Nähkästchen
SP-Vorkämpferin Regula Meschberger über Gleichberechtigung: «Man braucht schlicht die Frauen»

Ausgerechnet ein Mann trug zur Politisierung der leidenschaftlichen Baselbieter SP-Vorkämpferin Regula Meschberger (69) bei. Im Nähkästchen spricht sie über ihre Familie, Gleichberechtigung und einen Lehrer, dem sie früher gerne ins Gesicht geschrien hätte.

Bojan Stula
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Regula Meschberger zieht im Liestaler bz-Redaktionsbüro den Begriff «Mann» – und muss lachen.

Regula Meschberger zieht im Liestaler bz-Redaktionsbüro den Begriff «Mann» – und muss lachen.

Nicole Nars-Zimmer (Liestal, 7.1.2021

Regula Meschberger, welchen Begriff haben Sie gezogen?

Regula Meschberger: Mann!

Sie lachen. Weshalb?

Ja, wirklich. Ich bin seit 47 Jahren mit meinem Mann verheiratet und habe vier Töchter. Eigentlich lebe ich seit Jahrzehnten in einem Frauenhaushalt – mit einem Mann drin.

Wie sieht es bei Ihnen mit dem bei vielen linken Frauen institutionalisierten Männerhass aus?

Hass ist ein Begriff, den ich niemals verwenden würde.

Die Frage war auch nicht ganz ernst gemeint.

Ich habe eine Riesenfreude, dass wir jetzt 50 Jahre Frauenstimmrecht feiern können. Mein alter Geschichtslehrer am Progymnasium war ein fanatischer Gegner des Frauenstimmrechts. Ihm hätte ich deswegen oft am liebsten ins Gesicht geschrien. Er hat zu meiner Politisierung beigetragen. Dagegen ist es traurig , dass wir heute noch immer über Themen diskutieren müssen, bei denen wir weit weg von unserer Vorstellung von Gleichberechtigung sind.

Welche Facette der Gleichberechtigung beschäftigt Sie dabei besonders?

Die Familiensituation; mit allem, was daran hängt.

Was genau meinen Sie?

In der Familie kann man sich nicht frei für eine Lebensform entscheiden, weil die Wahlmöglichkeiten zahlreichen Zwängen unterworfen sind. Dass ein Mann den Grossteil der Hausarbeit und Erziehungstätigkeit übernimmt, ist noch immer keine Selbstverständlichkeit. Ebenso oft ist es unmöglich, dass sich Mann und Frau die Erwerbstätigkeit nach ihren eigenen Vorstellungen und Wünschen aufteilen können, da es die jeweilige Arbeitssituation nicht zulässt.

Ist das nicht oftmals realen Zwängen der Arbeitswelt geschuldet, die gar nichts mit dem Thema Gleichberechtigung zu tun haben?

Ein Bankdirektor hat mir an einer Veranstaltung erzählt, dass bei ihm unmöglich eine Frau Karriere machen könne, die weniger als 70 Prozent arbeitet; das ist noch gar nicht so lange her. Hier geht es aber meiner Meinung nach mehr um überkommene Vorstellungen als reale Zwänge. Im Gegensatz dazu gibt es heute Vorgesetzte, welche Frauen in Teilzeitarbeit schätzen, weil sie solche Angestellte als engagierter empfinden und wirklich auf deren Leistungsbereitschaft zählen können, wenn diese an der Arbeit sind. Es müsste eben viel mehr mit solchen Modellen experimentiert werden.

Wie viel soll in der Gleichstellung der Eigenverantwortung und wie viel der staatlichen Regulierung überlassen werden?

Eigenverantwortung ist extrem wichtig. Wenn aber die Grundvoraussetzungen überhaupt nicht stimmen, kommt man mit blosser Eigenverantwortung nirgends hin. Hier steht die Wirtschaft in der Pflicht. Es braucht wohl minimale staatliche Eingriffe, aber der Staat kann und darf nicht alles regeln.

Das Regulierungsinstrumentarium scheint hier etwas begrenzt zu sein. Die Frauenquote etwa ist wohl eher ein maximaler als ein minimaler Eingriff.

Ich finde es spannend, wie aktuell die Quotendiskussion geworden ist und immer intensiver thematisiert wird. Jetzt etwa mit der Frage nach einer Frauenquote in Verwaltungsräten. Ich bin froh um diese Entwicklung, aber halte die ganze Diskussion dennoch für ziemlich schwierig.

Weshalb?

Ich bin weder bedingungslos für noch gegen die Frauenquote. Ich bin mir nicht sicher, ob sie in jedem Fall zum Ziel führt. Zwar bekämen wir dadurch rasch einen höheren Frauenanteil. Aber das Bewusstsein der Frauen, sich aktiver als bisher für traditionelle Männerberufe zu entscheiden, kann nicht auf diesem Weg reguliert werden.

Wofür sollte es eine Männerquote geben?

Für zur Zeit typische Frauenberufe. Das würde sicher die Lohngleichheit befördern.

Wann ist Ihnen in Ihrer Karriere ein Mann vor der Sonne gestanden?

Ich kann mich an keinen solchen Fall erinnern, weder beruflich noch politisch. Als ich in Birsfelden fürs Gemeindepräsidium kandidierte, habe ich gegen einen Mann verloren. Aber das hatte damals nichts mit der Geschlechterfrage zu tun.

Wie langweilig!

Nein, wirklich nicht. Hingegen habe ich in der SP, als ich 1972 beitrat, ganz traditionell angefangen, so wie das die Frauen damals eben tun mussten: mit Protokollschreiben und dem Archivieren von Unterlagen.

Was hat dann den Wandel bewirkt?

Man brauchte schlicht die Frauen, insbesondere in der Gemeindearbeit, weil nicht genügend Männer zur Verfügung standen. Ich wurde bereits mit 25 in die Sozialhilfebehörde der Gemeinde gewählt. Solche Ämter verschafften parteiintern den Frauen Anerkennung.

Umgekehrt haben Sie mit Ihrer Regierungskandidatur 2007 möglicherweise verhindert, dass ein zweiter SP-Mann, Eric Nussbaumer, gewählt wurde.

Vielleicht, aber es war damals höchste Zeit für eine Frauenkandidatur.

Das ist für Sie wichtiger als der reale politische Erfolg?

Es steht ja nicht wirklich fest, ob ohne mich beide SP-Männer gewählt worden wären.

Und als Wahlkampfhelferin von Eric Nussbaumer verpassten Sie seinen Einzug in den Ständerat 2019.

Ich hätte Eric sehr gerne im Ständerat gesehen. Nicht, weil er ein Mann ist, sondern wegen seiner Fähigkeiten, und weil er so viele wichtige politische Facetten abdeckt. Mit Maya Graf als Ständerätin, die ich schon lange gut kenne, kann ich aber sehr gut leben.

Welche Männer können Sie nicht ausstehen?

Jene, die sich wie Pfauen aufführen und nicht zuhören können. Von denen gibt es in der Politik einige; Namen nenne ich aber keine!

Haben Sie sich jemals gewünscht, ein Mann zu sein?

Nein, wirklich nie. Manchen Frauen, die ich treffe, würde ich aber etwas mehr männliches Selbstbewusstsein wünschen. Manchmal sogar, was mir zu denken gibt, müsste man jungen Frauen einen Schubs geben.