Evolva AG
Reinacher Start-Up zieht milliardenschweren US-Partner an Land

Das Start-Up-Unternehmen Evolva aus Reinach hat eine Methode entwickelt, um aus manipulierter Hefe Süssstoff zu entwickeln. Dank der Innovation wurde auch ein milliardenschwerer US-Gigant der Lebensmittelherstellung auf sie aufmerksam.

Joël Hoffmann
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Ein Blick ins Labor der Evolva AG in Reinach
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Aufnahmen im Labor für Molekularbiologie.
Aufnahmen im Labor von der Fermentierung im Labormassstab bis 10 Liter
Der Shaker, ein Gerät zur Bewegung der Hefe bei konstanter Raumtemperatur, damit die Hefe möglichst optimal wächst
Eine Mitarbeiterin bei der Pflanzenextraktion in einer Kapelle im Labor
Arbeiterin am Gaschromatographen
Evolva-Firmensprecher Paul Verbraeken

Ein Blick ins Labor der Evolva AG in Reinach

Kenneth Nars

Wem Wasser zu langweilig ist, greift zum Süssgetränk. Ob normal, light oder zero - entweder ist ungesunder Zucker drin oder chemischer Süssstoff wie Aspartam. Das Biotechnologieunternehmen Evolva AG in Reinach hat nun ein Produkt in der Pipeline, das süsser ist als Zucker, keine Kalorien hat und nicht chemisch ist. Stevia heisst der Stoff. Stevia ist eigentlich eine Pflanze, aus der man bereits den Süssstoff extrahieren kann. Doch das Extrakt ist nicht nur süss, sondern auch bitter.

Evola in Zahlen

2012 erzielte Evolva einen Umsatz von sieben Millionen Franken. Das sind fast vier Millionen weniger als im Vorjahr. Die Einnahmen stammen nicht aus der eigenen Produktpipeline, sondern aus externen Forschungsaufträgen. Zwar konnte der Aufwand im Vergleich zum Vorjahr reduziert werden. Trotzdem verzeichnete Evolva 2012 einen Verlust von 16,7 Millionen Franken. Mit der Markteinführung der eigenen «Flaggschiffe» Vanillin und Stevia und anderer hefebasierter Stoffe will das Biotech-Start-up bis 2016 aus der Verlustzone. (jho)

Evolva kann den Süssstoff Stevia aber so herstellen, dass es keine Bitterstoffe oder sonstige ungewollte Geschmäcker enthält. Sie braucht dafür auch nicht mal mehr die Pflanze Stevia, sondern nur manipulierte Hefe. Hefe wandelt einen Stoff in einen anderen um. Bier würde es ohne Hefe nicht geben. Die Forscher von Evolva manipulieren Hefeteilchen nun so, dass sie statt Alkohol eben Stevia herstellen, das nur süss und nicht bitter ist.

Hoffnung ruht auf Coca Cola

Kaum eine Biotechnologie-Firma hat Hefe als Geschäftsgrundlage. Und wenn, dann erzeugen diese meist Biotreibstoff. Doch Evolva setzt auf Nahrungsmittelbestandteile sowie Kosmetik- und Wellnessprodukte.

Mit Cargill hat das Start-up-Unternehmen einen US-Giganten der Lebensmittelherstellung als Partner gewinnen können. «Dass Cargill uns ausgewählt hat, zeigt, dass wir weltweit top sind», sagt Firmensprechen Paul Verbraeken. Dafür gibt es auch andere Indikatoren. So stecken Investoren wie die UBS, Swisscanto oder zCapital Millionen in Evolva, obwohl das Unternehmen noch keinen Gewinn erwirtschaftet hat.

Das könnte sich bald ändern. Cargill kann Stevia in enormen Mengen herstellen. Evolva hat dafür die Kapazitäten nicht. Darum teilt sie mit Cargill die Patente an der Herstellungstechnik der Stevia. Im Gegenzug würde Evolva mit 45 Prozent am Gewinn beteiligt. Stevia wäre günstiger als Zucker und leicht teurer als die chemischen Süssstoffe. Evolva hofft, in Getränkefirmen wie Coca Cola eine Grossabnehmerin zu finden.

Denn: Coca Cola experimentiert bereits mit der Pflanze Stevia. 2015 oder 2016 kommt das Süssmittel auf den Markt. Dann wird sich zeigen, ob das Hefe-Stevia zum Goldesel mutieren wird.

Von Kopenhagen nach Basel

Keinen Rappen verdiente Evolva bis jetzt mit eigenen Produkten. Immerhin kommen für sieben Millionen Franken Forschungsaufträge grosser Unternehmen rein, beispielsweise von Roche, BASF und Roquette. Auch setzt das Biotech-Unternehmen nicht nur auf Stevia: 2014 kommt Vanillin auf den Markt. Das ist ein Aromastoff - ebenfalls aus Hefe hergestellt. Produktionspartner bei Vanillin ist das milliardenschwere US-Unternehmen International Flavors and Fragrances (IFF). IFF stellt unter anderem weltweit bekannte Parfüms her.

Noch kaum im Baselbiet integriert

Evolva wurde 2001 vom heutigen CEO Neil Goldsmith in Kopenhagen mitgegründet. 2004 zügelte das dänische Start-up nach Allschwil, «weil es im Life Sciences Standort Basel ausgezeichnete Rahmenbedingungen sah», so Verbraeken. Nachbar von Evolva war Actelion. 2009 zog Evolva weiter nach Reinach und fusionierte dort mit der glücklosen Pharmafirma Arpida. Evolva wuchs im Baselbiet seit 2004 von fünf auf 45 Mitarbeiter. In Kopenhagen arbeiten 25 Personen, im indischen Chennai 15 und in San Francisco vier. Nun werden weitere zehn Mitarbeiter gesucht. Rekrutiert werden diese wie meistens aus dem Cluster, wie Verbraeken erklärt. Viel läuft über persönliche Kontakte oder die Life-Sciences-Netzwerkorganisation Biovalley. Beim Umzug in die Schweiz hat BaselArea Evolva unterstützt.

Aber andere regionale Wirtschaftsplayer, wie etwa die Handelskammer beider Basel, die sich auch um den Life-Sciences-Cluster kümmern, kennt Verbraeken ebenso wenig wie Baselbiets Wirtschaftsförderer Thomas de Courten. Evolva ist im Cluster integriert, aber weniger im Baselbiet oder in der Standortgemeinde. Das dürfte sich ändern, wenn Evolva Gewinn erwirtschaftet und Steuern bezahlt. Und Verbraeken kündet an, dass man sich dann auch in Reinach engagieren werde: zum Beispiel mit Laborbesichtigungen für Schulklassen.