Strafgericht Baselland
Kita-Leiter wegen sexuellen Handlungen mit Kindern vor Gericht: «Ich habe die Signale falsch gelesen»

Heute Donnerstag muss sich der 36-jährige Deutsche, dem vorgeworfen wird, mehrere Kleinkinder missbraucht zu haben, vor dem Strafgericht in Muttenz verantworten. Erklärungen für seine Taten sucht er in seiner eigenen Kindheit.

Kelly Spielmann
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Kita Globegarden-Krippe am Steinbühlweg 216.

Kita Globegarden-Krippe am Steinbühlweg 216.

Roland Schmid

«Ich habe den Beruf gerne gemacht, es war immer eine Herzensangelegenheit. Wenn ich nicht mehr mit Kindern arbeiten könnte, würde das schon sehr weh tun. Aber das ist als Konsequenz aus meinen Handlungen wohl unvermeidbar.» Zu einem lebenslänglichen Berufsverbot könnte es für den 36-Jährigen, der beschuldigt wird, als Kita-Leiter bei Globegarden in Allschwil mehrere Kinder sexuell missbraucht zu haben, tatsächlich kommen.

Heute Donnerstag muss er sich wegen mehrfacher sexueller Handlungen mit Kindern, mehrfacher Schändung, mehrfacher Verletzung des Geheim- und Privatbereichs durch Aufnahmegeräte und mehrfacher Pornografie vor dem Baselbieter Strafgericht in Muttenz verantworten. Bereit hatte der Mann während der Befragung hauptsächlich Erklärungs- und Rechtfertigungsversuche.

Er habe den Jungen helfen wollen

Zwei der Übergriffe gibt der Deutsche zu: Einen damals zweijährigen sowie einen damals vierjährigen Jungen habe er während des Mittagsschlafs an den Penis gefasst sowie an deren Genital- und Analbereich herumgefingert. Die beiden Jungen hätten ihn an seine eigene Kindheit erinnert. Bei beiden Fällen sei sein eigener sexueller Missbrauch, den er in seiner Kindheit durch seine Mutter und seinen Stiefvater erlebt habe, der Grund für seine Handlungen gewesen.

Den zweijährigen Buben habe er beim Schlafen nur aus der Decke befreien wollen, in der er eingewickelt gewesen sei – doch dann habe er ihm das Body und die Windel ausgezogen, weil die Erinnerungen an seine Kindheit hochgekommen seien. Er habe geglaubt, das Kind sei sexuell erregt. Er habe ihm etwas Gutes tun wollen, wie sein Stiefvater in seiner eigenen Kindheit. Weshalb er sich nicht selber gestoppt habe, könne er nicht erklären. Dass er seine Taten auch fotografiert habe – 50 Bilder hat die Staatsanwaltschaft gefunden – könne er sich erst im Nachhinein erklären: «Ich glaube, ich wollte mich damit selber mit meinen Erfahrungen aus der Kindheit konfrontieren.» Eine Woche später habe er denselben Jungen ein zweites Mal missbraucht.

Auch beim zweiten Fall, dem vierjährigen Jungen, dem er beim Einschlafen «helfen» wollte, erzählt er von seiner eigenen Kindheit. Beim Zudecken habe er das erigierte Glied des Buben bemerkt, die Signale falsch gelesen. Auch bei ihm habe er gedacht, der Junge sei sexuell erregt und er würde ihm mit seinen Handlungen helfen. Auch habe der 4-Jährige seine Unterhose während der Handlungen selber ausgezogen. Erregt sei der Beschuldigte dabei nie gewesen, betont er.

Unglaubwürdige Rechtfertigungen

Die Richter kauften ihm seine Erklärungen nicht ab. «Wie kann jemand mit Ihrer Berufserfahrung ernsthaft glauben, ein zweijähriges Kind sei sexuell erregt?», fragte einer der Richter aus der Dreierkammer. Es sei absolut unbestritten, dass ein Missbrauch traumatisierend sei – er könne aber nicht als Rechtfertigung dienen, anderen Menschen zu schaden. Seine Antworten, so der Richter weiter, wirkten wie ein Kapitel aus der Autobiografie, die er derzeit im Gefängnis schreibt, wie der Beschuldigte zu Beginn des Prozesses erzählte – vorbereitet und gelernt. Die Erklärungen seien nicht nachvollziehbar und von der Reue, die er zu Beginn geschildert hatte, höre man nichts mehr. «Sie müssen sich gut überlegen, was Sie uns jetzt mitteilen.»

Er habe in diesen Momenten nicht klar denken und seine Taten nicht kritisch hinterfragen können, wiederholte der Beschuldigte. Er habe die Signale falsch gelesen und einen Fehler begangen. «Das hätte nicht passieren dürfen. Das ist meine Schuld, das weiss ich.»

Übergriffe bei zwei weiteren Jungen im Alter von einem und drei Jahren – beide hätten zu Hause Hinweise darauf gegeben - bestritt der Mann an der Verhandlung vehement.

Freiheitsstrafe oder Haftentlassung?

Die Staatsanwaltschaft forderte eine Freiheitsstrafe von 4,5 Jahren, eine ambulante Therapie, ein lebenslängliches Tätigkeitsverbot, ein fünfjähriges Kontaktverbot zu Kindern sowie eine Landesverweisung von zehn Jahren.

Der Verteidiger des Beschuldigten plädierte auf eine Haftentlassung, eine bedingte Freiheitsstrafe von 21 Monaten, für die Pornografie eine Geldstrafe von 60 Tagessätzen zu 30 Franken, eine ambulante Therapie sowie dass auf einen Landesverweis verzichtet wird. Auch soll der Beschuldigte maximal ein Drittel der Verfahrenskosten übernehmen.

Die Urteilseröffnung findet am 29. April statt.