Energiewende
Spiel mir das Lied vom Strom

Wie EBM und Alpiq in Biel-Benken ein Köpfchen-statt-Kupfer-System für die Energiewende testen und so die Stromschlucker analytisch denken lernen.

Daniel Haller
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Prototypen: Zwei solche Schaltschränke sind pro Haushalt für den Feldversuch nötig. Bringt das System die gewünschte Optimierung, soll dieser «Kabelsalat» als daumengrosse Blackboxes künftig direkt in die Geräte eingebaut werden.

Prototypen: Zwei solche Schaltschränke sind pro Haushalt für den Feldversuch nötig. Bringt das System die gewünschte Optimierung, soll dieser «Kabelsalat» als daumengrosse Blackboxes künftig direkt in die Geräte eingebaut werden.

Zur Verfügung gestellt

High Noon, unerbittlich brennt die Sonne. Doch stehen sich schwitzend nicht der Böse und der Gute mit schussbereiten Revolvern auf dem Quartiersträsschen gegenüber. Keine Filmmusik treibt die Spannung auf den Höhepunkt zu. Für Spannung sorgen vielmehr die Photovoltaik-Anlagen auf den Dächern – elektrische Spannung. Sergio Leones Kameramann Tonino Delli Colli könnte dabei die Schweissperlen auf dem Gesicht desjenigen filmen, der bei der Elektra Birseck Münchenstein (EBM) die Netzstabilität überwacht: Hält das Netz?

Dieses wurde nämlich dafür gebaut, zentral erzeugten Strom an die Kunden zu verteilen. Zunehmend produzieren diese aber selbst Strom. Ausgerechnet zur Mittagszeit, wenn die Energieversorgungsunternehmen (EVU) traditionell per Fernsteuerung die Waschmaschinen abschalten, um die Verbrauchsspitze – Köchinnen und Köche verbraten dann den Strom buchstäblich – auszugleichen, gibt es bei schönem Wetter eine Angebotsspitze: Statt aus dem Netz zu den Kunden fliesst der Strom von den Kunden ins Netz.

Lernfähige Geräte

Neue Lösungen sind gefragt. Beispielsweise, dass dann, wenn auf dem Dach die Solarzellen zur Hochform auflaufen, in der Garage der Akku des Elektroautos geladen wird. Ist dieses gerade nicht da, kann der Elektroboiler den Strom aufnehmen, oder im Winter die Wärmepumpe. Ist deren Bedarf gedeckt, speichert eine Batterie im Keller den Strom. Reiten dann am Abend die Protagonisten nach vollbrachter Heldentat zur Abspannmusik in den Sonnenuntergang, versorgt die Batterie den Haushalt mit Strom.

Damit dies funktioniert, müssen sich Ladestation, Boiler, Wärmepumpe, Batterie und die Solaranlage sensibel aufeinander abstimmen. In Zukunft will man deshalb die Geräte mit intelligenten Bauteilen ausstatten. Diese sind sogar lernfähig: Die Batterie im Keller merkt, dass an fünf Tagen in der Woche das Auto regelmässig ab 17.30 Uhr an der Ladestation hängt und der Warmwasserbedarf am Morgen, wenn alle duschen, am grössten ist.

Die Geräte studieren systematisch das Verhalten der Verbraucher. Liefert dann das EVU noch die Information, wann die Strompreise hoch und niedrig sind – das heutige starre Hoch- und Niedrigtarifmodell wird künftig wohl von dynamischen Tarifen abgelöst – können die Geräte auch gleich entscheiden, ob sie nun «Pfuus» aus dem Netz ziehen oder Strom an dieses abgeben wollen. Eingespeiste Wetterprognosen können den Verbrauch zusätzlich optimieren.

Praxistest in Biel-Benken

Damit spart der Kunde bis zu 600 Franken im Jahr, und der Mann in der EBM-Zentrale Schweissperlen. Mittelfristig spart auch die EBM: Anstatt überall dickere High-Noon-Kabel aus teurem Kupfer einziehen zu müssen, halten sich die Investitionen für den Netzausbau in Grenzen.

Klingt gut. Doch funktioniert diese als GridSense bezeichnete Technologie, welche die Tessiner Fachhochschule Scuola universitaria professionale della Svizzera italiana (Supsi) entwickelt hat, auch in der Praxis? Dies wollen EBM und Alpiq in einem Feldversuch ermitteln. Die EBM suchte vier Haushalte, die alle an der gleichen Trafostation angeschlossen und mit entsprechenden Anlagen ausgestattet sind. Fündig wurde sie in Biel-Benken, musste aber etwas nachhelfen: Den Probanden stellt sie die vorläufig noch teure Batterie in den Keller und zwei Haushalte wurden mit einem Elektroauto ausgestattet.

Ein Jahr lang ermitteln EBM und Alpiq nun, ob es den mit Supsi-Software sensibilisierten Geräten gelingt, den Verbrauch und die Erzeugung des Stroms optimal aufeinander abzustimmen. Sollte das System aus dem Ruder laufen, können es die Bewohner mit einem roten Knopf auf Null stellen.

Doch mit Totalversagen rechnet niemand, denn im Labor funktioniert das Verfahren. Das Bundesamt für Energie zeichnete GridSense mit dem Preis Watt d’Or aus. Patente sind angemeldet und Alpiq will es über die Schweiz hinaus in Europa vertreiben, sobald ein Produzent es in Lizenz herstellt. Die EBM hingegen werde auf der Basis solcher Technologien eine neue Rolle suchen, erklärte CEO Conrad Amman an der Pressekonferenz. Und Marcel Morf, Projektleiter auf der Seite der Alpiq meint, dass solche Systeme den EVU im liberalisierten Strommarkt neue Formen der Kundenbindung ermöglichen.