Liestal
Stadtpräsidentin Gysin verteilte die traditionellen «Uffertsweggen» in Liestal

Rund 150 Kinder durften von Stadtpräsidentin Regula Gysin den «Uffertswegge» in Empfang nehmen. Alljährlich an Auffahrt werden die Auffahrtsweggen im Rathaus von Mitgliedern aus dem Stadt- und Bürgerrat verteilt.

Odile-Florence Giger
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Stadtpräsidentin Regula Gysin verteilt die Auffahrtsweggen an die über 100 Mädchen und Buben.

Stadtpräsidentin Regula Gysin verteilt die Auffahrtsweggen an die über 100 Mädchen und Buben.

Odile-Florence Giger

Warm und gemütlich ist es in der Backstube der Bäckerei Ziegler in Liestal am Auffahrtsmorgen. Der Duft von frisch gebackenem Brot füllt den Raum. Es ist fünf Uhr morgens. Der 39-jährige Noel Er Zecchim, seit 22 Jahren Bäcker, schiebt soeben das letzte Blech in den 230 Grad vorgeheizten Ofen.

Nach 14 Minuten öffnet er die schwere Backofentür und zieht zufrieden die Weggen aus dem Backofen. «So, das wär’s mit Auffahrtsweggen für dieses Jahr», freut er sich. Seit rund einer Stunde ist er bereits an der Arbeit. «Es bereitet mir Freude wenn ich weiss, dass die Kinder einen solchen Auffahrtsweggen strahlend in Empfang nehmen können», sagt er.

Jedes Jahr ein anderer Bäcker

Szenenwechsel, es ist elf Uhr: Mit glänzenden Augen nimmt die Primarschülerin Aurélie das frischgebackene «Wegglein» von der Stadtpräsidentin Regula Gysin entgegen und beisst herzhaft in das acht Zentimeter lange Weissbrot. Fast zehn Minuten ist sie, begleitet von ihrem kleinem Brüderchen Laurent, in der Warteschlange angestanden. Noch verstehen die beiden Kinder nicht ganz, worum es bei diesem alten Liestaler Brauch, dem «Uffertswegge-Verteile» geht.

Alle Jahre wieder...

Alljährlich an Auffahrt werden die Auffahrtsweggen im Rathaus von Mitgliedern aus dem Stadt- und Bürgerrat verteilt. Regula Gysin: «Früher backte jede Bäckerei in Liestal eine Anzahl von Weggen, heute ist es weniger kompliziert und die Backstuben wechseln sich mit dem Herstellen der Auffahrtsweggen jedes Jahr ab».

Dieses Jahr war die Backstube Ziegler an der Reihe und backte frühmorgens 175 Weggen, je 140 Gramm schwer. Die Stadtratsmitglieder Regula Gysin, Lukas Ott und Ruedi Riesen und die Bürgerräte Hans-Ruedi Schafroth und René Steinli verteilten die begehrten Weggen an die junge Bevölkerung. Stadt- und Bürgerrat sind auch die Sponsoren des Anlasses und teilen sich alljährlich die Kosten.

Früher eine Kostbarkeit

Der Brauch des «Uffertswegge-Verteile» geht weit zurück. Schon im 16. Jahrhundert durften Buben das Brot als Wegzehrung des Banntages in Empfang nehmen. Als der Banntag auf den Montag vorverlegt wurde, blieb die Brotspende an Auffahrt jedoch bestehen.

Ein solcher Weggen bedeutete früher eine grosse Kostbarkeit. Der grüne Stadtrat Lukas Ott erinnert sich: «Wir Kinder machten uns einen Sport daraus, wer am meisten Weggen ergattern konnte. So tauschten wir unsere Kleider und stellten uns wieder hinten in der Schlange an.»

Rund 400 Jahre dauerte es, bis auch die Mädchen in den Genuss eines Weggens kamen: Die wohlhabende Sophie Sauer-Baumgartner, Ehefrau eines Stadtrates, gründete 1938 zu diesem Zweck einen sogenannten «Weckenfonds» und ebnete damit den Weg für die Mädchen zum Erhalt eines Weggens. Zum Glück für Aurélie: Ansonsten wäre Laurents Schwester gestern leer ausgegangen.