonium-Isotope können der Lunge Schaden zufügen, wenn sie sich in dieser ablagern. Eine mögliche Folge davon ist Lungenkrebs.

In 17 Schulhäusern im Baselbiet ist die Radon-Konzentration erhöht. Das gab der Regierungsrat im Dezember bekannt (die bz berichtete). Der Kanton hat es seither beim Messen und Berichten belassen, wie schon in den Jahren zuvor. Passiert ist also nichts – und das macht Grünen-Landrätin Rahel Bänziger sauer. «Ich bin enttäuscht, dass der Regierungsrat das Thema offenbar auf die leichte Schulter nimmt», sagt die Biochemikerin. «Radon ist gefährlich, vor allem bei Kindern kann es grossen Schaden anrichten, da sich ihre Körper noch im Wachstum befinden. Der Regierungsrat setzt die Gesundheit der Kinder leichtfertig aufs Spiel.»

Zwei Jahre verstreichen

Bereits im Januar reichte die Binningerin im Landrat eine Interpellation zum Thema Radon ein. In dieser wollte sie vom Regierungsrat unter anderem wissen, weshalb es mit den versprochenen Messungen und den Sanierungen der betroffenen Immobilien nicht rascher vorwärts gehe. Tatsächlich lässt sich der Kanton Zeit. Der erste Vorstoss im Landrat, der vor Radon in Schulen warnte, stammt aus dem Jahr 2010. Eingereicht hat ihn Bänzigers Parteikollege Klaus Kirchmayr. Dann, im Herbst 2011, überwies der Landrat ein Postulat Bänzigers, in dem sie unter anderem einen «Massnahmenplan zur Radon-Sanierung aller belasteten Schulräume» forderte. Das Kantonslabor rückte aber erst zwei Jahre danach, im Winter 2013/14, mit Messgeräten in die Schulen aus – mehr als zwölf Jahre später als die Kollegen in Basel-Stadt (siehe Kasten).

Der Baselbieter Regierungsrat beantwortete Bänzigers Interpellation vom Januar vergangene Woche. Er hält fest, dass die Radonmessungen sehr aufwändig seien. Die Messdauer alleine beanspruche drei Monate, die Datenauswertung durch externe Fachspezialisten nochmals ein halbes Jahr. Zudem sei eine Messung nur in den Heizperioden, also im Winter möglich.

Bänziger jedoch glaubt, dass die Messungen rascher realisierbar gewesen wären. «Es braucht doch nicht zwei Jahre Planung, um ein Dosimeter in einen Raum zu stellen. Und es braucht auch nicht ein halbes Jahr, um dieses auszuwerten», sagt Bänziger zur bz. Sie spreche aus Erfahrung, weil sie selber beruflich mit Radioaktivität zu tun gehabt habe. «Der Regierungsrat hat nach der Überweisung meines Postulats ein Jahr ins Land ziehen lassen, bis er den Entschluss zur Messung fasste. Das ist verlorene Zeit.»

WHO empfiehlt tieferen Wert

Der Baselbieter Kantonschemiker Peter Wenk entgegnet auf diese Vorwürfe, es sei nicht möglich gewesen, in kürzerer Zeit Resultate zu liefern. «Die Radon-Konzentration schwankt über einen längeren Zeitraum sehr stark. Wir mussten drei Monate messen, um verlässliche Werte zu erhalten – und das in verschiedenen Räumen von insgesamt 133 Objekten.» Das beanspruche viel Zeit und Personal. «Zudem mussten wir die Heizperiode abwarten, da das Radon vor allem durch das Heizen und den daraus folgenden Kamineffekt in die Häuser gelangt.»

Bänziger kritisiert aber nicht nur die lange Planungs- und Auswertungszeit, sondern auch den Richtwert, den der Kanton beachte. «Dieser ist zu hoch», sagt sie. «Die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt einen bedeutend tieferen Grenzwert als derjenige, der im Kanton Baselland bisher angewendet wird und hier als unbedenklich gilt.»

Und tatsächlich: Die WHO rät zu einem Grenzwert von 100 Becquerel pro Kubikmeter Luft. Becquerel ist die Masseinheit, mit der die Radioaktivität eines Elements angegeben wird. Die sich in Revision befindliche eidgenössische Strahlenschutz-Verordnung sieht einen neuen Höchstwert für Schulen von 300 Becquerel vor, ab dem ein Gebäude saniert werden muss. 100 Becquerel sind in der Schweiz laut Bundesamt für Gesundheit nicht realistisch, wegen der «Bodenbeschaffenheit». Irritierend bleibt, weshalb Nachbarländer mit denselben oder vergleichbaren Böden wie Deutschland und Österreich zumindest für Neubauten tiefere Richtwerte kennen als die Schweiz.

Der Baselbieter Regierungsrat hält in seinen Antworten von Anfang Woche fest, der aktuell gesetzlich vorgeschriebene Grenzwert für Schulräume liege wesentlich höher, nämlich bei 1000 Becquerel pro Kubikmeter, und dieser sei nirgends überschritten worden (exakte Messwerte für die einzelnen Schulen publizierte der Kanton keine). Somit bestehe «kein gesetzlich begründeter Handlungsbedarf». Für die kantonseigenen Schulgebäude jedoch, betont der Regierungsrat, berücksichtige man «in der weiteren Massnahmeplanung bereits den neuen Zielwert von 300 Becquerel pro Kubikmeter».

Kantonschemiker Peter Wenk sagt, Schulen, die über dem Zielwert von 300 Becquerel lägen, würden prioritär angeschaut. Es müsse jedoch auch beachtet werden, wie lange sich jemand in einem Raum aufhalte. Räume mit längerer Aufenthaltsdauer würden vorrangig saniert, um einen grösstmöglichen Schutz für die Kinder zu erreichen. Das heisst: ein Klassenzimmer hat Vorzug vor der Aula.

«Sanierungen sind dringend»

Für Bänziger wiederum ist das zu wenig konsequent. Auch tiefe Radon-Werte und kurze Expositionszeiten seien nicht unbedenklich, das würden Studien zeigen «Die Sanierungen sind dringend», sagt sie. «Es geht um die Gesundheit unserer Kinder – diese muss uns das Geld für Sanierungen einfach Wert sein.»