Asylheim-Affäre
Reinacher Gemeindepräsident Buchs: «Im Rückblick wirkt das schwer verständlich»

Melchior Buchs analysiert die Affäre selbstkritisch. Konsequenz: Der Gemeindepräsident nicht mehr Personalchef sein.

Hans-Martin Jermann
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Asylaffäre in Reinach: Melchiot Buchs im Interview
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Das Asyl-Wohnheim in Reinach: Hier begann die Liaison fatale zwischen Betreuerin und 17-Jährigem – mit schwerwiegenden Folgen für Farideh Eghbali, die ihre Beobachtungen meldete, aber nicht ernst genommen wurde.
Urs Hintermann trat am 6. September 2017 per sofort zurück.
Farideh Eghbali, die Ex-Betreuerin des Reinacher Asylheims beobachtete, wie eine damals 29-jährige Kollegin einen 17-Jährigen Bewohner anmacht.
Gemeindepräsident Melchior Buchs und Projektleiter Peter Meier stellen den Bericht zur Asylaffäre Reinach vor.

Asylaffäre in Reinach: Melchiot Buchs im Interview

Martin Toengi

Herr Buchs, waren Sie überrascht, als Sie den Untersuchungsbericht zu den Vorfällen im Reinacher Asylzentrum gelesen haben?

Melchior Buchs: Überrascht nicht, aber mich beschäftigt die im Bericht dargestellte Situation: Dass man über so lange Zeit eine einzige Perspektive auf die Probleme rund ums Asylzentrum hatte. Dass man den Prozess nicht mehr stoppen konnte, als man realisiert hat, dass gewisse Dinge aus dem Ruder laufen. Als nicht für das Geschäft zuständiger Gemeinderat beschäftigt mich auch, dass ich in diesem Wahrnehmungsfilter ebenfalls gefangen war. Der Gemeinderat muss sich da an der Nase nehmen. Wir haben mit zuwenig Nachdruck Antworten hinterfragt.

Zuletzt nahm der Arbeitskonflikt mit Asylbetreuerin Farideh Eghbali Züge einer Staatsaffäre an. Wie konnte der Konflikt derart eskalieren?

Im Rückblick wirkt das tatsächlich schwer verständlich: Weshalb ist es den Verantwortlichen nicht gelungen, einen Arbeitskonflikt, wie er landauf landab nicht ungewöhnlich ist, in geordnete Bahnen zu lenken? Da hat es auch an Fähigkeiten bei den Führungspersonen gemangelt. Das ist eine Lehre, die wir aus der Affäre ziehen: Wir müssen die Führungspersonen im Hinblick auf die Bewältigung solcher Konflikte besser schulen.

Die wichtigste News zur Asylheim-Affäre ist: Farideh Eghbali darf an ihren Arbeitsplatz zurückkehren. Wir fragen kritisch: Kann eine Rückkehr nach dem Riesenwirbel überhaupt erfolgreich sein?

Das ist eine grosse Herausforderung. Wir haben diese Frage mit externen Beratern besprochen. Persönlich bin ich überzeugt, dass sich Frau Eghbali stark mit dem Asylzentrum identifiziert. Wichtig ist zudem: Frau Eghbali wurde freigestellt, das Arbeitsverhältnis bestand während der Affäre weiter. Die Vorzeichen für eine Rückkehr stehen gut – allerdings müssen wir diesen Prozess begleiten.

Gibts Änderungen in der Leitung des Asylzentrums?

Ja, die Führung wird personell verstärkt. Der bisherige Leiter wird die administrative Leitung übernehmen. Er und Farideh Eghbali teilten sich diese vor dem Konflikt informell: Sie leitete die Betreuung, er die Administration. Der bisherige Leiter wird diesen Bereich weiterführen, und für die Bereiche Betreuung/ Personelles sucht die Gemeinde eine neue Führungskraft.

Welche strukturellen Veränderungen werden Sie und der Gemeinderat nun in Angriff nehmen?

Wir möchten, dass der Gemeindepräsident nicht mehr zugleich oberster Personalchef ist. Die personelle Verantwortung soll zwei Leitern der Verwaltung übertragen werden. Auf der Gemeinde benötigen wir ein Krisenmanagement, das verhindert, das die Entscheidungsträger in eine Tunnel-Situation geraten. Wir müssen uns zudem überlegen, ob wir uns in den Bereichen Recht und Kommunikation verstärken sollen. Die Affäre hat gezeigt, dass wir hier rasch an unsere Grenzen gelangt sind. Im Asylzentrum benötigen wir ein gemeinsames Betreuungskonzept und einen Verhaltenskodex.

Wann werden Sie einen Schlussstrich unter die Affäre ziehen können?

Den eigentlichen Schlussstrich ziehen nicht wir – die laufenden Verfahren liegen nicht in unseren Händen. Auf der Gemeinde können wir den Schlussstrich ziehen, wenn wir die vorgeschlagenen Massnahmen umgesetzt haben. Für die Aufarbeitung ist die Publikation des Projektberichts ein Meilenstein.

Haben Sie noch Kontakt zum zurückgetretenen Gemeindepräsidenten Urs Hintermann?

Ja, der Kontakt ist da. Wir haben allerdings nie über diesen Konflikt geredet.

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