Fall Biedert
Schüler: «Die Schweizer wurden von Frau Biedert bevorzugt»

Im Fall Biedert meldet sich nun der Schüler zu Wort, welcher am 1. Juni 2012 der Schule ferngeblieben war - dies führte zum SMS-Skandal. Im Interview sagt er, dass Lehrerin Anita Biedert sich stärker für die Schweizer Schüler eingesetzt hat.

Leif Simonsen
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Der Tamile – und heutige Schweizer – erinnert sich vor dem Sek-Schulhaus in Muttenz an den 1. Juni 2012. mto

Der Tamile – und heutige Schweizer – erinnert sich vor dem Sek-Schulhaus in Muttenz an den 1. Juni 2012. mto

Die Begebenheit, die sich am 1. Juni 2012 im Muttenzer Margelacker-Schulhaus zugetragen hatte, war für den damals 16-jährigen tamilischen Sekschüler eigentlich vom Tisch. «Frau Biedert entschuldigte sich bei mir – danach war die Sache für mich erledigt», sagt er. Er hatte von seiner damaligen Mathe-Lehrerin Anita Biedert ein SMS mit dem Inhalt «Vergiss den CH-Pass mit deinen Deutschkenntnissen» bekommen. Welches Drama dann hinter den Kulissen seinen Lauf nahm, erfuhr er letzte Woche in der bz.

Nachdem der Vorfall bis zur Schulleitung durchgesickert war, war eine riesige Schlammschlacht in Gang getreten worden. Letztlich kostete das SMS der Lehrerin den Job. Nun sucht der 18-Jährige, der inzwischen in Besitz des Schweizer Passes ist, das Gespräch mit der bz. Er will aber anonym bleiben. Der Detailhandels-Lehrling erinnert sich an den verhängnisvollen Tag – und sagt, warum er es als nicht ganz zufällig erachtet, dass ausgerechnet Anita Biedert ein solches SMS schrieb.

Sie bestreiten, an jenem 1. Juni 2012 geschwänzt zu haben. Dabei war doch das der Grund, dass Ihre damalige Mathe-Lehrerin Anita Biedert den mittlerweile bekannten Ausraster hatte.

Ich war an diesem Tag in Liestal und wollte mir den Schweizer Pass ausstellen lassen. Ich liess mich durch meinen Kollegen bei Frau Biedert abmelden. Als ich kurz nach 14 Uhr nach Hause kam, da dachte ich: Es macht keinen Sinn mehr, zur Schule zu gehen. Ich weiss nicht, ob man das schwänzen nennen kann.

Sie kommunizierten via Handy mit Ihrem Schulfreund. Unter anderem schrieben Sie: «Schuel schisst mi a.» Anita Biedert sagt, dass dies die Worte waren, die das Fass zum Überlaufen gebracht hatten.

Es war ein Missverständnis. Ich hatte das Gefühl, dass sich mein Kollege einen Scherz erlaubte und er hinter den SMS stand, die im Namen von Anita Biedert verschickt wurden. Ich ahnte anfangs nicht, dass es tatsächlich meine Mathe-Lehrerin war, die mir schrieb, ich solle sofort zur Schule kommen. Wäre es tatsächlich Frau Biedert, dachte ich, würde sie sicher vom Schultelefon anrufen.

Was empfanden Sie, als Sie das SMS mit den berühmten Worten empfingen?

Ich war sehr traurig, fand es sehr verletzend. Als ich dann am Nachmittag in die Schule ging, stellte mich Frau Biedert nochmals vor den anderen bloss. Sie sagte sogar, sie werde dafür sorgen, dass ich keinen Schweizer Pass bekomme. Als ich abends nach Hause kam, weinte ich und erzählte meinem besten Freund von den Ereignissen. Er wiederum erzählte davon der Klassenlehrerin, und dann kam offenbar die Sache ins Rollen. Meinen Eltern aber erzählte ich nie irgendwas davon. Sie wissen bis heute nichts – das ist mit ein Grund, dass ich anonym bleiben will.

Können Sie nachvollziehen, dass sich die Lehrerin durch Ihr Verhalten provoziert fühlte?

Ja, ich wäre wohl auch ziemlich sauer geworden. Aber das SMS finde ich trotzdem absolut daneben. Und: Mit etwas Stolz kann ich auch sagen, dass ich den Schweizer Pass am darauffolgenden Montag bekommen habe.

Wie hätten Sie an ihrer Stelle reagiert?

Es war ja nicht so, dass ich oft geschwänzt hätte. Auch war ich ein sehr anständiger, ruhiger Schüler. An ihrer Stelle hätte ich einfach das Gespräch gesucht – und auch mal ein Auge zugedrückt.

Anita Biedert politisiert in der SVP. Sie vermutet, dass sie darum in die Ecke der Ausländerfeindlichkeit gestellt wurde. Spürte man im Unterricht etwas von ihrer Gesinnung?

80 Prozent der Schüler waren Ausländer. Die Schweizer aber, so unser Eindruck, wurden von Frau Biedert bevorzugt behandelt. Sie hat sich bei deren Stellensuche besonders eingesetzt. Auch gab Frau Biedert herablassende Bemerkungen über meine angeblich faulen Eltern von sich. Dass nun plötzlich die Schulleitung in der Kritik steht, kann ich nicht verstehen. Schliesslich hat sie sich für mich eingesetzt.

Hatte Sie auch bei den anderen Lehrern einen solchen Ruf?

Ich denke schon. Die Lehrerin, mit der ich schliesslich zur Schulleitung gegangen bin, rief mich kurz nach dem Zwischenfall an. Sie fragte mich, ob ich wisse, dass Frau Biedert in der SVP sei und etwas gegen Ausländer habe. Dass sie Schweizer bevorzugte, schien also auch bei den anderen Lehrern bekannt zu sein.