Rheinhafen
Rheinschiffe lösen das Deponieproblem

Die Birsterminal AG will granulierten Bauschutt und Alt-Asphalt nach Holland verfrachten

Daniel Haller
Merken
Drucken
Teilen
Gemeinsam unterwegs: Martin Ticks (links) löst ab November Rolf Vogt als CEO der Birsterminal AG ab. Juri Junkov

Gemeinsam unterwegs: Martin Ticks (links) löst ab November Rolf Vogt als CEO der Birsterminal AG ab. Juri Junkov

Juri Junkov

Beim Hafenlogistik- und Binnenschifffahrtsunternehmen Birsterminal AG in Birsfelden steht ein Chefwechsel bevor. Als neuer CEO wirkt ab Anfang November Martin Ticks. Ticks folgt auf Rolf Vogt, der ins Präsidium des Verwaltungsrates wechselt. Die bz hat Ticks und Vogt gemeinsam interviewt.

Herr Ticks, was interessiert Sie an der Nachfolge von Rolf Vogt?

Martin Ticks: Das vorhandene Entwicklungs-Potenzial. Die Hafenfirmen in der Stadt haben zunehmend Platzprobleme. Hier in Birsfelden mag es für Aussenstehende nach brachliegenden Flächen aussehen, doch in naher Zukunft wird sich dies ändern. Diese Entwicklung mitzugestalten ist spannend.

Haben Sie damit Erfahrung?

Ticks: In der Vergangenheit musste ich als operativer Leiter der Ultra-Brag Flächen wie den Hafen St. Johann aufgeben. Alternativen haben wir in Kleinhüningen und im Auhafen gefunden. Aber der Ersatz ist kleiner als das Aufgegebene. Das kann man zwar mit sportlicherem Umschlag oder effizienteren Anlagen ein bisschen auffangen. Aber nicht alles geht. Wenn 2029 der Westquai aufgegeben wird, funktioniert dafür zwar das Container-Grossterminal Basel Nord. Doch auch die anderen Warenströme müssen weiterhin laufen.

Herr Vogt, Sie ziehen sich mit 70 Jahren aus dem operativen Geschäft zurück, bleiben aber als Verwaltungsratspräsident an Bord. Ist das eine gute Nachfolgeregelung?

Rolf Vogt: Es wäre auch möglich gewesen, die Firma zu verkaufen. Mein Partner in England und ich zogen es aber vor, mit einem neuen CEO das Geschäft weiter auszubauen.

Die Birsterminal AG und Ihre Chefs

Nummer 3 in den Schweizerischen Rheinhäfen

Rolf Vogt (70) ist CEO und Mitinhaber der Birsterminal AG im Hafen Birsfelden. Nach einer kaufmännischen Speditionslehre in der Rheinschifffahrt arbeitete er in den Häfen von Rotterdam und Antwerpen sowie in London. Er war unter anderem 19 Jahre Geschäftsführer der Spedag Rheinschifffahrt AG im Hafen St. Johann und übernahm vor 22 Jahren zusammen mit der englischen Seacon Group den Birsterminal. Vogt ist in Basel-Stadt aufgewachsen und lebt in Dornach.

Martin Ticks (46) kommt ursprünglich aus dem Maschinenbau, ist aber vor 22 Jahren in die Hafenlogistik eingestiegen. Ab 1999 hatte er bei Ultra-Brag leitende Funktionen im Hafen St. Johann inne und war schliesslich für den ganzen Hafen St. Johann verantwortlich. Ab 2005 war er operativer Leiter (COO) für die gesamte Ultra-Brag und war entsprechend Mitglied der Geschäftsleitung. Er wohnt in Lörrach, ist verheiratet und hat zwei kleine Kinder.

Die heutige Birsterminal AG war 1939 als Gemeinschaftsunternehmen der Kohleimporteure gegründet worden. Heute umfassen die Geschäftsfelder Stahlumschlag, Projektladung, Industrieverpackung, Container, Massengut und Lagerlogistik.

Wie soll sich die Birsterminal AG weiter entwickeln?

Vogt: Von unseren sechs Geschäftsbereichen sind ausgerechnet der Massengüterumschlag, aus dem das Unternehmen als ehemaliger Kohleumschlagplatz hervorging und für den die grösste Fläche vorhanden ist, zu wenig ausgelastet. Dort wollen wir wachsen.

Aber kaum mit Kohle?

Vogt: Wir wollen uns auf Baustoffe und Recyclingmaterialien konzentrieren. Wir haben die Flächen, um diese Güter effizient zu bewirtschaften und grosse Mengen zwischenzulagern.

Um welche Materialien geht es?

Vogt: Beispielsweise sauberen Bauschutt, der beim Rückbau von Gebäuden als Mischgranulat anfällt, oder alten Asphalt aus dem Strassenunterhalt. Hier darf schadstoffhaltiger Asphalt nicht mehr deponiert werden, und in Holland sind die beim Verbrennen entstehende Energie und die Steine für die Bauindustrie dann wieder Wertstoffe. Das Mischgranulat wird in Holland und Belgien etwa als Strassenunterbau verwendet.

Wer sind die hiesigen Lieferanten?

Vogt: Alle sollen anliefern können. Wir übernehmen den Transport und vermitteln die Abnehmer in Holland. Die Lieferanten müssen zwar dafür bezahlen, dass ihnen die Ware abgenommen wird. Dies wird für sie billiger als das Deponieren. Je knapper Deponien werden, desto mehr lohnt sich der Export.

Was müssen Sie dafür investieren?

Vogt: Sobald alle wissen, dass sie hier sauberes Beton- und Ziegelstein-Granulat anliefern können, erwarten wir grosse Mengen. Vorläufig reichen aber die vorhandenen Kranbrücken. Im Prinzip müssen nur die Kohlehaufen weg und man muss den Boden herrichten. Insbesondere für den Asphalt aus dem Strassenabbruch müssen wir die Zwischenlager abdichten und einen Schlammsammler mit Wasseraufbereitung bauen. Dafür läuft das Baugesuch.

Wie beurteilen dies die Behörden?

Vogt: Das Baselbieter Amt für Umwelt und Energie steht hinter uns und möchte, dass wir für Alt-Asphalt und Mischabbruch zum Annahmezentrum für den Export im grossen Stil werden.

Warum hat man dann diesen Export nicht schon früher organisiert?

Ticks: Die Margen sind klein. Erst jetzt haben wir die Gewissheit, dass wir endlich mit den 135-Meter-Schiffen bis Birsfelden fahren können, was die Kosten senkt. Und spätestens im nächsten Jahr wird in Basel unterhalb der Schwarzwaldbrücke die Fahrrinne ausgetieft, was mehr Sicherheit schafft, die Schiffe kostendeckend beladen zu können. Gewisse Güter kann man zudem nicht verdichten, etwa die Schrottberge und Glashaufen am Westquai. Dafür haben wir hier einen Standort, der mit LKW gut erreichbar ist: Der Hol- und Bring-Verkehr muss nicht durch die Stadt.

Es heisst oft, Schrott und Glas könnte man auch in Weil umschlagen.

Ticks: Weil hat ähnliche Platzprobleme, da die Konzessionen für den wasserseitigen Umschlag im südlichen Hafenteil bereits ausgelaufen sind. Und im nördlichen Teil findet eine Konzentration auf Container statt. Zudem ist das oft zolltechnisch nicht einfach. Und die LKW müssten durch die Stadt fahren.

Vogt: Ich meine, dass der Bau des Grossterminals Basel Nord, verbunden mit der Stadtentwicklung auf dem Westquai, für Basel eine gute Sache ist. Das Volumen, das jetzt am Westquai umgeschlagen wird, können wir in den Südhäfen gut auffangen. Selbst Getreidesilos kann man auch im Inland bauen. Zudem gibt es Ersatzkapazitäten im Auhafen: Fenaco baut ein grosses Silo von rund 30 000 Tonnen mit der Option, ein zweites zu bauen.

Birsterminal ist selbst im Containergeschäft tätig. Weshalb befürworten sie das Grossterminal Basel Nord?

Vogt: Dort hat man den idealen Anschluss an den Bahnkorridor Rotterdam – Genua. Sobald Basel Nord richtig läuft, muss man dort mit Nachdruck den Bahnverkehr fördern. Für jene Container, die per LKW weiterspediert werden, bleiben die Südhäfen der ideale Standort, weil die Lastwagen nicht durch die Stadt müssen. Im besten Fall wird dann beim Beladen in den Seehäfen differenziert, was nach Basel Nord und was in die Südhäfen soll, und umgekehrt.

Wie sehen Sie das Konkurrenzprojekts eines Terminals in Weil?

Vogt: Das ist nicht mehr realistisch. Die Schweizerischen Rheinhäfen verkaufen ihre strategische Beteiligung am Hafen Weil. Man setzt also nur noch auf Kooperation. Zudem würde dieses Terminal nur realisiert, wenn das Schweizer Bundesamt für Verkehr einen massiven Förderbeitrag leisten würde. Nun liegt die Absichtserklärung für die Unterstützung von Basel Nord vor. Es gibt also genug Signale, dass ein neues Containerterminal in Weil gescheitert ist.

Zurück zum Birsterminal: Wäre es nicht rentabler, statt in den Umschlag von Deponiegut ins Container-Wachstum zu investieren?

Ticks: Die Spezialisierung ist entscheidend: Wir haben unterschiedliche Hafenfirmen. Diese werden sich in Zukunft verstärkt auf jene Bereiche konzentrieren müssen, für die sie prädestiniert sind – ohne die ganze Palette abzudecken. Die verkleinerte Gesamt-Hafenfläche wird das in Zukunft verunmöglichen. Unser mit Zusatz-Dienstleistungen verbundenes Containergeschäft werden wir aber weiterentwickeln.

Was sagen Sie zur Kritik, dass Basel Lärm, Dreck und Gestank ins Baselbiet abschiebe?

Vogt: Das sehe überhaupt nicht so. Das hier ist verkehrstechnisch der bessere Standort. Einzig die Anbindung an den Eisenbahnkorridor Rotterdam-Genua für den Containerumschlag ist in Basel besser. Man verlegt auf der ganzen Welt Häfen, die zunehmend von Wohnquartieren umschlossen sind, aufs Land. Nur dass es anderswo nicht zwei verschiedene Kantone gibt. Die Stadt soll sich entwickeln können und Baselland soll dem nicht im Weg stehen.

Birsterminal hat landseitig ein weiteres Areal, für das Sie gemeinsam mit dem Kanton einen Investor suchen. Was soll dort entstehen?

Vogt: Unsere Idealvorstellung ist ein Industriebetrieb, der auf den Hafen angewiesen ist. Wir würden alles dafür tun, ein solches Unternehmen hier anzusiedeln. Wir suchen gemeinsam mit der Standortförderung Baselland. Man darf das Areal aber nicht um eines schnellen Erfolgs willen leichtfertig vergeben. Sonst hat man keinen Platz mehr, wenn ein Jahr später der Richtige kommt.

Es gibt politischen Druck, beim nächsten Ablaufdatum der Baurechtsverträge im Hafen Birsfelden Wohnungen anstelle der Abstellflächen zu bauen. Spielt Ihr Abwarten dem nicht in die Hände?

Vogt: Das Wohnen ist vom Tisch. Wir haben hier ein Industriegebiet. Viele Flächen gehören nicht dem Kanton, sondern den Unternehmen. Hier gilt zudem die höchste Lärmstufe 4. Deswegen hat man sich mit dem Kanton und der Gemeinde geeinigt, dass hier nur Wirtschaftsförderung infrage kommt. Ziel ist ein Hafen- und Industrie-Mix. Das gleiche gilt für Schweizerhalle, wo die Industrie mit dem neuen Gleis direkt mit dem Hafen verbunden wird. Die dortigen Unternehmen können mit eigenen Wagen und Loks für den Im- und Export die Quais bedienen. Der Bau dieser Südschlaufe, um die Hafenbahn einerseits mit Schweizerhalle und zudem mit einem zweiten Gleis ans SBB-Netz anzuschliessen, zeigt den Willen der Rheinhäfen, den Standort zu entwickeln. Derzeit wird hier massiv investiert. Während man in Basel noch davon spricht, wird es hier bereits gemacht.