Medizin
Resistente Bakterien werden für Spitäler zum Problem

Auch in der Nordwestschweiz nimmt die Gefahr durch resistente Bakterien zu. Spitäler müssen immer mehr Patienten isolieren. Die Bakterien sind häufig ein «Souvenir» aus den Ferien.

Daniel Haller
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In den Spitälern häufen sich Fälle mit resistenten Bakterien (Archiv)

In den Spitälern häufen sich Fälle mit resistenten Bakterien (Archiv)

Keystone

Ab Sonntag können im norddeutschen Bundesland Niedersachsen Landwirte nicht mehr ohne vorherigen Test ins Spital, denn sie sind aufgrund ihres Berufs ein Risiko für andere Patienten: Wegen des massenhaften Einsatzes von Antibiotika in der Mast sind ihre Tiere mit Bakterien belastet, gegen die heute einst wirkungsvolle Medikamente machtlos sind. Die Keime sind mehrfach resistent. Wer regelmässig mit den Schweinen, Hühnern oder Kälbern in Kontakt kommt oder den Stall-Staub einatmet, kann solche multiresistente Keime ins Spital einschleppen.

Das Robert-Koch-Institut in Berlin warnt, dass diese Bauern ein 138-fach erhöhtes Risiko haben, Träger der unter Umständen tödlichen Bakterien zu werden. Dabei ist Niedersachsen kein Einzelfall: Auch in Holland seien solche Screenings der Bauern üblich, weiss Andreas Widmer, der im Universitätsspital Basel die Abteilung für Spitalhygiene leitet.

Widmer ist alarmiert: «Patienten mit resistenten Keimen werden im Spital isoliert. 2010 hatten wir im Universitätsspital Basel 200 Isolationstage. 2011 waren es bereits 2000.» Trotzdem sei die Situation in der Schweiz vorläufig besser als in Deutschland: Die Infektionsspezialisten unterscheiden zwei Arten von Resistenzen. ESBL betrifft Darm-Bakterien, bei MRSA geht es um Haut-Keime. ESBL wird mit der Nahrung, MRSA durch Kontakt übertragen. «Deutschland hat beide Probleme. In der Schweiz haben wir fast nur ESBL.»

Widmer sieht die Ursachen nicht einzig in der Landwirtschaft. Auch in Spitälern entstehen gefährliche Resistenzen. «In Deutschland haben die Fallpauschalen dazu geführt, dass Massnahmen, die man nicht direkt dem einzelnen Fall zurechnen kann, oft unterblieben.» So habe man die Bekämpfung der resistenten «Spitalkäfer » mangels Ressourcen teilweise vernachlässigt.

Keime als Reise-Souvenir

Im Kantonsspital Baselland in Liestal nimmt die Zahl der Isolationsfälle zu, wenn auch nicht so sprunghaft wie im Universitätsspital. «Früher ging es um Einzelfälle, heute treffen wir die resistenten Keime regelmässig an», berichtet Peter Graber, Leitender Arzt für Infektiologie. Oft werde die ESBL-Infektion als «Souvenir» von Auslandreisen mitgebracht, und zwar von Leuten, die unterwegs nie in Kontakt mit einem Spital gekommen sind. «Also wurden die Keime mit der Nahrung aufgenommen. Sie bilden Teil der Darmflora und können später zu Infektionen, beispielsweise der Harnwege, führen.»

Keine steigenden Fallzahlen verzeichnen die Spitäler Laufen und Bruderholz. «Im Bruderholz haben wir einen relativ niedrigen Verbrauch an Antibiotika», erklärt Philip Tarr, Leitender Arzt für Infektionskrankheiten. Grund: Im Unterschied zum Universitätsspital würden im Bruderholz weniger gravierende Fälle behandelt.

Antibiotika reduzieren

Widmer sieht Handlungsbedarf: «Die Landwirtschaft macht die Bemühungen der Humanmedizin, durch vorsichtigen Einsatz Resistenzen zu vermeiden, zunichte.» Seine Nachfrage bei Novartis ergab, dass für die nächsten 15 Jahre keine neu entwickelten Antibiotika zu erwarten sind. Besonders gravierend sei, dass in der Tiermast auch Antibiotika der neuesten Generation zum Einsatz kommen. «Bisher gelang es Ärzten und Pharmaforschung, den sich bildenden Resistenzen einen Schritt voraus zu sein. Nun macht uns die Landwirtschaft einen Strich durch die Rechnung. » Fazit: «Man muss den Antibiotikaeinsatz reduzieren.»

Würde auch der Verzicht auf Fleisch, zumal auf solches aus Massentierhaltung, mehr Sicherheit bringen? Widmer verneint: «Der Antibiotika- Einsatz der Fleischproduzenten schädigt auch die Gemüsebauern, denn durch die Gülle werden die Keime überall verteilt.

Der Konsument kann also nicht ausweichen.» Der Konsument kann jedoch durch sein Verhalten Einfluss auf die Produktionsweise nehmen, indem er nicht nur auf den Preis schaut: Das billigere Fleisch von heute – nicht zuletzt das stärker mit resistenten Keimen belastete von jenseits der Grenze – bezahlen wir morgen vielleicht mit dem Leben, mindestens aber mit höheren Krankenkassenprämien wegen teurerer Behandlungen: Eine Patientin musste wegen unwirksam gewordener Antibiotika anderthalb Jahre im Universitätsspital Basel bleiben. Früher wären die Folgen ihres Harnweg-Infekts in zwei Wochen geheilt gewesen