Birsfelden
Sind Kinder zu verweichlicht, um Hütten zu bauen?

Erwachsene haben die neuen Buden auf dem Robi-Spielplatz hochgezogen – nicht Kinder. Das passt einem Alt-Gemeinderat gar nicht: Er sieht eine Generation heranwachsen, die sich im Leben nicht mehr durchsetzen kann.

Benjamin Wieland
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Den Kindern bleibt das Annageln der Fassadenbretter: Für den Rohbau der neuen Hütten auf dem Birsfelder Robi-Spielplatz waren die «Grossen» zuständig.

Den Kindern bleibt das Annageln der Fassadenbretter: Für den Rohbau der neuen Hütten auf dem Birsfelder Robi-Spielplatz waren die «Grossen» zuständig.

Kenneth Nars

Den ganzen Mai über wurde beim Kraftwerk in Birsfelden fleissig gesägt, geschraubt, genagelt. Nun hat der Robinson-Spielplatz schmucke neue Hütten. Es waren aber nicht Kinder am Werk – Erwachsene haben die Buden hochgezogen. So legte etwa ein Team von Novartis einen Tag lang Hand an, im Rahmen eines Freiwilligeneinsatzes. Bereits den Abriss der alten Verschläge hatte der örtliche Zivilschutz erledigt. Ganz untätig blieb der Robi-Nachwuchs aber nicht: Die Kinder durften die Pläne zeichnen für ihre künftigen Paläste aus Holz.

Für Alt-Gemeinderat Claude Zufferey hat das nichts mehr mit der ursprünglichen Philosophie eines Robinson-Spielplatzes zu tun. «Kinder dürfen nichts mehr selber machen», sagt der gebürtige Birsfelder, der heute in Giebenach wohnt. Er war als Kind häufig auf dem Birsfelder Robi. «Damals haben wir unsere Hütten selber abgerissen und wieder zusammengebaut. Da hatte ich am Abend auch mal eine Beule oder einen Sprissen. Aber wir waren glücklich. Und wir haben gelernt, mit Gefahren umzugehen.»

«Kranke Gesellschaft»

Zufferey sass von 2006 bis 2012 im Birsfelder Gemeinderat. Er sagt, er habe sich bereits während seiner Amtszeit gestört am «Schicki-Micki-Robi». Dieser ist für Zufferey symptomatisch für eine «kranke Gesellschaft»: «Da wächst eine verweichlichte Generation heran, die sich nicht mehr durchsetzen kann im Leben. Diese Kinder werden beim kleinsten Widerstand umfallen – weil sie es sich gewohnt sind, dass ständig jemand für sie schaut.»

Die Leitung des Robi Birsfelden widerspricht dem Bijoutier, der seine Bedenken auch in einem Leserbrief im «Birsfelder Anzeiger» dargelegt hat. «Das Grundgerüst wurde von Erwachsenen geplant und gebaut, damit die Hütten auch wirklich stabil sind und lange halten», sagt Dimitri Waldmeier, Co-Leiter des Spielplatzes, der vom Basler Verein Robi-Spiel-Aktionen betrieben wird. «Solche Arbeiten kann man nicht von Kindern ausführen lassen.»

Normen werden strenger

Der Sicherheitsaspekt spiele aber auch eine grosse Rolle. «Die Eltern sind heute vorsichtiger als früher», sagt Waldmeier. «Darauf müssen wir Rücksicht nehmen, ohne dass wir die Kinder in eine Sicherheitshülle stecken. Trotzdem zögerten wir, sie die alten Bretterbuden einreissen zu lassen.»

Nicht nur die Erziehungsberechtigten, auch die Behörden schauen bei Kinderspielplätzen immer genauer hin. 2008 übernahm die Schweiz die strenge Europäische Norm «Spielplatzgeräte und Spielplatzböden». Danach musste im zürcherischen Adliswil eine alte Dampflok von einer Freizeitanlage entfernt werden. Wie der «Tages-Anzeiger» schrieb, hätte es rund um die Lok neu sechzig Quadratmeter Fallschutz-Platten gebraucht – das war den Anlagebetreibern zu teuer.

Wissen ist nicht mehr da

Die Beratungsstelle für Unfallverhütung (BFU) schreibt auf Anfrage der bz, Robinson-Spielplätze müssten nicht der Spielplatzgeräte-Norm entsprechen: «Auf Abenteuerspielplätzen entscheidet das Betreuungspersonal, was welchem Kind zugetraut werden kann. Abhängig von Alter, Geschicklichkeit und ‹Tagesform›».

Auch auf dem Robi Birsfelden dürfen die Nutzer mitanpacken, wie Waldmeier betont. «Die Fassadengestaltung erledigen die Kinder, sie sind auch für die Einrichtung verantwortlich.» Er räumt aber ein, dass die Kinder auf Anleitung angewiesen seien: «Unsere Besucher sind 7- bis 11-jährig. Bei vielen ist kaum handwerkliches Grundwissen vorhanden. Wir müssen also auch mal zeigen, wie man einen Nagel einschlägt. In der Generation von Claude Zufferey kam das wohl eher selten vor.»

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