Geschlecht
Sag mir Deinen Namen und ich sage Dir, woher Du kommst

Menschen sind sesshaft – das zeigt ein Vergleich von typischen und seltenen Familiennamen in der Nordwestschweiz: Besass ein Geschlecht bereits vor zwei Jahrhunderten an einem Ort das Bürgerrecht, so ist es dort in der Regel auch heute noch ansässig.

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Familien zeigen Flagge: Wappen von Bürgergeschlechtern an der Rückseite der Liestaler Rathauses.

Familien zeigen Flagge: Wappen von Bürgergeschlechtern an der Rückseite der Liestaler Rathauses.

bwi

Typische Familiennamen und was sie bedeuten: BASEL-STADT

Vischer

Der Familienname in dieser Schreibweise ist vor 1800 nur in Basel-Stadt ein Bürgergeschlecht. Dessen Träger wanderten 1649 aus Deutschland ein. Der Name gehört mit dem häufigeren Vertreter Fischer zu den Berufsnamen, die zu mittelhochdeutsch vischære, vischer «Fischer» gehören. Die Schreibung mit V ist in früherer Zeit üblich und wird seit dem 14. Jahrhundert durch die Schreibung mit F zurückgedrängt. In der Schreibung des Namens hat sich also eine ältere Schreibweise erhalten. Die Namenform Fischer zählt in der Schweiz mit zu den häufigsten Familiennamen und belegt Platz Nummer 16.

Sarasin

Sarasin ist ein Übername zum mittelhochdeutschen Volksnamen Sarrazîn «Sarazene, Heide», wohl als Name für jemanden, der an einem Kreuzzug oder einer Pilgerfahrt teilgenommen hat. In Basel 1628 aus Deutschland eingebürgert, ein aus Frankreich stammender Zweig existiert bereits seit 1555 in Genf.

Burckhardt

Der Familienname in dieser Schreibweise ist vor 1800 nur in Basel-Stadt ein Bürgergeschlecht, dessen Träger 1523 aus Deutschland eingewandert sind. Es handelt sich um einen Vaternamen, der auf einem alten, zweigliedrigen Rufnamen beruht. Dieser Rufname besteht aus den Elementen althochdeutsch burg «Burg, Stadt, Schutz» und den Adjektiven hart «hart, stark». Der Name gehört zu den häufigen Rufnamen des Mittelalters und zeigt in seiner Verschriftlichung einige Varianz, so wird er auch nur mit k geschrieben, im Auslaut mit d, t oder wie hier dt.

Lichtenhahn

Im Familiennamenbuch nur in den Schreibungen Liechtenhan und Lichtenhahn enthalten. Herkunfts- oder Wohnstättenname zu einem der (vor allem in Deutschland) häufigen Orts- und Flurnamen Lichtenhagen, Lichtenhain und ähnlich, der auf ein gerodetes, gelichtetes Waldstück Bezug nimmt; für eine Person, die an einem solchen Ort ansässig war bzw. aus einem solchen Ort stammt. Aus Deutschland stammende Familie (mit -i und -ah) wurde in Basel 1524 eingebürgert, ein Zweig ist auch in Muttenz sesshaft.

Merian

Der Name ist vor 1800 nur in Basel-Stadt ein Bürgergeschlecht, dessen Träger sind 1498 respektive 1553 aus Courroux JU eingebürgert worden. Der Name ist ein (Herkunfts-) Namen zum Ort bzw. Ortsnamen Muriaux (älter Muria, dt. Spiegelberg), einer Gemeinde im Kanton Jura. Die Form ist latinisiert.

Faesch

Der Familienname in dieser Schreibweise ist vor 1800 nur in Basel-Stadt ein Bürgergeschlecht, dessen Träger 1409 aus Deutschland eingewandert sind. Übername zu mittelhochdeutsch fasch(e) «Binde», schweizerdeutsch Fäsche «Wickelband für Neugeborene». Als ursprünglicher Beiname wird der Hersteller derartiger Stoffstücke benannt.

Bernoulli

Die Familie Bernoulli ist ein alteingesessenes Basler Bürgergeschlecht, das offenbar im 16. und 17. Jahrhundert aus den Niederlanden (Antwerpen) über Deutschland nach Basel gelangte und hier zahlreiche berühmte Persönlichkeiten hervorbrachte. Der Name selbst ist der Form nach französisch, jedoch seinerseits aus einem deutschen Namen übernommen, nämlich Bernolt, einem alten germanischen zweigliedrigen Personennamen mit den Elementen bër- und walt-.

Wie stabil die Namensverbreitung auch in der Nordwestschweiz ist, zeigt eine Analyse von ortstypischen Geschlechtern. Die Namen, die bereits vor 1800 in einen bestimmten Ort als alteingesessen galten, sind dort auch über 215 Jahre danach noch stark oder sogar am stärksten verbreitet. Die Einheimischen scherzen dann, von der Familie x oder y gebe es bei ihnen ein Nest.

Mobilitäts-Barrieren sind weg

Das gilt nicht nur für Basel und seine Burckhardts, Vischers, Sarasins und so weiter, sondern auch für die Agglomeration und ländliche Gebiete, also das Baselbiet, das Schwarzbubenland und das Fricktal – aus den Landen also, aus denen all die Brodbecks, Karrers, Broglis stammen und wie sie alle heissen. Die bz hat diverse Namen analysiert, die in einem bestimmten Gebiet als typisch gelten. In den Gemeinden, in denen sie laut elektronischem Telefonbuch am häufigsten vorkommen, besitzen die Familien in der Regel schon seit über zwei Jahrhunderten das Bürgerrecht.

Diese Ortstreue ist erstaunlich, leben wir doch in einer hochmobilen Gesellschaft. In der Schweiz wurde die Niederlassungsfreiheit, zumindest für Schweizer, im Grundsatz bereits Ende des 19. Jahrhunderts festgehalten, und auch die meisten anderen sozialen und geografischen Barrieren, welche die Mobilität einschränken, sind seither gefallen, etwa Heiratsschranken, Berufsverbote oder Gebietskartelle. Hinzu kommt: Das Bürgerrecht gibt es noch gar nicht so lange. Um 1800, zur Zeit der Helvetischen Republik, wurde es eingeführt und normiert.

Sesshaftigkeit bemerkenswert

BASELLAND

Gutzwiller

Herkunftsname zu einem heute abgegangenen Ort Gutzwil nahe der heutigen Gemeinde Biberist SO. Alteingesessen in Therwil, aber auch Oberwil. Ein bekannter Vertreter ist Stephan Gutzwiller (1802 bis 1875).

Brodbeck

Berufsname zusammengesetzt aus Brod «Brot» und Beck für den Bäcker, der lediglich Brot, aber keine anderen Backwaren herstellt. Die Schreibung von Brod mit -d ist zwar nicht so häufig, aber kann im 16. bis zum 18. Jahrhundert durchaus vorkommen (vgl. Belege des Schweizerdeutschen Wörterbuches 5, 926ff.). In Liestal, wo der Name stark verbreitet ist, existiert auch die Version mit dt, also Brodtbeck.

Jauslin

Der Name ist mehrdeutig: Entweder eine kosende Form von Jaus (= eine Variante neben Joos; beide Kurzformen zu Jodocus) und damit ein Vatername. Nicht ganz auszuschliessen ist als Grundlage jedoch auch schweizerdeutsch Jausli, eine Ableitung zum Verb jauslen «oft und stark jammern, wimmern, winseln», für eine Person, die «leicht oder immer zu jammern geneigt ist» (Schweizerdeutsches Wörterbuch 3, 43). Am häufigsten kommt der Name in Muttenz vor, das Bürgerrecht vor 1800 besitzt aber auch eine Familie in Thürnen.

Tschopp

Übername zu mittelhochdeutsch schöpe, schweizerdeutsch mehrheitlich Tschōpe(n), einem Wort für allerlei unterschiedliche Oberbekleidungsstücke, insbesondere für die Jacke, das Jackett, für Trachtbestandteile usw. Als Name benennt es den Träger oder Hersteller derartiger Kleidungsstücke. Im Baselbiet stark verbreitet (Ziefen), ebenso in den Kantonen Luzern und Wallis.

Rudin

Hier ist die Aussprache wichtiger Hinweis zur Erklärung: Im Baselbiet wird der Name mit Diphthong, also Ruedi oder ähnlich ausgesprochen. Somit liegt ein Vatername zu älterem Ruedolf vor. Im Idiotikon (8, 1126) findet sich ein Beleg, der Rudin als Vornamen zeigt: 1424 Rudin Schörlin. Im Baselbiet stark verbreitetes Geschlecht.

Bielser

Eine Herleitung ist bei Bielser schwierig: Möglicherweise handelt es sich um einen Wohnstättennamen zu biel «Anhöhe, Hügel», das eine entrundete Form von büel darstellt. Schwierig ist vor allem das «s» zu erklären, denn Wohnstätten werden in der Regel mit -er abgeleitet. Ein Flurname Bielse oder ähnlich ist im Flurnamenbuch Pratteln nicht auszumachen, obwohl die Familie in der Schweiz nur dort das Bürgerrecht besitzt.

Spannend ist auch eine Analyse der ortstypischen Namen nach Bedeutung und Herkunft. Für die Karte und die Liste rechts wurden 26 Namen ausgewählt. Namensforscherin Simone Berchtold hat sie für die bz genauer unter die Lupe genommen – sie erklärt, was die Namen bedeuten (könnten), welche Varianten es gibt, woher sie stammen.

Am häufigsten ist Müller

Die Namen stellen eine Auswahl dar. Sie mussten zwei Bedingungen erfüllen: Erstens sollten sie typisch sein für die Nordwestschweiz, also in anderen Gebieten der Schweiz nicht oder nur selten vorkommen. Ein Name wie Buser etwa, der im Baselbiet alteingesessen ist, konnte nicht berücksichtigt werden, da es ihn auch in anderen Teilen der Schweiz häufig gibt. Zweitens müssen sich die Namen auch innerhalb der Nordwestschweiz in bestimmten Räumen konzentrieren, also bestimmte Dörfer oder Städte dominieren, in anderen jedoch nur rar vorhanden sein.

So speziell die ausgewählten Namen sind – in einem Punkt sind sich die Nordwestschweiz und die übrige Deutschschweiz gleich: Der häufigste Name ist Müller.