Gellertstrasse/A2
Suizid im Morgenverkehr: Warum hielten keine Autofahrer an?

Ein Mann sprang gestern morgen früh von der Autobahnüberführung Gellertstrasse auf die A2 in Richtung Pratteln und wurde von mehreren Autos erfasst. Der Mann starb, während die Autolenker weiterfuhren. Warum tun die Automobilisten das?

Moritz Kaufmann
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Autobahnübergang Gellertstrasse: Von dieser Brücke sprang der 28-jährige Basler.

Autobahnübergang Gellertstrasse: Von dieser Brücke sprang der 28-jährige Basler.

bz Basellandschaftliche Zeitung

Schliesslich hielt ein unbeteiligter Lastwagenfahrer an, verständigte die Polizei und wartete, bis diese eintraf. «Das Verhalten des Lastwagenfahrers war vorbildlich», kommentiert Melzl. Die Strassenpolizei bemühte sich zwar, den morgendlichen Verkehrsfluss so wenig wie möglich zu beeinträchtigen: Die Erstuntersuchung des Opfers wurde nicht wie üblich vor Ort, sondern im kriminaltechnischen Labor vorgenommen. Jedoch musste die Strasse von Leichenteilen gesäubert werden, sodass sich die Fahrzeuge schliesslich bis hinter den Autobahnzoll Basel-Weil stauten.

Glimpflicher Ausgang

Allerdings ist die Sache noch relativ glimpflich ausgegangen: «Es hätte leicht zu einem Zweitunfall kommen können», sagt Melzl. Etwa wenn einer der Autofahrer eine Vollbremsung oder sonst ein wildes Ausweichmanöver vollzogen hätte.

Die Staatsanwaltschaft geht inzwischen von einem Selbstmord aus. «Wir haben keinerlei Hinweise, dass man ihn runtergeworfen hat», meint Markus Melzl dazu. Beim Toten handelt es sich um einen 28-jährigen Schweizer aus der Region Basel. Die Identifizierung des Opfers gestaltete sich laut Melzl als schwierig angesichts der massiven Verletzungen, die durch die Autofahrer verursacht wurden. Trotz Zeugenaufruf der Polizei hat sich bis gestern Abend noch niemand gemeldet. Ob sich die beteiligten Autofahrer möglicherweise strafbar gemacht haben, wollte Markus Melzl nicht beurteilen. «Im Vordergrund steht für uns, dass der Fall sauber aufgeklärt wird. Wir wollen deshalb nicht mit dem Gesetzbuch wedeln.»

Gesellschaftliches Phänomen

Falls die beteiligten Personen ermittelt werden können, müsse man aber zumindest überprüfen, ob unterlassene Hilfeleistung oder pflichtwidriges Verhalten vorliege. «Allerdings», gibt Melzl zu bedenken, «steht man in so einem Fall erst mal unter Schock.»

Der Basler Verkehrspsychologe Urs Gerhard lässt dies nicht gelten. «Viele Leute behaupten, dass sie nach so einem Vorfall unter Schock stehen», sagt er. Wenn man dann aber genauer hinschaue, zeige sich, dass sie durchaus rational überlegt haben. Auch er hält fest, dass es sich um ein aussergewöhnliches Phänomen handelt. Im Gegensatz zur Schiene seien Suizide auf der Strasse unüblich. Er könne deshalb nur mutmassen, weshalb die Autofahrer auf der A2 nicht angehalten oder die Polizei gerufen hätten.

Wahrscheinlich sei, dass sie sich nicht in der Verantwortung sehen, weil sie den Mann ja nicht absichtlich anfahren wollten. «Fälle von Fahrerflucht nehmen zu.» Dies sei ein gesellschaftliches Phänomen.

«Wir leben in einer anonymisierten Gesellschaft. Die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, nimmt ab», sagt Gerhard. Eine Autobahn sei anonym: «Die Leute sitzen hinter einer Scheibe und denken: Wenn der vor mir auch weiterfährt, weshalb soll ich anhalten?» Hinzu kämen andere Faktoren – etwa die Angst vor höheren Versicherungsprämien. Alles in allem kämen die Menschen zum Schluss: «Es ist am einfachsten, wenn ich weiterfahre.»