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Regula Nebiker plädiert für ein offenes und selbstbewusstes Baselbiet

Auf Spurensuche mit der Regierungskandidatin der SP auf dem elterlichen Hofgut. Im dichten Nebel plädiert sie für ein offenes, selbstbewusstes Baselbiet.

Hans-Martin Jermann
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«Die erste Begegnung mit der grossen weiten Welt»: Regula Nebiker bei der A2-Auffahrt in Diegten, nahe beim Hof, wo sie aufgewachsen ist.

«Die erste Begegnung mit der grossen weiten Welt»: Regula Nebiker bei der A2-Auffahrt in Diegten, nahe beim Hof, wo sie aufgewachsen ist.

Kenneth Nars

Eigentlich wollte Regula Nebiker mit der bz an den Rhein. Ein Spaziergang zwischen Augst und Basel sollte symbolisch stehen für die Gemeinsamkeiten von Stadt und Land, aber auch für die Öffnung hin zum Fluss – damit auch Richtung Deutschland: «Das Rheinbord auf Baselbieter Seite ist wichtig für die weitere Entwicklung unseres Kantons – und doch ist es für viele ein schwarzer Fleck auf der Landkarte, eine industrielle No-go-Area», sagt Nebiker.

Wegen der Wetteraussichten schlägt sie eine Alternative vor: das Hofgut Ebnet oberhalb Diegten. Hier ist Regula Nebiker aufgewachsen. Auf dieser Ebene wirkt die Landschaft auch bei nicht so freundlichem Wetter offen. Marschiert man vom stattlichen Hof der Nebikers auf die Bergfluh, so hat man einen herrlichen Blick über das Oberbaselbiet bis in den Schwarzwald. Doch heute regiert selbst auf dem Ebnet dichter Nebel: «So trüb war es hier schon lange nicht mehr», sagt der Pächter fast entschuldigend. Die Regierungskandidatin nimmts mit Humor: «Angesichts der Grosswetterlage könnte ich eh keine Schönwetterregierungsrätin werden.»

«Ich kratze gerne am Idyll»

Auf weitverzweigten Wegen spazieren wir um den Hof und diskutieren. Inmitten von hunderten Obstbäumen aller Sorten, wie sie fürs Baselbiet typisch sind. Hochstämmer, Niedrigstämmer. Die Tochter eines Agronomie-Pioniers kann die Bäume auch ohne Frucht und Blätter von weitem bestimmen: vom Basler Adler bis zur modernen Kordia. Natürlich seien Hof und Umgebung eine Idylle, beginnt Nebiker. Doch keine, die fernab der Welt und der Realitäten liegt. Nur wenige hundert Meter weiter unten schlängelt sich die A2 durchs Diegtertal: «Als Kind war das für mich die erste Begegnung mit der grossen, weiten Welt.» Die Autobahn mag den Landschaftseindruck trüben, der Transitverkehr hat aber auch einen Hauch Internationalität in die ländliche Umgebung gebracht.

Neben der Autobahneinfahrt habe sie auch einige nicht so schöne Dinge gesehen, berichtet Nebiker im Vorbeigehen. Und doch ist das für sie ein passender Ort fürs Porträt. Einige hundert Meter vom Hof in der entgegengesetzten Richtung gehen wir an der Bennwiler Inertstoffdeponie vorbei. Angesichts der im Karacho vorbeidonnernden Lastwagen müssen wir das Gespräch mehrmals unterbrechen. Nicht weit weg vom idyllischen Hofgut liegt Zivilisationsmüll. Nebiker mag die Augen nicht vor den weniger schönen Erscheinungen verschliessen – im Gegenteil: «Ich kratze auch gerne mal am Idyll», sagt sie und schmunzelt.

Der Hof profitiert finanziell von Gebühreneinnahmen der Deponie. Die SP-Frau kritisiert die Haltung ihres Vaters, des langjährigen SVP-Nationalrats Hans-Rudolf Nebiker, der dem Staat misstrauisch gegenüberstand und den Hof als eine «Freie Republik» sah. «Ich habe früh ein Bewusstsein entwickelt, dass auch für eine Familie, der es relativ gut geht, der Staat von grosser Bedeutung ist: Wie sonst hätten wir sechs Nebiker-Schwestern das Gymnasium besuchen können?», fragt sie rhetorisch.

Doch Nebiker will auch Gemeinsamkeiten mit ihrem 2008 verstorbenen Vater herausstreichen: «Er hat mir wichtige Tugenden mitgegeben: Unvoreingenommenheit und Neugier.» In Landwirtschaftskreisen ist er als offener Geist in Erinnerung, der auf seinem Hof viele Neuerungen einführte. Politisch gilt Nebiker, der 1991/1992 den Nationalrat präsidierte, als Vertreter einer SVP, die es so heute kaum mehr gibt: konsensorientiert und moderat.

Das gilt auch für die Tochter, die «als Mittelstandskind mit guter Bildung und als Lohnempfängerin», wie sie sagt, politisch andere Wege einschlug und nach einem Intermezzo bei der Jungen SVP bei der SP landete. «Es ist eben doch der Staat, der den Kanton ausmacht.» Nach der Wiedervereinigungsabstimmung 1969 habe der Kanton Schulen sowie Spitäler gebaut und so Aufbruchstimmung erzeugt. «Das war für die Baselbieter im 20. Jahrhundert identitätsstiftend», sagt die Historikerin.

Ein Dialekt-Chrüsimüsi

Doch auch die Prägung durch die Mutter ist wichtig. Nebiker beschreibt die aus dem Berner Mittelland stammende Lehrerin als starke, aber auch fürsorgliche Persönlichkeit. Übrigens: Die Herkunft ihrer Familie mütterlicherseits dürfte für das schwer definierbare Dialekt-Chrüsimüsi Nebikers mindestens so prägend gewesen sein wie die rund zehn Jahre Tätigkeit im Bundesarchiv in Bern. Nebiker sagt «härestah», nicht wie typisch baselbieterisch «anestoh», «es geit», statt «es goht».

Wie der Vater löst auch die Mutter den Widerspruch der Tochter aus: Sie habe nie ganz verstanden, weshalb ihre Mutter freiwillig derart hinter ihrem Ehemann zurückgestanden sei. Das habe den Reflex ausgelöst: «So möchte ich es selber nicht machen.» Nebiker hat eher spät geheiratet (und ihren Geschlechtsnamen behalten) sowie spät Kinder gekriegt. Sie habe sich gesagt: «Wenn meine jüngere Tochter zehn Jahre alt wird, dann engagiere ich mich politisch wieder.» Das erklärt, weshalb sie mit 57 eher alt ist für eine erstmals antretende Regierungskandidatin.

Einen Kilometer weiter bergauf sollten wir den erwähnt weiten Blick übers Baselbiet haben. Wohin möchte eine Regierungsrätin Nebiker mit dem Kanton? Ein Teil der Probleme liege in verkrusteten Strukturen und festgefahrenen Mustern begründet, analysiert sie. «Zwischen Regierung und Landrat herrscht Chaos.» Hier seien die Rollen zu klären, neue Köpfe dazu hilfreich.

Neuanfang in der Partnerschaft

Nebiker verweist auf die ihrer Ansicht nach zu starke Verstrickung der Baselbieter Wirtschaftskammer mit Regierung und Verwaltung. Die Tatsache, dass dies nicht transparent gemacht werde, wirke auf die Bürger nicht vertrauensbildend. Doch für Nebiker ist etwas anderes gravierender: «Der allzu starke Einfluss der Wirtschaftskammer gibt bei der Entwicklung des Kantons eine falsche Richtung vor.» Als handwerklich orientierter KMU-Verband betone diese eher das Trennende. Dies sei legitim – aber nicht die Sicht der gesamten Wirtschaft. Im Wahlkampf positioniert sie sich als unabhängige Kandidatin und grenzt sich damit etwas von SP-Mitstreiter Daniel Münger ab, der seine Nähe zur Wirtschaftskammer nicht leugnen kann.

Mit dem Blick aufs Baselbiet führt das Gespräch zur Partnerschaft: Nachdem geklärt ist, dass eine Fusion nicht zustande kommt, fordert Nebiker einen Neuanfang in der Beziehung zu Basel-Stadt mit dem Ziel einer weiteren Annäherung. Sie findet allerdings auch, dass sich Baselland in der Vergangenheit oft ängstlich und verschämt verhalten habe. Sie wünsche sich ein grösseres Selbstbewusstsein. «Wir müssen uns in den Verhandlungen mit Basel nicht dafür schämen, dass unsere finanziellen Möglichkeiten eingeschränkt sind.» Schliesslich argumentiert Nebiker mit dem gesunden Menschenverstand einer Bäuerin, wenn sie sagt: «Wir sollten uns im Baselbiet nicht ständig fragen: ‹Was will denn der Nachbar wieder von mir?›, sondern uns vor Augen führen: ‹Wenn es dem Nachbarn gut geht, geht es uns auch gut.›»