Kopf der Woche
Rücktritt aus dem Landrat: Für Sabrina Corvini-Mohn geht die Familie vor

Mit 32 entscheidet sich CVP-Landrätin Sabrina Corvini-Mohn vorerst gegen die aktive Politik. Trotz ihres jungen Alters kann sie bereits auf 13 Jahre in der aktiven Politik zurückblicken.

Michael Nittnaus
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Den Spielplatz in der Münchensteiner Grün 80 kennen Sabrina Corvini-Mohn, Sohn Lino (2,5) und Tochter Lorina (1) bereits in- und auswendig. Nicole Nars-Zimmer

Den Spielplatz in der Münchensteiner Grün 80 kennen Sabrina Corvini-Mohn, Sohn Lino (2,5) und Tochter Lorina (1) bereits in- und auswendig. Nicole Nars-Zimmer

Nicole Nars-Zimmer niz

Spielplatz in der Grün 80 oder Landratssaal, Joggen mit dem Kinderwagen oder Fraktionssitzung mit der CVP: Am 26. Januar 2017 endet dieser Spagat für Sabrina Corvini-Mohn. Dann nimmt die CVP-Politikerin an ihrer letzten Landratssitzung teil. Das gab sie kürzlich bekannt. Seit zweieinhalb Jahren schon ist die Vollblutspolitikerin auch Vollblutsmama, vor knapp einem Jahr hat sich mit der Geburt von Kind Nummer zwei der Fokus weiter verschoben. Lino und Lorina bestimmen nun Corvinis Agenda stärker als die Traktandenliste der nächsten Sitzung der Bildungskommission. Zweimal Vollblut geht auf lange Sicht nicht. Notbremse mit 32.

«Seit drei Jahren konnte ich nur dank eines Sonderefforts meines ganzen Umfeldes weiter aktiv Politik betreiben», sagt Corvini. Beim Gespräch mit der bz in der Grün 80 wirkt sie entspannt. Das mag daran liegen, dass sie extra eine Freundin mitgebracht hat, die mit ihren zwei Kindern in der Spielecke des Restaurants Seegarten herumtollt. Es dürfte aber auch ein Zeichen dafür sein, dass Corvini dort angekommen ist, wo sie schon immer hinwollte: «Schon auf der Maturreise hab ich rumerzählt, dass ich einmal eine eigene Familie gründen will», sagt sie.

Jung, aber kein Grünschnabel

Im Rücktrittsschreiben, das Landratspräsident Philipp Schoch im Saal verlas, hatte Corvini neben den familiären auch berufliche Gründe für den Rücktritt mitten in der laufenden Legislatur angeführt. Auch der bevorstehende Umzug von Pfeffingen nach Allschwil und damit ein Wahlkreiswechsel sei mitverantwortlich, hiess es. Doch nun hält die gebürtige Aescherin fest: «Der Hauptgrund ist eindeutig die Familie. In den nächsten Jahren gehört meine Zeit den Kindern.»

Da muss auch der Job zurückstehen: 20 Prozent beträgt Corvinis Pensum als Assistentin des Verwaltungsrats und der Geschäftsleitung des Aescher Bauunternehmens Rofra AG. Im nächsten Jahr wird sie auf 40 Prozent erhöhen. «Mehr will ich nicht», sagt die frühere Sekundarlehrerin bestimmt. Die Christdemokratin, verheiratet mit Ivo Corvini, dem Präsidenten der römisch-katholischen Landeskirche Baselland, erfüllt damit viele Klischees des Heimchens am Herd. «Ein Jahr lang war ich tatsächlich Vollzeit-Mama und es hat mich überrascht, mit welchen Vorurteilen man noch im Jahr 2016 konfrontiert wird. Ständig musste ich mich rechtfertigen», sagt Corvini, und fügt an: «Solche Diskussionen gehen mir schon auf den Wecker.»

Etwas kann man Corvini denn auch nicht vorwerfen: Dass sie nicht konsequent sei. Schon das Präsidium der CVP Baselland gab sie 2014 wegen der Geburt ihres ersten Kindes Lino ab. Und mit 32 wird sie nun freiwillig zur alt Landrätin und verliert damit ihr letztes politisches Amt. «Etwas speziell» sei das schon, sagt sie im Wissen, dass Mitte November mit Jürg Degen einer mit 66 den Abschied gab. Der Sozialdemokrat hatte 13 Jahre im Landrat politisiert, ein Urgestein. Doch Corvini bringt es auch auf 13 Jahre, wenn auch nicht im Landrat allein – da sind es immerhin deren sieben – sondern insgesamt in der aktiven Politik. Das ist bemerkenswert – und darauf ist sie auch durchaus stolz.

Eine Kindheit im Hause CVP

Als Scharleiterin im Blauring Aesch rutschte sie als Teenager in die Politik, liess sich mit 19 in die Gemeindekommission wählen. Schon bald folgten drei Jahre als Präsidentin der Jungen CVP Baselland. 2009 schliesslich war ihr Jahr: Nicht nur wurde Sabrina Mohn – so ihr Ledigname – in den Landrat gewählt. Auch beendete sie das fast einjährige Vakuum an der Spitze der CVP Baselland, für das Kathrin Amacker mit ihrem Rücktritt gesorgt hatte. Mit 25 Jahren Präsidentin einer Kantonalpartei, auch darauf ist Corvini rückblickend stolz.

Und ihre Wahl war für die CVP-Oberen von damals, Anton Lauber und Remo Franz, keineswegs ein Schnellschuss. Dass Corvini parteiintern derart gefördert wurde, kam nicht von ungefähr. Schon am Familientisch wurde sie von ihrem Vater politisch geprägt. Dieser sass selbst während gut 20 Jahren im Vorstand der CVP Aesch. Und Remo Franz kennt sie schon von Kindstagen an. Es ist kein Zufall, dass Franz als Chef der Rofra AG Corvini diesen Herbst als Assistentin anstellte. Er dürfte auch ihre eher konservativen Überzeugungen mitgeprägt haben.

Keine politischen Zieheltern

Gar nicht gern hört Corvini allerdings den Begriff des «Ziehvaters»: «Dieser Ausdruck stört mich», sagt sie klar. Man spürt: Corvini will als eigenständige Politikerin wahrgenommen werden. «Ich kenne keinen politischen Zwilling von mir», sagt sie. Dass sie während ihrer fünfjährigen Präsidentschaft eher dem rechten Flügel der CVP Auftrieb gegeben hat, verneint sie allerdings nicht: «Dieses Label ‹Rechts› hat mich nie gestört.» So verstärkte Corvini die bürgerliche Zusammenarbeit mit FDP und SVP, die es nun unter ihrem Nachfolger als CVP-Präsidenten, Marc Scherrer, deutlich schwieriger hat. Im Gegensatz zu ihm stellte sie sich zudem klar gegen eine Fusion Basellands mit Basel-Stadt.

Das trennt sie auch von jener CVP-Politikerin, die schon als Corvinis «Ziehmutter» bezeichnet wurde: Nationalrätin Elisabeth Schneider-Schneiter. Hier widerspricht Corvini noch deutlicher als bei Remo Franz: «Sie war nie meine politische Ziehmutter.» Corvini vermutet, dass dies reininterpretiert wurde, weil Schneider zufälligerweise Fraktionspräsidentin war, als Corvini 2009 in den Landrat kam und Schneider dann unter ihrer Präsidentschaft in den Nationalrat nachrückte. «Dass wir zwei Frauen in Spitzenpositionen der CVP waren, reichte für viele schon als Verbindung.»

Corvini selbst bezeichnet ihre Politik als «sozial-konservativ»: «Ich stehe für die bürgerliche Politik der Eigenverantwortung, habe aber auch ein ausgeprägtes soziales Gewissen.» Daher hätte sie auch je nach Thema gut mit den linken Parteien zusammenarbeiten können. Corvini selbst bemüht deshalb den Begriff der Brückenbauerin. Vor allem in den landrätlichen Kommissionen – Corvini war nacheinander Mitglied in der Finanz-, der Justiz- und der Bildungskommission – hätte sie so einigen Kompromissen zum Durchbruch verholfen.

Zwicks Tod traf Corvini schwer

Der ganz grosse politische Wurf – eine Parallele zu SP-Urgestein Jürg Degen – bleibt Corvini im Landrat allerdings verwehrt. Sie selbst ist stolz, dass dank einem ihrer Vorstösse im Kanton per Volksabstimmung die rechtlichen Grundlagen für e-Voting geschaffen wurden. Und natürlich, dass auch Baselland endlich einen eigenen Staatswein hat. Stärker profilieren konnte sich Corvini von 2009 bis 2014 als Parteipräsidentin.

Ihre grösste Leistung fusst allerdings auf dem tragischsten Ereignis dieser Zeit: dem Krebs-Tod des damaligen CVP-Regierungsrats Peter Zwick Ende Februar 2013. «Das war für mich eine sehr intensive Zeit, denn ich pflegte auch persönlich ein gutes Verhältnis zu Peter», erinnert sich Corvini. Trotzdem gelang es der CVP, den Regierungssitz dank der Kandidatur Anton Laubers zu halten. «Zu dieser Zeit wurde ich auf allen Ebenen stark gefordert, habe es aber geschafft, dass die Partei den Tritt nicht verliert.»

Rückkehr aufs Politparkett mit 50?

Wird Corvini genau solche politischen Erfolgserlebnisse nicht vermissen? «Natürlich wird es nicht einfach, loszulassen. Mein Feuer für die Politik hat nicht nachgelassen», sagt sie. Doch bleibe sie immerhin der CVP-Arbeitsgruppe Bildung und jener für «Kirche und Gesellschaft im Dialog» als Vorsteherin erhalten. Zudem werde sie sich weiter für Einzelanliegen einsetzen. Aktuell sammelt sie Unterschriften für die Initiative, die in Baselland Ergänzungsleistungen für Familien einführen will.

Den Rücktrittsentscheid bereut Corvini aber keine Sekunde. Gründe gibt es deren zwei – einer tollt gerade in der Spielecke herum und der andere macht es sich in Mamas Armen gemütlich. Eine Bemerkung kann sich Corvini aber nicht verkneifen: «Das Durchschnittsalter im Nationalrat beträgt rund 50 Jahre.»

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