Astronomie
Stonehenge in Rothenfluh: Gemeinde verfügt angeblich über einen prähistorischen Schatz

Liegt auf dem Rothenflüher Horn tatsächlich ein bedeutendes prähistorisches Monument? Der Baselbieter Kantonsarchäologe winkt ab.

Rebekka Balzarini
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Sonnenaufgang am 21. Dezember vom Rotenflüher Horn aus gesehen.

Sonnenaufgang am 21. Dezember vom Rotenflüher Horn aus gesehen.

ZVG

«Rothenfluh hat gratis, was andere Kulturen jahrzehntelang erschaffen mussten.» Gianni Mazzucchelli beugt sich über die vielen Skizzen, die vor ihm auf dem Wohnzimmertisch liegen. Er hat sie in den letzten 30 Jahren angefertigt. So lange schon forscht er über den prähistorischen Sonnenkalender, der seiner Meinung nach oberhalb von Rothenfluh zu finden ist.

Von der Ostseite des Rothenflüher Horns aus lassen sich alle Sonnenaufgänge des Sonnenjahres beobachten. Laut Mazzucchelli ein Hinweis darauf, dass der Ort als Observatorium genutzt wurde, um den Lauf der Sonne und des Mondes zu beobachten. In jahrelanger Arbeit hat er verschiedene Zeichnungen angefertigt, die den Sonnenkalender auf dem Horn erklären sollen. Im Zentrum seiner Beobachtungen stehen drei Steinwälle auf dem Horn, die jeweils hintereinander angeordnet sind und sich fast über die ganze Breite des Horns erstrecken.

Skizze vom Sonnenaufgang am 21. Dezember.

Skizze vom Sonnenaufgang am 21. Dezember.

ZVG

Drei Steinwälle als Messlinien

Jeder Wall steht für andere Ereignisse im Sonnenkalender, am wichtigsten ist für Mazzucchelli der vorderste Steinwall: Am 21. Dezember um 8.25 Uhr können Besucher vom Steinwall aus sehen, wie die Sonne genau zwischen den Hügeln Räbne und Stellichopf erscheint. «Diese Genauigkeit kann gar kein Zufall sein», so Mazzucchielli begeistert.

Aber nicht nur die Sonnenwende lässt sich vom Horn aus beobachten. Der zweite Steinwall einige Meter hinter dem ersten zeigt am Horizont die Sonnenaufgangspunkte vom 21. März und vom 23. September an. An diesen Daten sind Tag- und Nacht in unseren Breitengraden genau gleich lang.

Der letzte Steinwall, mindestens zur Hälfte halb zerfallen, zeigt die Sonnenaufgangspunkte an zwei wichtigen keltischen Daten an: dem keltischen Sommeranfang Beltaine am 1. Mai und dem Samhain am 1. November. All das ist Beweis genug für Mazzucchelli, dass Rothenfluh über einen prähistorischen Schatz verfügt. Er sieht den mutmasslichen Sonnenkalender auf einer Ebene mit anderen berühmten Monumenten, wie etwa dem Newgrange in Irland, wo die Sonne jedes Jahr zur Wintersonnenwende genau durch einen Gang in die Grabkammer scheint.

Er ärgert sich darüber, dass der Ort oberhalb von Rothenfluh in der Archäologie offiziell lediglich als prähistorisches Refugium gilt, wohin sich die Bevölkerung des Dorfes bei drohender Gefahr zurückzog. «Das ist doch Quatsch», so Mazzucchelli. «Die Steinwälle waren viel zu tief, um einen Feind abzuschrecken. Und Wasser gibt es auf dem Horn auch keins, in kürzester Zeit wären die Leute bei einer Belagerung verdurstet.»

Er wünscht sich deshalb, dass auch die Kantonsarchäologie den Sonnenkalender als solchen anerkennt. «Bis jetzt ist das leider nicht geschehen», so Mazzucchelli enttäuscht.

Kantonsarchäologie winkt ab

Der Kantonsarchäologie sei die These des Sonnenkalenders zwar bekannt, so Andreas Fischer von der Archäologie Baselland. «Wir bestreiten auch gar nicht, dass es sich auf dem Horn um einen Sonnenkalender handeln könnte. Aber uns fehlen die konkreten Beweise.» Um diese zu erhalten, müsse der Kanton Forschungsgrabungen durchführen. Das tut er jedoch nur sehr selten. «Aus finanziellen Gründen führen wir nur Notgrabungen durch, also wenn eine Fundstelle bedroht ist», erklärt Fischer. Und selbst nach einer Grabung sei es schwer, klare Aussagen zu treffen. «Ohne schriftliche Quellen ist es äusserst schwierig, ein Kalendersystem zu beweisen. Das ist das Problem der Archäologie.» Er könne die Enttäuschung von Mazzucchelli verstehen, aber: «Als Wissenschaftler dürfen wir nicht spekulieren.»