Arlesheim
Seit 200 Jahre sind sie Schweizer – eine Feier gibt es aber nicht

Die Gemeinde Arlesheim trübt die Feierstimmung im restlichen Birseck für das kommende Jahr: 1815 kam die Region per Beschluss am Wiener Kongress zum Kanton Basel und damit zur Eidgenossenschaft. Für Arlesheim ist das kein Grund zum Feiern.

Boris Burkhardt
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Die reaktionären Fürsten entschieden 1815 in Wien unter anderem, dass das Birseck zum oligarchisch regierten Kanton Basel kommen sollte.

Die reaktionären Fürsten entschieden 1815 in Wien unter anderem, dass das Birseck zum oligarchisch regierten Kanton Basel kommen sollte.

(ho)

Die Stadt Basel feierte im Jahr 2001 mit einem rauschenden Fest ihre 500-jährige Zugehörigkeit zur Eidgenossenschaft. Wenn im kommenden Jahr die Gemeinden des Birsecks 200 Jahre Teil der Schweiz sein werden, wollen auch sie dieses Jubiläum mit einer angemessenen Feier begehen.

Über die Einzelheiten des Festprogramms will der Verantwortliche Hansruedi Thüring, Gemeinderat in Ettingen, erst in einigen Wochen sprechen, wenn alle Details geklärt sind. Er versichert aber, dass sich die meisten Gemeinden des Birsecks mit einer Festveranstaltung oder Museumsausstellung am Festprogramm beteiligten. Welche Gemeinden genau dabei sein werden, steht nach bz-Informationen jedoch noch nicht fest.

Das unbekannte Jahr 1815

Die Euphorie für dieses Jubiläum hält sich mancherorts in Grenzen. So weiss die bz von mindestens zwei Gemeinden, die aus unterschiedlichen Gründen ihre Mühe mit der Jubiläumsfeier haben. In Therwil sehe der Gemeinderat zu wenig Relevanz in dem Datum, sagt Gemeindeverwalter Theo Kim: «Für viele Leute in Therwil ist das weit weg. Vielen ist gar nicht mehr bewusst, um was es geht.»

Das bestätigt Jean-Claude Rebetez, Kurator des Archivs des ehemaligen Fürstbistums Basel, das 2015 ein wissenschaftliches Kolloquium plant: «Die Restauration ist eine relativ unbekannte Epoche in der Region.» Selbst der Bund habe grössere Anlässe im kommenden Jahr abgelehnt. Rebetez erklärt das politisch: Aus Sicht der Linken sei die Restauration ein politischer Rückschritt gewesen; aus Sicht der Rechten sei erst die endgültige Gründung des Bundesstaates 1848 ein jubiläumswürdiges Datum.

Beim Wiener Kongress 1815 teilten die reaktionären Mächte nach dem Sieg über Napoleon Europa neu auf und stellten den Status vor dessen Feldzügen und Staatengründungen wieder her. Damit wurde auch das Birseck, nachdem es fast 85 Jahren lang unter relativ demokratischen Verhältnissen politisch abhängig von Frankreich gewesen war, dem wesentlich autokratischer regierten Kanton Basel zugeschlagen. Der Arlesheimer Gemeinderat Lukas Stückelberger spricht sogar von einem «Rückschritt zur Wiederherstellung der Feudalzeit».

«Nur feiern wäre schade»

Das Thema ist laut Stückelberger «extrem spannend»; er frage sich aber, ob die «Entscheidung aus dem fernen Wien» damals wirklich ein Grund zum Feiern war. Deshalb habe Arlesheim beschlossen, das Gedenkjahr 2015 im Gegensatz zu den von Thüring geplanten «Bürgerfesten» kritisch zu begleiten: «Wir wollen einen Kontrapunkt setzen und neutral feiern.»

Arlesheim habe sich deshalb entschieden, im August oder Dezember 2015 eine «kontroverse Podiumsdiskussion» zu veranstalten, die die «historischen Ereignisse aufarbeiten» solle. Details stehen auch hier noch nicht fest; Stückelberger ist es jedoch wichtig, dass der Bezug zur heutigen politischen Situation hergestellt wird: «Wir müssen uns fragen, ob es ohne das Birseck überhaupt einen Kanton Baselland gegeben hätte.»

Unterstützung bekommt die Gemeinde Arlesheim von Archivar Rebetez: «Es wäre schade, wenn es 2015 nur ums Feiern geht. Es wäre besser, über das Thema im Kontext der aktuellen Politik zu sprechen.» Die Restauration habe bis heute Auswirkungen auf die politische Lage in Basel-Stadt und Baselland.