Baselland
Seine Knacknuss war Salina Raurica – Kantonsplaner Martin Kolb im Interview

Martin Kolb hat in seiner Zeit als Kantonsplaner viele Projekte vorwärtsgebracht, das grösste ist aber weit weg vom Ziel.

Andreas Hirsbrunner
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Ein entspannter Martin Kolb beim letzten Interview als Kantonsplaner.

Ein entspannter Martin Kolb beim letzten Interview als Kantonsplaner.

Roland Schmid (30.9.2020

Der Baselbieter Kantonsplaner Martin Kolb empfing uns gestern an seinem letzten Arbeitstag vor der ordentlichen Pensionierung in seinem Büro, an dessen Wand eine grosse, 20 Jahre alte Visualisierung von Salina Raurica mit Wohn- und Gewerbebauten sowie etlichen Grünflächen hängt. Dieses Geschäft begleitete ihn während seiner elfjährigen Amtszeit wie kaum ein anderes und stürzte ihn in ein Wechselbad von Freude und Frust. Zum Abschied wirkt Kolb aber beschwingt und hegt unorthodoxe Zukunftspläne.

Herr Kolb, wenn Sie durchs Baselbiet fahren, auf welche Ihrer Errungenschaften als Kantonsplaner sind Sie besonders stolz?

Martin Kolb: Stolz ist ein bisschen ein grosses Wort. Aber Freude macht mir, dass entgegen allen Befürchtungen und Vermutungen in Salina Raurica etwas passiert ist und weiterhin passiert. Das andere, das mich freut, ist zu sehen, wie die Gemeinden vor allem im unteren Kantonsteil prosperieren. Das ist an Hochhäusern wie in Pratteln, an der Entwicklung im Ortszentrum in Birsfelden oder anderen Projekten abzulesen. Wobei das natürlich nicht nur vom Kanton aus kommt. Wir liefern die Konzepte und geben gewisse Impulse, umsetzen müssen es aber die Gemeinden.

Wo hätten Sie gerne, dass man Ihre Spuren besser sehen würde?

Bei der Windenergie hätte ich mir gewünscht, dass die eine oder andere Anlage auf dem Chall, auf dem Liestaler Schleifenberg oder in Muttenz stehen würde. Wir haben vor Jahren Standortabklärungen gemacht und Gebiete ausgeschieden, was aber die Gemeinden nicht wirklich überzeugt, vorwärtszumachen und eine Gegenbewegung hervorgerufen hat. Das andere, das ich bedaure, ist das Scheitern des Juraparks im Oberbaselbiet. Das wäre eine Entwicklungsmöglichkeit für diesen Kantonsteil, der nicht von Siedlungswachstum und vielen neuen Arbeitsplätzen profitieren kann. Aber hoffentlich bringt jetzt die neue Waldenburgerbahn mit erhöhtem Takt und komfortablem Rollmaterial zusammen mit dem Homeoffice-Boom zumindest einen Schub fürs Waldenburgertal.

Und unter dem Strich sind Sie zufrieden, wie das Baselbiet heute daherkommt?

Unbedingt! Das umso mehr, wenn ich mich zurückerinnere, wie bei meinem Start vor elf Jahren beim Kanton gerade die ersten Sparprogramme zu greifen begannen. Für mich hiess das, mich schwergewichtig damit zu beschäftigen, in welchen Bereichen wir reduzieren können. Die Wende kam mit der Ausrufung der Wirtschaftsoffensive. Man hat am Anfang zwar etwas darüber gelächelt, aber das gab einen ungeheuren Drive und zwang die Verwaltung, gemeinsam auf ein konkretes Ziel hinzuschaffen. Mein Gefühl: Wir stehen heute als Kanton viel besser da als vor zehn Jahren. Und ich wünsche mir, dass die Baselbieter bald wieder stolz sind, ein Teil eines progressiven Kantons zu sein. So wie es der Fall war, als ich in Münchenstein aufgewachsen bin. Schliesslich stehen jede Menge spannende Projekte in der Pipeline.

Waren Sie als Kantonsplaner mehr Befehlsempfänger oder mehr Taktgeber?

Schwierige Frage. Taktgeber ist eigentlich die Politik. Nehmen wir das Beispiel der Regionalplanung. Wir wussten schon lange, dass die Gemeinden enger zusammenarbeiten müssen, konnten den Funken aber nicht entfachen. Erst als die Politik auf Druck von Birsstadt die entsprechenden Gesetze einleitete und Mittel sprach, ging es vorwärts. Wir sind vielleicht auf einer abstrakten Ebene Taktgeber, indem wir versuchen, eine Entwicklung vorauszusehen. Aber der konkrete Auftrag kommt aus der Politik, aus dem Landrat, den Gemeinden und der Regierung.

Apropos Regierung: Sie arbeiteten unter drei Regierungsräten ganz unterschiedlicher Konvenienz. Bekamen Sie das Parteibuch jeweils zu spüren?

Nein, ich spürte vielmehr die jeweilige Persönlichkeit. So führen wir mit Isaac Reber aufgrund seiner Ausbildung als Raumplaner Fachdiskussionen, wie es mit den Vorgängern nicht möglich war. Er ist interessiert an allen Raumplanungsthemen, verfügt über ein grosses Wissen und hat eigene Vorstellungen, was man planerisch im Kanton ermöglichen könnte. Vorher interessierten raumplanerisch vor allem Verkehrsfragen.

Daraus kann man schliessen, dass Sie mit Ihrem letzten Chef am liebsten zusammen arbeiteten.

Nein, so will ich das nicht sagen. Alle hatten ihre Qualitäten. Bei Sabine Pegoraro hatten wir zu vielen Themen unterschiedliche Meinungen und mussten nach einem Konsens suchen. Wenn wir uns auf etwas geeinigt haben, hat sie das auch vertreten. Jörg Krähenbühl wiederum hatte nach meinem Empfinden eine sehr gute Hand im Umgang mit Gemeinden und der Bevölkerung. Ihm war immer wichtig, dass deren Optik bei den manchmal etwas akademischen Diskussionen nicht vergessen ging. Ich habe stets versucht, mich auf die Stärken meiner Vorgesetzten zu konzentrieren. Sonst hätte ich den Job nicht so lange machen können.

Sie haben eingangs Salina Raurica erwähnt, ein Geschäft, das Sie schon von Ihrem Vorgänger geerbt haben. Wieso geht es hier so harzig vorwärts?

Ein Grund liegt in der grossen Anzahl Beteiligter. Alle paar Jahre wechseln die Leute, sei es in den Gemeinden oder bei den Grundstückbesitzern. Die Neuen muss man dann wieder aufdatieren und überzeugen. Das sind langwierige Übungen, die man immer wieder unterschätzt, auch als Planer. Dazu tauchten fast im Jahresrhythmus neue Probleme und Vorschläge auf. Ich denke dabei etwa an die Krötenverlegung nach Muttenz oder den Schwenker der Wirtschaftskammer, die plötzlich in Salina Raurica nur noch Gewerbe wollte. Seit letztem Jahr haben wir eine Studie, wie man den Wohnbereich überbauen kann. Jetzt müssten alle Grundeigentümer unterschreiben und damit in eine Baulandumlegung einwilligen. Aber nicht alle sind begeistert, weil sie Angst haben, benachteiligt zu werden und zu viel Land an den Park abtreten zu müssen. So diskutiert und diskutiert man.

Und Sie waren am Verzweifeln?

Nicht gerade am Verzweifeln, aber der Kragen ist mir manchmal schon geplatzt. Immerhin wird jetzt die neue Kantonsstrasse gebaut, und diesen Herbst kommt der Projektierungskredit für die Tramverlängerung nach Augst in den Landrat. Wenn das durchgeht, ist das ein Meilenstein. Denn das gibt den Zauderern Sicherheit.

Im Baselbiet haben Sie die Umweltschutzorganisationen mit Ihren Richtplanentwürfen teils bis aufs Blut gereizt. Jetzt sind Sie Vorstandsmitglied von Pro Natura Basel. Wie geht das?

In gewissen Bereichen decken sich meine Meinungen mit jenen von Pro Natura, in gewissen nicht. In Basel bin ich zum Beispiel entgegen Pro Natura für eine Siedlungsentwicklung hin zum Hörnli. Wenn es aber darum geht, alte Baumbestände für Tiefgaragen zu opfern, bin ich auch der Meinung, dass das nicht geht. Basel braucht nicht für jeden Arbeitsplatz zwei Wohnungen, die Leute können auch in Birsfelden oder Muttenz wohnen. Das Ideologische war nie mein Ding. Deshalb kandidiere ich auch für die Liberalen für den Basler Grossen Rat. Diese Partei hat Platz für Haltungen, die nicht voll der bürgerlichen Linie entsprechen. Bei Pro Natura ist es umgekehrt: Die sind eher grün-links, und ich bringe noch ein paar andere Ideen ein.

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