Rutschmadame
Yoga fürs Gewissen

Jede zweite Woche linst die Rutschmadame aus dem grenznahen Elsass in die Region Basel und schreibt ihre Beobachtungen auf. Heute: Körperliche Nähe in Corona-Zeiten.

Martina Rutschmann
Martina Rutschmann
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Ist Händeschütteln wieder in Ordnung? Es bleibt unklar.

Ist Händeschütteln wieder in Ordnung? Es bleibt unklar.

bz

Als ob das Chaos bei uns im Dreiland nicht schon verwirrend genug wäre! Tausend verschiedene Corona-Regeln – und wer alles korrekt machen will, muss mindestens einen Tag recherchieren. Maske Ja oder Nein, wo braucht es ein Zertifikat? Alles festgelegt, stets aktualisiert. Bloss an etwas denken Politikerinnen und Virologen nicht. Ausgerechnet! Als wären sie nicht genug gebeutelt und längst am Ende ihrer Kräfte. Als würden sie nicht gehasst, bedroht und ausgebuht. Sie haben Nähe nötig, dringender als wir Normal-hoffentlich-nicht-bald-sterblichen. Umso unverständlicher ist es, dass die Mächtigen Körperkontakt in ihrem Regelwerk ignorieren. Oder haben Sie schon mal irgendwo gehört, wie man sich in der Zwischenzeit beim Begrüssen verhalten soll und darf? Ob der Handschlag noch immer ein Tabu ist und das Küsschen auf die Wange gemeingefährlich? Wie es um den Faust-an-Faust- und Ellenbogen-an-Ellenbogen-Gruss steht und die Variante mit dem Fuss?

Politiker und Virologinnen lassen uns ins offene Messer laufen! Als bräuchten wir das nach all den Hamstereien, Ferienverzichten und nervtötenden Onlinekonferenzen auch noch. Zudem haben wir uns daran gewöhnt, mittwochs denen da Oben zuzuhören und, flexibel, wie wir sind, unser Leben pandemiegerecht neu einzurichten. Wir hatten den runden Geburtstag mit 100 Leuten geplant, jetzt dürfen nur noch 50 kommen, also – Ausladungen schreiben. Einen Bikini für alle Fälle kaufen, gut, ich berechne einen Tag in der Schlange ein, vielleicht reicht es ja, das Geschäft vor Ladenschluss betreten zu können. Wir halten uns gern an Regeln! Es ist wohltuend, sich für einen korrekten Bürger, eine Bürgerin zu halten. Yoga fürs Gewissen. Was aber passieren soll, wenn mir der Kollege von früher in der Stadt begegnet oder die Freundin, die ich vor der Pandemie treffen wollte und seither nicht gesehen habe? Das sagt uns keiner! Dürfen wir sie umarmen? Ist nur der Faustschlag legal?

Es wird Zeit für einen Volksaufstand! Jetzt, wo der Sommer kurz zu Besuch ist, kann eine süsse, kleine Demo dem öden Stadtleben nicht schaden. Malt Transparente und übt Sprechchöre! Fordern werden wir ein dauerhaftes Kuss- und Umarmungsverbot. Damit wir uns nie mehr Gedanken machen müssen. Körpernähe holen wir uns künftig auf andere Art. Wie und wo, sollen sich die Mächtigen überlegen. Sie haben es schliesslich am nötigsten.

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