Rutschmadame
Geflutetes Dorf wegen Spielzeug

Macrons Impfzwang kümmerte Anfang Woche im elsässischen Dorf, in dem Martina Rutschmann lebt, niemanden. Grund ist unter anderem eine Rutschbahn.

Martina Rutschmann
Martina Rutschmann
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Wie im Baselbiet (hier in Zwingen) kam es auch im Elsass zu Hochwasser.

Wie im Baselbiet (hier in Zwingen) kam es auch im Elsass zu Hochwasser.

Juri Junkov

Dies ist die Geschichte einer gelben Rutschbahn. Sie stand in einem Garten und erfreute die Kinder. Bis sie eines Tages verschwand. Die Flut hatte sie sich geholt. Der Bach, der sonst im Juli fast ausgetrocknet ist, reisst alles mit, was ihm in die Quere kommt. Baumstämme, Geröll, Fischkadaver – und eine Rutschbahn. Als diese verschwand, ahnte keiner, welche Folgen das haben würde. Möglicherweise bemerkten die Besitzer zunächst gar nicht, dass das Plastikteil weg war. Bei diesem Regen hält sich keiner im Garten auf.

Anfang Woche, als der Rhein schon recht voll war, aber noch nicht bedrohlich voll, wurde das Elsässer Dorf, in dem ich lebe, überflutet. Strassen standen unter Wasser, Keller, Garagen, Wohnräume waren bis oben voll. Taucher suchten in Tiefgaragen nach Menschen. Zum Glück wurde niemand schwer verletzt. Bewohner und -innen hatten zuvor auf der Brücke, unter der der Bach in einem Tunnel verschwindet, machtlos zugeschaut, wie das Wasser überläuft. Am Samstag davor hatte das Wasser das Dorf bereits geflutet. Präsident Macron hatte seinen «chers compatriotes» in einer Fernsehansprache eine Stunde zuvor mitgeteilt, dass er eine Impfpflicht für Gesundheitspersonal, Restaurantbesucher und dergleichen einführen wird.

Eigentlich wäre dies Thema Nummer eins gewesen, doch kein Mensch sprach darüber, als der Bach überlief und das Wasser mit seiner Kraft zahlreiche Dolendeckel hob. Innert kurzer Zeit bestand Hégenheim aus Kanälen. Laden- und Restaurantbesitzer verloren alles, was sie gelagert hatten. Dorfbewohner schlugen Bretter ein, wo das Wasser noch nicht überlief. Sie füllten Dutzende Sandsäcke. Das Dorf erlebte eine Katastrophe, wie die Leute sie nur aus dem Fernseher kannten.

Dieses kam dann auch und berichtete in der nationalen «Tagesschau» – unmittelbar nach dem Beitrag über Macrons scharfe Massnahmen – über die Flut im Dörfchen an der Grenze zu Allschwil und Basel. Nachdem die Verantwortlichen herausgefunden hatten, wo der Tunnel verstopft war, rissen sie die Strasse auf und fischten mit Baggern heraus, was sich angesammelt hatte. Ein Baumstrunk, ein Riesenkarpfen – und die Rutschbahn. Das Wasser fliesst wieder im Bach. Doch es wird dauern, bis jemand über Macron spricht. Der Rutschbahn-Schock sitzt tiefer.