Plagegeister
Saatkrähen säen Unmut unter Leuten

Die wachsenden Bestände der Krähenvögel bereiten immer mehr Probleme und nerven die Leute. Doch die Tiere sind geschützt, sie können nicht einfach getötet werden.

Birgit Günter
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Krähen gehören zu den intelligentesten Tieren überhaupt. Aber für viele Anwohner wegen ihres Lärms auch zu den nervigsten. Juri junkov

Krähen gehören zu den intelligentesten Tieren überhaupt. Aber für viele Anwohner wegen ihres Lärms auch zu den nervigsten. Juri junkov

Für die einen ist sie ein hochinteressantes Studienobjekt, für die anderen ein nervtötender Schädling: Die Saatkrähe polarisiert. Die intelligenten Tiere leben mit Vorliebe auf Platanen in der Stadt Basel und den umliegenden Gemeinden. Und da sie in Kolonien brüten, wird der Lärm in der Nähe einer Kolonie schnell ohrenbetäubend. Und der Dreck massiv.

«Wir erhalten verhältnismässig viele Reklamationen», bestätigt Emanuel Trueb, Leiter der Stadtgärtnerei. Die Forderung der oft entnervten Leute ist stets die gleiche: «Jetzt macht endlich etwas, nehmt ihnen die Eier weg oder vertreibt die Vögel!» Die Stadtgärtnerei sei zwar streng genommen nicht zuständig für die tierischen Baumbewohner – «aber wir tun, was wir können», betont Trueb.

Viel ist das allerdings nicht. Denn die Tiere sind geschützt. «Die Vögel abzuschiessen oder sonst zu töten ist absolut unmöglich.» Das würde auch gar nichts nützen, erklärt Jean-Pierre Biber, Präsident der ornithologischen Gesellschaft Basel und kantonale Ansprechsperson bei Vogelfragen. Die Stadt setzt darum auf das «Schnitt-Management»: Die Platanen werden gezielt zurückgeschnitten. Mit dieser Massnahme hält man die Vögel ein bis zwei Jahre davon ab, in den betreffenden Bäumen zu nisten.

Kurze Entlastung

Damit wird das Problem zwar nur verlagert, weil sich die Krähen flugs irgendwo in der Nähe niederlassen – aber die unmittelbar betroffenen Nachbarn werden zumindest für eine kurze Zeit entlastet. Andere Massnahmen – etwa: die Tiere mit Lärm zu vertreiben – haben nichts gefruchtet, erzählt Trueb, und er hängt lachend an: «Wir üben schon lange.»

Der Bestand der Saatkrähen in der Schweiz nimmt seit Jahren zu. Vor rund 50 Jahren, als die Saatkrähe erstmals in der Schweiz brütete, wurde sie noch mit offenen Armen empfangen (siehe Kasten). Mittlerweile leben allein in der Region Basel über 10 000 Saatkrähen. Und die Tiere verlassen zunehmend ihre angestammten Brutplätze auf der Basler Pruntrutermatte, am Altrheinweg, der Claramatte und dem Zolliparkplatz – und weichen an andere Ort aus. Nester entfernen darf man aber nur, solange noch keine Eier darin sind. «Gegen die Vögel sind wir praktisch machtlos», bilanziert Trueb.

Landwirte reklamieren

Auch auf der Landschaft sorgen die Tiere für Probleme. «Die Landwirte reklamieren beispielsweise, wenn die Vögel ihnen die Saat wegpicken», sagt Ignaz Bloch, der oberste Baselbieter Jagdaufseher. Handelt es sich um die – im Unterschied zur Saatkrähe – nicht geschützte Rabenkrähe, darf diese abgeschossen werden. Und zwar ganzjährig von Jagdaufsehern oder, nach Bewilligung, auch von Privatpersonen. Dieses Recht werde aber selten genutzt: «Wir erteilen im Schnitt nur etwa fünf Bewilligungen pro Jahr», erzählt Bloch.

Doch dieses Vorgehen sorgt ebenso für Unmut: In Biel-Benken hat ein Jagdaufseher kurz vor Weihnachten eine Krähe abgeschossen. Der Grund: Sie hat angefangen, Isolationen an einem Haus zu zerstören. Darauf ist der Wildhüter in einen privaten Garten gegangen, um den dort gelandeten Kadaver zu holen. Diese «Wild-West-Manier» empört die betroffene Anwohnerin: «Es kann doch nicht sein, dass mitten in einem dicht besiedelten Wohngebiet auf Vögel geschossen wird. Der Mann hätte aus Versehen Kinder treffen können.» Sie überlegt sich darum, Anzeige zu erstatten und den Antrag zu stellen, dass Abschüsse von Tieren in Wohngebieten generell verboten werden.

Auf der politischen Ebene wird derzeit heiss darüber diskutiert, was bezüglich Krähen Sinn macht. Im Raum steht, auch die Rabenkrähe saisonal zu schützen – dafür aber die Saatkrähe von der Liste der geschützten Arten zu streichen. Die Vernehmlassung der revidierten Jagdverordnung dauert noch bis Mitte Jahr, so Bloch. «Es fragt sich schon, ob es noch zeitgemäss ist, die Saatkrähe zu schützen», meint Biber dazu. Im Dilemma zwischen Tierliebe, Tierschutz und Wohnqualität werden die Krähen wohl noch lange eine Hauptrolle spielen. Für gestresste Anwohner hat Biber darum nur einen «ultimativen Tipp» bereit: «Wegziehen.»