Abstimmung
Region Basel streitet um die zweite Gotthard-Röhre

Baselland und Wirtschaftsverbände fordern die zweite Gotthard-Röhre, Basel-Stadt und der VCS sind dagegen. Auch über die Frage, ob dieser zweite Tunnel der Region Basel mehr oder weniger Verkehr bescheren würde, ist man sich nicht einig.

Hans-Martin Jermann
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Heute kreuzen die Fahrzeuge im Gotthard in derselben Röhre. Mit dem Bau der zweiten Röhre würde der Verkehr in den Tunnels richtungsgetrennt geführt.

Heute kreuzen die Fahrzeuge im Gotthard in derselben Röhre. Mit dem Bau der zweiten Röhre würde der Verkehr in den Tunnels richtungsgetrennt geführt.

Keystone

Am 28. Februar 2016 wird das Stimmvolk auf eidgenössischer Ebene über den Bau einer zweiten Röhre am Gotthard entscheiden. Ein zweiter Strassentunnel soll es ermöglichen, die alpenquerende Nord-Süd-Verbindung aufrecht zu erhalten, während der 1980 eröffnete Tunnel saniert wird. Gestern machten Vertreter des Basler Gewerbeverbandes, der Baselbieter Wirtschaftskammer, des Schweizerischen Dachverbandes sowie die Baselbieter Baudirektorin Sabine Pegoraro (FDP) in Liestal deutlich, weshalb die zweite Gotthardröhre aus Nordwestschweizer Sicht nötig sei. In einer wichtigen Verkehrsfrage ist man sich in der Region – einmal mehr – uneinig: So hat die Basler Regierung bereits im Frühling 2013 klar gemacht, dass sie die zweite Gotthardröhre ablehne.

Pegoraro: «Verkehrschaos droht»

Der Gotthard scheine weit weg, sagt Regierungsrätin Pegoraro. «Aber wenn dort nicht die richtigen Massnahmen getroffen werden, dann haben wir hier in der Nordwestschweiz ein Verkehrschaos». Doch weshalb soll das so sein? Damit trotz Sperrung am Gotthard wegen der Sanierung Güter über die Alpen transportiert werden können, würde dann die sogenannte lange Rollende Landstrasse (Rola) eingerichtet. Dafür brauche es aber Verladestationen sowie Warteräume für Lastwagen. «Diesen Platz haben wir in der Region nicht», ist Pegoraro überzeugt. Als Standort für eine solche Verladestation käme der Basler Güterbahnhof Wolf infrage. Ein solches Verladeterminal ist laut Pegoraro bis zu 20 Fussballfelder gross. Dies zeigten Beispiele aus dem Ausland.

Zudem würde die Rola in der Region Basel für massiven Mehrverkehr sorgen. Dies laut Pegoraro, weil dann etwa Camions aus Delémont oder Solothurn zuerst nach Basel fahren müssten, um dort auf die Züge verladen zu werden. Von einer zweifelhaften, nicht durchdachten Idee spricht Christoph Buser, der Direktor der Baselbieter Wirtschaftskammer. Mit der Rola müsste wohl das Nachtfahrverbot geritzt werden, ausserdem sei diese bei gerechneten Kosten von 3 Milliarden Franken unverhältnismässig teuer. «Letztlich ist die Rola eine Nebelpetarde, die das Problem verschärft», sagte Buser.

VCS: «Augenwischerei»

Ganz anders beurteilt der VCS die zweite Gotthardröhre: «Ein Verkehrschaos werden wir haben, wenn diese kommt», sagt Stephanie Fuchs, Geschäftsführerin des VCS beider Basel, auf Anfrage. Nach der Sanierungsphase werde der Schwerverkehr am Gotthard stark zunehmen – damit auch in der Region Basel. «Die Beteuerungen, in den beiden Tunnels werde der Verkehr nach der Sanierung nur auf je einer von zwei Spuren geführt, sind Augenwischerei», findet Fuchs. Ist der zweite Tunnel erst gebaut, so werde der politische Druck aus dem In- und Ausland rasch steigen, die neuen Kapazitäten auch zu nutzen. Basel–Gotthard–Chiasso wäre dann die kürzeste vierspurige Lastwagen-Verbindung zwischen Nord- und Südeuropa.

Im Gegensatz zu Regierungsrätin Pegoraro befürwortet Fuchs den Bau einer Verladestation in der Region für den Transitverkehr Basel–Chiasso, die lange Rollende Landstrasse. Die VCS-Geschäftsführerin bringt auch gleich einen Standort ins Spiel: Der Umschlagbahnhof der Deutschen Bahn könne geprüft werden; dort lägen geeignete Gleisanlagen brach, eine Autobahnzufahrt bestehe ebenfalls. Die Verladestation Erstfeld für die sogenannte kurze Rollende Landstrasse benötigt gemäss Bund 50 000 Quadratmeter, dies entspricht ungefähr sieben Fussballfeldern. «Jene in Basel wäre in etwa vergleichbar.»

Basel: «Offen für Gespräche»

Fuchs stellt dezidiert in Abrede, dass die Verladestation Basel wie von Pegoraro behauptet massiven Umwegverkehr generiere. «Der Binnenverkehr sowie Import- und Exportfahrten nutzen natürlich den Bahnverlad Erstfeld–Biasca, diese Lastwagen müssen also keine Schlaufe via Basel fahren.» Der neue Neat-Tunnel am Gotthard weise genügend Kapazitäten auf, um beide Rollenden Landstrassen aufzunehmen. «Mit einer Lang-Rola Basel–Chiasso wird die Region Basel zudem deutlich vom Transitverkehr entlastet», sagt Fuchs zusammenfassend.

In eine ähnliche Richtung zielen die Äusserungen der Basler Regierung: Der Bau einer zweiten Röhre schwäche die Verlagerungspolitik des Bundes, heisst es in ihrer Vernehmlassung vom April 2013. Die Mehrkosten von 1,2 Milliarden Franken für die zweite Röhre seien nicht vertretbar: Dieses Geld könnte andernorts mit einem wesentlich besseren Kosten-Nutzen-Verhältnis sinnvoller eingesetzt werden. Die zweite Gotthardröhre ist eine «nicht nachvollziehbare Prioritätensetzung», schreibt die Regierung. Zur möglichen Camion-Verladestation will man indes noch nicht im Detail Stellung nehmen: Dies sei Bundesaufgabe; der Kanton sei aber offen für Gespräche, sagt Marc Keller, Leiter Kommunikation im Basler Bau- und Verkehrsdepartement.

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