Lehrstellen
Suissetec Nordwestschweiz Präsident: «Wir brauchen dringend mehr Nachwuchs»

Der neue Präsident von Suissetec Nordwestschweiz, Beat Marrer, sucht für seine Branche gute Lehrlinge. Seit 1981 ist er in der Basler E. Kalt AG, einer KMU mit 75 Mitarbeitenden, in leitender Position tätig, aktuell als Direktor und Vizepräsident.

Daniel Haller
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Lehrling beim Schweissen in der Lehrlingswerkstatt in Liestal.

Lehrling beim Schweissen in der Lehrlingswerkstatt in Liestal.

Kenneth Nars

Herr Marrer, oft heisst es, die Personenfreizügigkeit diene vor allem den Pharmakonzernen, um Spitzen-Forscher zu rekrutieren. KMU hingegen hätten nichts davon - oder nur Nachteile...

Beat Marrer: In der Gebäudetechnik - also Heizung, Lüftung, Sanitär und Spengler - trifft das nicht zu. Ich kenne in Basel keinen Betrieb, der für die Planung ohne Abgänger der deutschen Technischen Universitäten auskäme. Der Fachkräftemangel hat die Löhne so weit nach oben getrieben, dass die Gewerbeschule in Bern, eingezwängt ins kantonale Besoldungsreglement, niemanden fand. Wenn einer in der Wirtschaft mehr verdient, geht er nicht als Lehrer an die Berufsschule. Deshalb musste man einen aus Frankfurt einstellen.

Wie bewähren sich die Deutschen?

Sie wissen alles besser, aber von der Praxis haben sie wenig Ahnung. Da sie akademisch ausgebildet wurden, fehlt ihnen der Praxisbezug unseres dualen Bildungswegs. Wir müssen ihnen zeigen, wie das auf dem Bau läuft. Mit dieser Erfahrung gehen sie dann zurück und steigen dort mehrere Lohnklassen höher wieder ein.

Haben Sie nur Fachkräftemangel bei Technikern und Ingenieuren oder auch bei den Monteuren?

Das fängt unten bei den Grundberufen an. Wir konnten viele Lehrstellen nicht besetzen. Die Gesamtzahl der Lernenden in der Nordwestschweiz ist von 390 im vergangenen Jahr auf 363 zurück gegangen. Wir müssten aber 400 Lernende erreichen.

Wäre die Nachfrage vorhanden?

Ja. Durch die Alternativenergien ist das Spektrum breiter geworden - Solarheizungen, Fotovoltaik, Wärmepumpen und Wärmerückgewinnungen: Die Gebäudetechnik expandiert sowohl in der Menge als auch in der Breite. Ausser den spezialisierten Solarfirmen, die neu gegründet wurden, bleibt die Zahl der Betriebe aber gleich. Da wir zu wenig Gebäudetechnikplaner haben, können wir zu wenig Leute zu Technikern und Ingenieuren weiterbilden. Derzeit schliessen an der Fachhochschule Luzern - Für unsere Branche die einzige in der Schweiz - jährlich nur je rund fünf Lüftungs-, Heizungs- oder Sanitäringenieure die Ausbildung ab - eine Katastrophe!

Aber es wurde doch zusätzlich der Beruf des Solarteurs geschaffen?

Das ist aber eine Zweitausbildung, die Leute bringen in der Regel eine Erstausbildung aus der klassischen Gebäudetechnik mit: Sanitär, Spengler, «Heiziger», oder sie kommen aus der Elektrobranche.

Warum finden Sie zu wenig Leute?

Dazu haben wir vor zwei Jahren mit Rainer Füeg eine Studie gemacht: Stress und Hektik schrecken die Leute ab, aber auch der Ruf, Bauberufe seien «dreckig». Dabei läuft die Entwicklung in Richtung Feinmechanik und Hightech. Die Planung macht man dreidimensional in CAD-Programmen. Auf Stufe Planung und Rohbau geht es vor allem um Koordination, wo die Leitungen durchkommen. Aber das Herz der Anlage installieren und vernetzen wir, wenn der Baudreck weggeräumt ist. Ich spreche nicht von vorgefertigten Heizungen für Einfamilienhäuser. Es geht um Gewerbebauten - Chemie, Pharma - oder Altersresidenzen, wo man Lüftung, Heizung, Kühlung, Sicherheitsanlage, Schliesssysteme, Liftalarm, Storen-Steuerung, Rauchmelder, Sprinkleranlage, Personenalarm, Sanitäranlage, Luftverdrängungsanlage im Gebäudeleitsystem zusammenführen muss. Da muss man Zusammenhänge erkennen und die Steuerung und Überwachung ermöglichen. Das reicht bereits ins Gebäudesystem-Management hinein.

Also haben die Anforderungen zugenommen. Verlangen Sie zu viel?

Koordinations-Aufgaben macht nicht der Lehrling. In der Grundausbildung sind die Berufsfächer Heizung, Lüftung, Sanitär und Spengler getrennt. Für die Vernetzung braucht es eine höhere Fachhochschulausbildung. Diese Generalisten fehlen: In der Firma können wir seit fünf Jahren offene Stellen nicht besetzen.

Trotzdem: Verlangen Sie zu viel?

Nun, wir nehmen niemand, der in Mathematik nur eine Note 4,5 hat. Sonst muss ich ihn gleich in den Stützkurs schicken. Für Mathematik und Physik brauchts einen Fünfer. Wir nehmen auch niemanden, der nicht schriftlich einen Sachverhalt beschreiben kann. Jene, die gut sind, haben oft bereits etwas anderes, orientieren sich in Richtung Studium oder gehen in die Chemie. Wer in den naturwissenschaftlichen Fächern schwach ist, versucht es in unserer Branche.

Und die weisen Sie dann ab?

Suissetec hat einen Eignungstest entwickelt: Im Schnitt erreichen die Absolventen dabei in Mathematik eine glatte Drei. Es ist unwahrscheinlich, was die in der Schule alles nicht gelernt haben! Wer von einem Dreisatz überfordert ist, kommt nicht einmal als Schnupperlehrling infrage.

Versagt die Schule?

Es ist eher eine gesellschaftliche Frage: Je weiter jemand von der Stadt weg aufwächst, desto mehr lernt er in der Schule. Dort sind die Kinder weniger abgelenkt. Ich weiss nicht, wie die Jungen heute lernen: Der Fernseher läuft, der PC läuft und das Handy ist auf Dauerempfang... Damit haben wir auch in der Lehre Probleme. Wenn ich fordere, dass während der Arbeit das Handy abgestellt wird, geht der Rolladen runter und die Motivation auf Null. Also muss ich es erlauben. Wenn wir aber im Firmennetz von 8 bis 12 und zwischen 14 und 17 Uhr Facebook und ähnliche Seiten gesperrt haben, akzeptiere ich nicht, dass man unter dem Tisch auf dem Handy chattet.

Sie sind offenbar kein Freund heutiger Kommunikationsformen?

Wir arbeiten sehr viel am Computer. Doch bin ich überzeugt, dass wir die Kommunikations- und Informationsgeschwindigkeit wieder verlangsamen müssen. Dass man eine Mail schickt und sofort anruft «Hast Du's gesehen?», erzeugt nur Stress. Als wir noch Briefe schrieben, hat man sich für die Antwort gegenseitig einen Tag Zeit eingeräumt. Heute haben wir die Mails. Das wird zur Sucht, zur Krankheit. Und als Lehrbetrieb müssen wir ausbaden, was die Eltern es versäumt haben, den Kindern beizubringen: Dass es ein Mangel an Anstand ist, während eines Gesprächs oder beim Essen das Handy abzunehmen, nur weil es piepst. Dauer-Erreichbarkeit führt dazu, dass man schlechter plant, weil jeder hofft, es ergebe sich noch etwas Besseres, wenn man sich erst im letzten Moment festlegt.

Gilt dies nur für die Jungen?

Vielleicht lassen auch die Lehrbetriebe Bewerber manchmal zu lange warten, in der Hoffnung, noch jemand Besseres zu finden. Und wenn sie dann zusagen, haben diese sich bereits anders entschieden.

Sie finden Ihre Leute in Deutschland. Haben die keine Handys?

Das ist eine heikle Frage. Die Deutschen, mit denen ich beruflich in Kontakt stehe, sind zielorientierter und entscheidungsfreudiger. Bei uns in der Schweiz heisst es eher: «Wir schauen mal» und «Wir könnten vielleicht». Der Deutsche kommt ganz klar wegen des Lohns in die Schweiz und um Karriere zu machen. Wegen des Mangels an Fachkräften kann - wer gut ist - in unserer Branche rasch sehr viel mehr als den GAV-Lohn verdienen. Dazu kommen die Weiterbildungsmöglichkeiten.

Was unternimmt Suissetec nun?

Wir wollen diese Chancen für junge Leute - damit sind ausdrücklich auch Frauen gemeint - durch eine Kampagne hervorheben den Bekanntheitsgrad der Branche steigern. Wir haben den Fernsehspot «Unsere Lernenden rocken! Damit auch Du bald rockst» lanciert und die Website «toplehrstellen.ch» geschaffen.

Bieten Sie auch genug Lehrstellen?

Wir haben als Verband vor zwei Jahren eine Kampagne gemacht, damit die Betriebe wieder mehr Lehrstellen anbieten. Es kostete Überzeugungsarbeit, denn die ganzen Berichte und dass man die Prüfungen selbst durchziehen und auch die Aufgaben selbst schreiben muss, fordern einen Betrieb. Dann benötigen wir auch mehr Fachlehrer, mehr Instruktoren und Prüfungsexperten. In den Firmen herrscht derartiger Druck, dass sie Fachleute kaum frei geben. Deswegen mussten wir ein Fach nun auf drei Mann aufteilen, da jeder nur etwa zwei Stunden zur Verfügung steht.

Wie gehen Sie damit um?

In Zukunft werden wir die Lehrbetriebe entlasten, indem wir Ausbildung über «Sephir» abwickeln, eine zentrale Datenbank im Internet, auf welche die Lernenden, Lehrmeister, Berufsschullehrer und Experten Zugriff haben. Damit haben alle jederzeit Übersicht, wo der Lernende steht. Wir haben das System in der Innerschweiz getestet. Man kann die Jungen besser führen, wenn man sie auf ihrem Handy abholt. Und nicht zuletzt hat Suissetec Nordwestschweiz die Ausbildungsräume für die überbetrieblichen Kurse in Liestal ausgebaut.

Sie sprechen immer wieder von Druck. Woher kommt dieser?

Die Margen sind so tief, dass man für Planung und Management weniger Zeit einsetzt. Wer gelernt hat, wie man es eigentlich machen müsste, und dann vom Chef dafür die nötige Zeit nicht bekommt, wechselt die Branche. Der Kostendruck vertreibt die Leute. Es gibt genug Angebote, nicht zuletzt von Energieunternehmen wie EBM und EBL, die uns die Gebäudetechnik-Ingenieure wegnehmen, die sie selbst nicht ausbilden.

Weshalb sind die Margen so tief?

Der Wettbewerb findet über öffentliche Ausschreibungen und teilweise über Internet-Auktionen statt, wo man sich gegenseitig bis unters Existenzminimum unterbietet. Bei den Aufträgen, die wir so bekamen, haben wir immer draufgelegt, weil man bei einer Auktion versucht ist, unter die Schmerzgrenze zu gehen. Man hofft, das Geld irgendwo einsparen zu können. Der Billigste bekommt den Auftrag. Und beim nächsten Projekt legen die Planer der Kostenschätzung die billigsten Gebote der Vergangenheit zugrunde.