Pratteln
«Solange es Firmen gibt, die hier entwickeln, braucht es Firmen, die hier fertigen»

Blech verarbeitet die Firma Ringele immer noch – doch die Abläufe haben sich in 20 Jahren stark gewandelt.

Michel Ecklin
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«Open Factory» bei Ringele in Pratteln
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Ringele

«Open Factory» bei Ringele in Pratteln

Kenneth Nars

Vor 20 Jahren war die Firma Ringele AG ein traditioneller Produktionsbetrieb. Die Arbeitsabläufe in diesem Blechbearbeitungsunternehmen waren nach Funktionen aufgeteilt. So waren alle Schweisser, Stanzer und Abkanter separat gruppiert. Die Produkte wanderten von Posten zu Posten. «Jeder Mitarbeiter musste herausfinden, was er bei seinem einzelnen Schritt zu tun hatte», sagt Andreas Zurbrügg, der das Familienunternehmen 1995 zusammen mit Urs Leuenberger erwarb. Der Kunde musste sich mit Standardlösungen zufrieden geben, die Optimierung des Produktes war kaum ein Thema.

Damit habe man enorm viel Leerlauf und Ausschuss produziert, sagt Zurbrügg. Schnell war klar: So konnte Ringele gegen die günstigere Konkurrenz aus dem Ausland nicht bestehen. Es gab Angebote, sich nach Osteuropa oder China abzusetzen. Doch die beiden neuen Besitzer wählten die Strategie, in der Schweiz zu bleiben. «Lean Management» lautete ihr Zauberwort. Sie gaben nämlich den Arbeitsabläufen klarere Strukturen, schafften Produktionsinseln, in denen «polyvalentes Personal» die Herstellungsmethode jedes Produkts gemeinsam erarbeitet. Jeder Einzelne kann und soll dazu beitragen, dass das Produkt besser wird.

Den Kundenwünschen angepasst

Das brachte zwei Vorteile: Erstens sind die Arbeitsabläufe effizienter und damit günstiger geworden. «Einzelanfertigung ist schneller als Serienfertigung», sagt Zurbrügg. «Das ist erstaunlich, aber mit 12 Jahren Erfahrung damit kann ich sagen: Es ist so.» Man habe eben «die Prozesse im Griff», um «den Zeitflow zu optimieren». Wenn zum Beispiel die Programmation der Geräte im Voraus geschehe, gehe keine Produktionszeit verloren. Zweitens kann sich Ringele exakter den Wünschen der Kunden anpassen und Teil ihrer Wertschöpfungskette werden.

Denn die Kunden verlangen je länger, je mehr spezialisierte Lösungen. Wenn sie etwa die Rückverfolgbarkeit des Herstellungsprozesses verlangen, kann man diesen von vornherein einplanen. Oder man kann vor einer Serienfertigung Prototypen erstellen, die der Kunde in der Hand halten kann.

Der Produktivitätsschub bei Ringele in Pratteln ging einher mit massiven Investitionen. Allein die Laserschneidmaschine kostete 1,6 Millionen Franken. Dafür produziert sie in Sekunden Teile, für die man früher Stunden brauchte.

Kapazitäten verdreifacht

Einfach war der Wandel zum schlanken Betrieb nicht. Kaum war Ringele von Bottmingen nach Pratteln umgezogen, kam der 11. September 2001, später Finanzkrise und Frankenschock. Jedes Mal brachen Aufträge weg. Und manch ein Mitarbeiter wollte die neue Philosophie nicht nachvollziehen und musste die Firma verlassen. Doch die Kapazitäten für die Blechverarbeitung haben die heute 180 Mitarbeiter in den vergangenen zehn Jahren verdreifachen können. Man konnte einige international tätige Player als Kunden gewinnen. Der Jahresumsatz beträgt 31 Millionen Franken, Tendenz steigend. «Die Auftragbücher sind voll», teilt das Unternehmen zum 90-Jahr-Jubiläum mit. Es entstehen gar neue Stellen.

Den Entscheid, in der Schweiz zu bleiben, haben die Besitzer Zurbrügg und Leuenberger nie bereut. Und die Neubauten unmittelbar beim Bahnhof Pratteln zeigen: Man ist glücklich über den Standort. «Pratteln hat eine industrielle Tradition», sagt Zurbrügg. Hier sei man willkommen. Der Markt sei zwar global geworden. Doch Ringele liefert 70 Prozent der Produktion an exportorientierte Schweizer Firmen, den Rest nach Europa, viel in die Autoindustrie. Zurbrügg ist überzeugt: «Solange es Firmen gibt, die hier entwickeln, braucht es Firmen, die hier fertigen – auf hohem Schweizer Niveau.»