Sanierung
Sünden der Vergangenheit bedrohen Arbeitsplätze

Der Boden, auf dem die letzten 150 Jahre gearbeitet wurde, ist nun belastet. Total sind es gemäss Regierung rund 1500 Standorte im Baselbiet. 13 Fälle seien bereits «mit Sanierungsbedarf» bewertet.

Daniel Haller
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Ein Kartenausschnitt mit belasteten Arealen (rot) und Arealen, deren Bearbeitung noch aussteht (gelb). Schräg von links oben nach rechts unten schraffierte Areale sind Ablagerungen (Beispiele: Heiligholz, rechtes Birsufer), andersherum schräg schraffierte Flächen sind Betriebsareale. Eine senkrechte Schraffur zeigt an, dass es da mal einen Unfall gab, horizontal sind Schiessplätze schraffiert.

Ein Kartenausschnitt mit belasteten Arealen (rot) und Arealen, deren Bearbeitung noch aussteht (gelb). Schräg von links oben nach rechts unten schraffierte Areale sind Ablagerungen (Beispiele: Heiligholz, rechtes Birsufer), andersherum schräg schraffierte Flächen sind Betriebsareale. Eine senkrechte Schraffur zeigt an, dass es da mal einen Unfall gab, horizontal sind Schiessplätze schraffiert.

Geoview BL

1250 Arbeitsplätze könnten durch die Sünden der Vergangenheit gefährdet sein. Dies steht in der Antwort der Regierung auf eine Interpellation des FDP-Landrats und Wirtschaftskammerdirektors Christoph Buser. Dieser befürchtet eine «existenzielle Bedrohung» von Unternehmen, welche buchstäblich den Boden unter ihren Füssen wegen Altlasten sanieren müssen.

Wo man in den letzten 150 Jahren Metall bearbeitete, Oberflächen entfettete, wo man gebeizt, chemisch gereinigt, gesandstrahlt, mit Lösungsmitteln, Farben oder Öl hantiert oder Chemikalien hergestellt hat, muss man mit gesundheitsgefährdenden Stoffen im Boden rechnen. Kurz: Der Boden der meisten Industrieareale ist belastet.

Jahrelange Unsicherheit

Auf «geoview.bl.ch» sind die Areale rot und gelb eingezeichnet: Auf den ersten Blick ist das Baselbiet entlang der Talachsen ein roter Flickenteppich. Dabei sind nicht alle Areale direkt gefährdet: Georg Fischer JRG in Sissach oder Swissterminal in Frenkendorf stehen beispielsweise auf Arealen, die als «belastet ohne Überwachungs- und Sanierungsbedarf» eingestuft sind. Das Areal der Ronda in Lausen gilt hingegen als «belastet mit Untersuchungsbedarf». Und bei der Rero AG Waldenburg erscheint bei der Abfrage in Geoview ein «belastet mit Sanierungsbedarf».

Was dies für den Galvanikbetrieb bedeutet, ist für Verwaltungsratspräsident Reinhold Tschopp noch ungewiss: «Für die Umweltzertifizierung machten wir erste Bohrungen. Vor vierzehn Tagen wurden nun die zweiten Bohrungen abgeschlossen. Die Ergebnisse liegen noch nicht vor.»

Rund 50 KMU betroffen

Total sind gemäss Regierung rund 1500 Standorte im Baselbiet belastet. Davon bestehe bei rund 500 Untersuchungsbedarf. 13 Fälle seien bereits «mit Sanierungsbedarf» bewertet, darunter die Deponie Feldreben in Muttenz. «Aus den bisherigen Erfahrungen schätzt das Amt für Umweltschutz und Energie (AUE) die potenzielle Gesamtzahl an Altlastensanierungen im Kanton auf rund 50 Standorte. Theoretisch könnten somit 50 Unternehmen betroffen sein», heisst es in der Antwort auf die Interpellation Buser. «Klammert man die grossen Chemie- und Pharmaunternehmen aus und rechnet im KMU-Bereich mit einem Durchschnitt von 25 Mitarbeitenden pro KMU-Betrieb, so wären grob geschätzt 1 250 Arbeitsplätze betroffen.» «Bereits heute wird in mehreren Fällen ersichtlich, dass die vorgesehenen Sanierungsmassnahmen die Mittel und Möglichkeiten der betroffenen Gewerbebetriebe bei weitem überschreiten», hatte Buser in seiner Interpellation festgestellt und nach Möglichketen gefragt, «Unternehmen, die durch Altlastenprojekte existenziell bedroht sind, gezielt zu unterstützen, sodass eine drohende Insolvenz abgewendet und die dadurch gefährdeten Arbeitsplätze gerettet werden können».

Kanton in der Zwickmühle

Für eine Altlastensanierung sind Unternehmen auf das Fachwissen externer Ingenieurbüros angewiesen. Deren Qualität sei sehr unterschiedlich, stellt die Regierung fest. Teilweise entstünden durch eine falsche Beratung «Mehrkosten in der Höhe von mehreren Hunderttausend Franken sowie mehrjährige Verzögerungen». Zur Unterstützung der von einer Altlast betroffenen Unternehmen «wäre ein präventiver Ansatz einer besseren und professionellen Beratung zur Vermeidung unnötiger Kosten und Verzögerung der Verfahren zu prüfen».

Dabei ist der Kanton mehrfach involviert: Einerseits ist das AUE die Aufsichtsbehörde. Andererseits ist er oft zur Mitfinanzierung verpflichtet. Eigentlich müsste der Verschmutzer für die Sanierungskosten aufkommen. Ist dieser aber zahlungsunfähig oder nicht mehr greifbar – so stammt beispielsweise die Arsenbelastung der Rheinlehne in Pratteln aus dem 19. Jahrhundert –, muss der Steuerzahler bluten: Diese Ausfallkosten trägt zu 40 Prozent der Bund, den Rest der Kanton. Der Kanton Baselland hat dafür 76 Millionen Franken zurückgestellt.

Den heutigen Besitzer eines Areals kann man mit 10 bis 30 Prozent der Kosten zur Kasse bitten. Wer allerdings nichts von der Verschmutzung wissen konnte, als er das Grundstück kaufte, kann ganz von den Kosten befreit werden. Dies erhöht die von Kanton und Bund zu finanzierenden Ausfallkosten.

Zusammengefasst heisst dies: Der Kanton muss mitfinanzieren, und gleichzeitig sollte er, um die KMU zu unterstützen, als Berater auftreten. Dazu meint die Regierung: «Diese Beratung der Unternehmen kann von der kantonalen Verwaltung, insbesondere vom AUE als Aufsichtsbehörde, wegen potenzieller Interessenkonflikte nicht wahrgenommen werden.» Denkbar wäre aber, dass man dafür die Dienste von Dritten in Anspruch nähme.