Rheinstrasse
Tankstellen-Kunden bleiben seit der A22-Eröffnung weg

Die Hochleistungsstrasse A22 zwischen Pratteln und Liestal sollte die staugeplagte Rheinstrasse entlasten. Dies tut sie nun fast zu gut. Wo vorher Hochbetrieb herrschte, ist nun gähnende Leere. Acht Tankstellen haben plötzlich keine Kunden mehr.

Benjamin Wieland
Merken
Drucken
Teilen
Bonjour Tristesse: Gähnende Leere auf der Rheinstrasse.
6 Bilder
Gähnende Leere bei den Tankstellen an der Rheinstrasse
Die Avia-Tankstelle hofft auf neue Kunden.
Bei Agip ist es so ruhig, dass hier sogar meditieren möglich wäre.
Die BP-Tankstelle ist ein Stilleben in grün-grau-weiss.
Bei Ruedi Rüssel bleibt viel Zeit zum Polieren.

Bonjour Tristesse: Gähnende Leere auf der Rheinstrasse.

Juri Junkov

Bis zum 11. Dezember nahm Marc Ledermann für zehn Meter das Auto. Er leitet die Migrol-Tankstelle an der Rheinstrasse in Füllinsdorf. Weil er Zapfsäulen auf beiden Seiten der Strasse betreut, muss er immer wieder die Fahrbahn überqueren. Seit dem 12. Dezember kann er nun zu Fuss über die Strasse. «Das wäre früher lebensgefährlich gewesen», sagt Ledermann. «Jetzt geht das ruck-zuck. Sogar zu Stosszeiten ist es heute ruhiger als früher während der Nacht.»

Am 11. Dezember, 16 Uhr wurde die Hochleistungsstrasse Pratteln–Liestal (HPL) – oder A22, wie die H2 heute offiziell heisst – dem Verkehr übergeben. Seither tut sie das, wofür sie gebaut worden ist: Sie befreit die Rheinstrasse zwischen Frenkendorf und Füllinsdorf vom Durchgangsverkehr.

Die Planer freuts – das Gewerbe weniger. Seit der Pendlerstrom durch die Tunnels der neuen A 22 rauscht, versiegt wenige hundert Meter nebenan der Kundenstrom.

Gespenstische Ruhe

Schon am Tag eins nach der Eröffnung sei es «fast gespenstisch ruhig» gewesen, sagt Ledermann. Der Umsatz an den Zapfsäulen sei seither um einen Drittel zurückgegangen; beim Shop sei es ein Viertel. Wenn es so weiter gehe, müsse er Personal entlassen. «Das Gewerbe wird gesund schrumpfen», meint er lakonisch. Zu leiden hat aber nicht nur die Migrol. Acht Betriebe säumen die rund 2,5 Kilometer lange Strasse – das ist eine für 300 Meter.

Früher unterboten sich die Tankstellen gegenseitig im Kampf um die Kundschaft. Die Rheinstrasse war die Zapfsäule des Baselbiets. Bis zu 50 000 Fahrzeuge pro Tag zählte die Meile, mehr als manche Autobahn. Die Blechlawine trennte die Dörfer Frenkendorf und Füllinsdorf wie eine Mauer.

In Zukunft rechnet der Kanton mit einer starken Abnahme des Verkehrs. Nur an den Dorfeingängen wird sich die Tages-Frequenz bei rund 20 000 Fahrzeugen einpendeln. In anderen Abschnitten könnte es noch ein Zehntel des früheren Aufkommens sein.

Raum zum Meditieren

Zwischen den vier Zapfsäulen der Socar-Tankstelle, direkt an der Grenze zu Liestal gelegen, könnte man ein Meditations-Seminar abhalten. Die Angestellte stürmt heraus. Wir dürften fotografieren, das schon. Aber die Kunden müssten vorher um Erlaubnis gefragt werden. Es sind aber keine Kunden da.

Dasselbe Bild bei «Ruedi Rüssel». Ein Angestellter befreit einen Automaten von Russ. «Jetzt habe ich Zeit zum Polieren», sagt er, denn pro Tag kämen noch «ein paar» Autos vorbei. An bestimmten Tagen, fügt er an, müsste «paar» wahrscheinlich gross geschrieben werden.

Einer kennt die Sorgen des Gewerbes ganz genau: Christoph Keigel, Garagist aus Frenkendorf und Präsident der «IG Rheinstrasse vernünftig». Die IG bekämpft den Rückbau der Strasse, wie es der Kanton beabsichtigt. Rund 50 Mitglieder hat die IG. Wegen seines Engagements wird Keigel auch «Mister Rheinstrasse» genannt.

Für einige Betriebe, darunter vor allem die Tankstellen, seien schwierige Zeiten angebrochen, räumt Keigel ein. «Die Rückmeldungen sind nicht optimistisch.»

Auch seine Garage hat eine Zapfpistole. Dieser werde immer seltener gebraucht. Der Autoverkauf und die Werkstatt würden hingegen gut laufen. «Die Kunden schätzen, dass sie jetzt staufrei zu uns kommen.»

Kampf gegen Verkehrs-Inseln

Keigel wäre nicht Keigel, wenn er nicht versuchen würde, gleich eine Forderung an die Adresse der Politik zu platzieren. Der Durchgangsverkehr meide die Rheinstrasse dank der A 22; das Ziel sei erreicht. Deswegen müsse die Strasse nicht noch zusätzlich beruhigt werden. «Kommen jetzt noch Bäume, Schwellen und Verkehrsinseln hinzu, gehen die Kundenströme noch mehr zurück», ist Keigel überzeugt.

Der Rückbau der Strasse ist das Ziel der Basellandschaftlichen Bau- und Umweltschutzdirektion (BUD). Und er war auch Teil der zwei H 2-Abstimmungen 1995 und 1997. Zurzeit befindet sich das Projekt Rheinstrasse in Bearbeitung. Die öffentliche Planauflage wird voraussichtlich diesen Sommer folgen.

Keigel träumt von «Strip Mall»

Avia ist an der Rheinstrasse gleich doppelt vertreten. Zahlen will der Konzern keine nennen. Diese seien noch nicht aussagekräftig. Einer der beiden Betriebe gehört der Fritz Meyer-Gruppe. Thomas Waldmeier, Leiter Tankstellengeschäfte, übt sich in Zweckoptimismus. Die ruhigere Strasse bringe auch Vorteile mit sich, ist er überzeugt: «Viele Autofahrer scheuen es, bei Stau eine Tankstelle anzufahren. Sie befürchten, nachher lange warten zu müssen, bis sie wieder eine Lücke finden.» Sein Betrieb könne somit auch neue Kunden gewinnen.

Auch Christoph Keigel glaubt an eine Renaissance der Achse. Ihm schwebt eine «Strip Mall» vor, wie sie Städte in den USA kennen: Ein Boulevard, gesäumt von Läden und Parkplätzen. Man fährt gemächlich an den Läden vorbei, hält, kauft ein, trinkt einen Kaffee, fährt weiter.

«Wir wollen jetzt eine Strasse, die sich modern präsentiert. Dann siedeln sich auch neue, weitere Gewerbebetriebe an.» Da ist er wieder: Keigel, der Weibel.

Einer profitiert

Und dann zaubert er einen Profiteur der H 2-Eröffnung aus dem Hut. Es gebe ein Betrieb, der ganz klar vom geringeren Verkehr profitiert habe: das Restaurant Radackerhof.

Der Pächter plane, den Garten im Sommer neu zu gestalten. Früher habe man dort kaum jemanden gesehen, wegen des Gestanks und des Lärms. «Das wird ein Highlight», freut sich Keigel. «Stellen Sie sich vor: die Aussicht, die Ruhe – und erst noch die frische Luft!»