Strafgericht Muttenz
Rund 100'000 Franken verschwunden: Kesb-Beistand aus Münchenstein soll seine betagten Eltern um ihr Vermögen gebracht haben

Bereits hoch verschuldeter Sohn verwaltete während 14 Monaten das Vermögen seiner Eltern.

Patrick Rudin
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Kesb-Beistand aus Münchenstein soll seine betagten Eltern um ihr Vermögen gebracht haben.

Kesb-Beistand aus Münchenstein soll seine betagten Eltern um ihr Vermögen gebracht haben.

Keystone/GAETAN BALLY

«Ich habe ihm schon Darlehen gewährt und nie zurückerhalten. Aber ich hätte nie gedacht, dass er die Eltern bescheisst», kommentierte der Bruder. «Soviel Lug und Trug. Wenn meine Eltern noch hier wären, hättest Du links und rechts eine an die Ohren gekriegt», ergänzte die Schwester. Eigentlich sollten sich die beiden lediglich zu ihren Zivilforderungen äussern, doch die Emotionen gingen am Dienstag im Baselbieter Strafgericht in Muttenz bei allen drei Geschwistern ziemlich hoch.

«Von den Darlehen weiss ich nichts. Ich weiss nur eines, gekümmert um meine Eltern haben sich beide nie», entgegnete der 66-jährige Angeklagte. Die Vorwürfe wiegen schwer: Die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) Leimental setzte den Mann aus Münchenstein im Herbst 2013 als Vertretungsbeistand seiner Eltern ein, nachdem diese schwer erkrankt waren. Die Behörden werfen ihm nun vor, Gelder von Vater und Mutter veruntreut zu haben. Die Eltern sind inzwischen verstorben.

Unbestritten ist, dass der Mann während seiner Amtszeit vom Oktober 2013 bis zum Februar 2015 insgesamt 205'000 Franken in bar jeweils wöchentlich von den Konten seiner Eltern abgehoben hat. Laut der Rechnung der Staatsanwaltschaft musste er in diesem Zeitraum rund 93'000 Franken für das Altersheim bezahlen, dazu kommen nur wenige klar belegte weitere Verbindlichkeiten. Je nach Rechnung resultiert damit ein Fehlbetrag zwischen 90'000 und 110'000 Franken, die Strafverfolger gehen davon aus, dass er das Geld für sich selber gebraucht hat.

Beim genannten Differenzbetrag schüttelte der Mann aber lediglich den Kopf. «Das ist unmöglich. Meine Eltern waren nicht wohlhabend». «Das Geld war aber auf dem Konto. Die Frage ist, wo es hingegangen ist», kommentierte Gerichtspräsident Christoph Spindler. «Ich sage nur, ich habe es nicht», antwortete der Angeklagte.

«Ich arbeite auf dem Bau. Das ist eine Mafia, das weiss jeder.»

Im Jahr 2003 hatte er bereits in Zürich eine Freiheitsstrafe von 21 Monaten wegen Betruges und Veruntreuung gefasst. «Ich arbeite auf dem Bau. Das ist eine Mafia, das weiss jeder. Ich habe gewisse Dinge missachtet und bin zum Sündenbock geworden. Ich habe damals halt geschaut, dass ich das Budget hochgekriegt habe. Und dann einfach gemacht, nicht alles genau kontrolliert. Ich war überlastet», sagte er dazu.

Er erzählte dem Gericht von grossen Bauprojekten im Millionenbereich, die er zur Zufriedenheit seiner Auftraggeber täglich abwickle. «Sie wissen also, wie man ein Budget erstellt?», hakte der Gerichtspräsident nach. «Ja, aber irgendwann hatte ich die Nase voll». Angeblich verdient er derzeit brutto rund 10'000 Franken im Monat, davon gehen 2500 Franken monatlich direkt ans Betreibungsamt. Seine Schulden liegen bereits weit über 100'000 Franken. «Haben Sie ihre finanzielle Situation im Griff?», fragte Spindler. «Nein, ich habe vieles nicht im Griff. Auch, weil mir das hier an die Substanz geht».

Verteidiger fordert Freispruch

Staatsanwalt Friedrich Müller betonte, in der heutigen Zeit muten Barabhebungen von Beiständen seltsam an, er hätte dann erst recht mehr Sorgfalt aufwenden und die Belege für die Ausgaben sammeln müssen. Trotz seiner hohen Schulden seien alleine im Jahr 2020 bereits drei neue Betreibungen eingegangen. Müller forderte eine bedingte Freiheitsstrafe von 14 Monaten wegen qualifizierter Veruntreuung, dazu müsse zwingend eine Bewährungshilfe zur Schuldensanierung angeordnet werden.

Verteidiger Sebastian Kaufmann hingegen forderte einen Freispruch: Viele Angaben etwa über die beglichenen Prämien der Krankenkasse der Eltern seien widersprüchlich, und man habe auch nicht berücksichtigt, dass sein Mandant beispielsweise hohe Beträge für die Krankentransporte habe bezahlen müssen. Man dürfe den 66-Jährigen nicht anhand von Schätzungen verurteilen. Das Kesb-Gesetz sei damals neu in Kraft gewesen, die Behörden noch überfordert. «Er hatte keine Ahnung von dem Amt, eine Einführung fand nicht statt», so Kaufmann. Auch habe er seine Schulden in jener Zeit nicht abbauen können, was auch ein Indiz dafür sei, dass er sich eben nicht bereichert habe. Das Dreiergericht fällt sein Urteil am Donnerstag.