Therwil
Shaqiris Hattrick lässt die Therwiler das Defizit vergessen

Eine Gemeindeversammlung (GV) im Public Viewing - wie in der ganzen Schweiz war am Mittwoch auch in Therwil Ausnahmezustand. Die Gemeinde veranstaltete die GV aufgrund des Schweiz-Spiels für einmal vor einer Fussball-Leinwand.

Boris Burkhardt
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Jubelstürme im Minutentakt an der Gemeindeversammlung: Das war am Mittwochabend in Therwil möglich. Auch Gemeindepräsident Reto Wolf war dabei (Mitte, reisst beide Ärme nach oben).

Jubelstürme im Minutentakt an der Gemeindeversammlung: Das war am Mittwochabend in Therwil möglich. Auch Gemeindepräsident Reto Wolf war dabei (Mitte, reisst beide Ärme nach oben).

Juri Junkov

Therwils Gemeindepräsident Reto Wolf muss bei der Frage lachen: Natürlich sei ein Defizit in der Jahresrechnung schlimmer als in der schweizerischen Abwehr. «Aber heute abend sind wir ganz auf Sport eingestellt und hoffen, dass die Abwehr hält», sagt er.

Reto Wolf sitzt mit etwa 130 Therwiler Stimmbürgern und Gästen im Hof des Bahnhofschulhauses, der mit Bierbänken und einem grossen LED-Bildschirm ausgestattet und mit Flaggen verschiedener fussballspielender Nationen geschmückt ist.

Die Idee des Gemeinderat Therwils, erstmals eine Landsgemeinde in Verbindung mit dem Public Viewing des entscheidenden Spiels der Nati gegen Honduras zu verbinden, kam offensichtlich sehr gut an. «Angepasste Kleidung (alles in rot-weiss) und Fan-Utensilien (Schweizer Flagge, Trompeten etc.) sind herzlich willkommen», liess der Gemeinderat in der Einladung zum Einwohnergemeindeversammlung verlauten. Wo andere Gemeinden sich gegenüber den Medien winden, weil sie sich offenbar schämen, dass sie wegen des Spiels die Gemeindeversammlungen und Einwohnerratssitzungen bis 22 Uhr deckeln, legt Therwil gerade Wert auf die Verbindung von Politik und Sport.

«Hätten wir heikle Themen auf der Traktandenliste gehabt, wäre es zu riskant gewesen, die Gemeindeversammlung in dieser Art durchzuführen», sagt Wolf nach der Versammlung, die mit nur 45 Minuten genauso einen Rekord aufstellen dürfte wie das früheste Schweizer WM-Tor nach knapp sechs Minuten durch Shaqiri. Doch mit der Jahresrechnung als einzigem Traktandum hielt Wolf dieses Experiment für vertretbar, ohne die Seriosität der urdemokratischen Versammlung zu gefährden.

Dabei beschränkte sich das Experiment nicht nur auf die Verknüpfung mit der WM; Wolf fühlte sich auch als Leiter der «1. Därwiler Landsgemeinde» sichtlich wohl. Er trug deshalb auch nicht etwa ein rotes Trikot sondern ein Appenzeller Sennenhemd und ging ganz in seiner Rolle als «Landammann» von Therwil auf. Dazu wurden an alle Anwesenden Stimmkarten verteilt: grüne an die Stimmberechtigten, rote an die Gäste. Auch die Stimmenzählung erfolgte gemäss Gepflogenheiten einer Landsgemeinde ad prima vista: Die Jahresrechnung wurde dann auch «angenommen mit ganz wenigen Gegenstimmen und keiner Enthaltung».

Auch eine weitere «Landsgemeinde» an sich, ausserhalb von Fussballturnieren, kann sich Wolf gut vorstellen, das aber auch nur, wenn es keine «umstrittenen Themen» gibt. Mit sechshundert Gemeindemitgliedern wie vor zwei Jahren bei der Planung des neuen Schulhauses wäre eine Versammlung im Freien kaum durchführbar - «obwohl es auch zur Entspannung der Gemüter beitragen könnte».

Auch die Nationalhymne - alle Anwesenden wurden vorsorglich mit dem Text versorgt - würde bei einer «normalen» Landsgemeinde in Therwil wohl nicht angestimmt werden. Das galt ganz allein dem Fussball, der ab 20.50 Uhr eindeutig wieder die thematische Oberhand erhielt unter den Anwesenden, die sich dann bis zum Anpfiff um 22 Uhr auch verdreifachten. Gemeindepräsident Reto Wolf gehörte dann mit zur jubelnden Menge in Rot-Weiss.

Für die Defizite in der Schweizer Abwehr in der zweiten Hälfte brauchte es doch noch etwas Glück; letztendlich zählte aber nur das 3:0 und der Einzug ins Achtelfinal. Und das andere Defizit? Ach, ja, die Schulden von Therwil: Die bezifferte Gemeindepräsident Wolf auf 1,63 Millionen Franken.