Kampagne
«Taxi Mama»-Alarm in der Agglo: Jetzt geben Gemeinden Gegensteuer

Immer mehr Kinder werden zur Schule chauffiert. Das schadet nicht nur ihrer Entwicklung – die Herumkurverei vor den Schulhäusern gefährdet auch diejenigen Schüler, die den Schulweg noch selbstständig unter die Füsse nehmen.

Benjamin Wieland
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«Geben Sie den Kindern mehr Raum»: Unter diesem Motto lancieren 25 Gemeinden diverse Aktionen gegen die so genannten Eltern-Taxis.

«Geben Sie den Kindern mehr Raum»: Unter diesem Motto lancieren 25 Gemeinden diverse Aktionen gegen die so genannten Eltern-Taxis.

niz Nicole Nars-Zimmer

Sie wollen doch nur das Beste für ihre Kinder. Aber sie schaden ihnen – und den anderen Kindern auch.

Die Rede ist von Eltern, die ihren Nachwuchs mit dem Auto zur Schule fahren und dort wieder abholen. 25 Baselbieter Gemeinden wollen dieser «Mode» entgegenwirken. Mit einer Plakat- und Flyer-Kampagne, die heute startet. Sie steht unter dem Motto: «Geben Sie den Kindern mehr Raum».

Initiiert haben die Aktion die drei Agglo-Gemeinden Oberwil, Reinach und Bottmingen. Sie schreiben in einer gemeinsamen Medienmitteilung: «Natürlich ist unsere Welt heute hektischer, natürlich hat es mehr Verkehr. Aber der Verzicht auf den Schulweg zu Fuss oder mit dem Velo ist keine Antwort auf diese Herausforderungen.»

Schädliche Herumkutschiererei

Die Gemeinden warnen: Kinder, die ständig herumkutschiert werden, haben Defizite bei der motorischen und sozialen Entwicklung. Und: Sie erlernen den Umgang mit Gefahren später als ihre Altersgenossen, die den Schulweg selbstständig bewältigen. Das Problem werde also nicht aufgehoben, sondern lediglich aufgeschoben.

Auslöser der Kampagne war aber ein weiterer Aspekt. «Die so genannten Eltern-Taxis beeinträchtigen mittlerweile die Verkehrssicherheit vor den Schulhäusern», stellen die drei Gemeinden fest. Dadurch sähen sich auch andere Eltern dazu bewogen, ihre Kinder ebenfalls mit dem Auto zu transportieren. Ein Teufelskreis.

Polizisten verteilen Flyer

«Die Gemeindepolizei kam auf uns zu», sagt Lorenzo Vasella, Sprecher der Gemeinde Oberwil. «Sie wünschte Informationsmaterial, um damit auf das grösser werdende Problem aufmerksam zu machen.» Oberwil, Reinach und Bottmingen gaben die Gestaltung der Plakate und Flyer in Auftrag, danach stellten sie die Vorlagen anderen Orten zur Verfügung.

Das Interesse war offensichtlich gross – nicht nur in der Agglomeration, sondern auch im ländlichen Baselbiet. Zu den 25 Gemeinden, die bei der Kampagne mitmachen, gehören, neben den drei bereits genannten: Allschwil, Arlesheim, Bennwil, Biel-Benken, Birsfelden, Brislach, Bubendorf, Duggingen, Ettingen, Frenkendorf, Füllinsdorf, Giebenach, Itingen, Langenbruck, Lupsingen, Ormalingen, Pfeffingen, Pratteln, Seltisberg, Sissach, Therwil und Waldenburg.

 Der Flyer, der unter anderem an «Taxi-Mamas» abgegeben wird.

Der Flyer, der unter anderem an «Taxi-Mamas» abgegeben wird.

zvg

«Jede Gemeinde entscheidet selbst, wie sie die Kampagne umsetzt», sagt Vasella. «Wir werden die Flyer auch von Gemeindepolizisten verteilen lassen. Die Schulen wünschten das so, denn dadurch erhalte das Anliegen mehr Gewicht.»

Sogar International School hat reagiert

Grosse Abwesende auf der Liste ist Aesch. Dabei beherbergt die Gemeinde einen der drei Standorte der International School Basel (ISB). Diese wird von 1400 Schülern aus aller Herren Länder besucht – auch aus solchen, in denen es üblich ist, Kinder mit dem Auto zur Schule zu bringen. «Wir stehen der Kampagne offen gegenüber», sagt ISB-Schulleitungsmitglied Balazs Szegedi. «Auch wir versuchen, unsere Schüler und deren Eltern darauf aufmerksam zu machen, dass der Schulweg, wenn immer möglich, zu Fuss, mit dem Velo oder mit dem öffentlichen Verkehr bestritten werden soll.»

Am Standort Reinach Fiechten bestehe sogar eine Übereinkunft, dass Elterntaxis nicht bis zur Schule vorfahren. Stattdessen würden sie einen nahen öffentlichen Parkplatz benützen.

Auch der Verkehrs-Club der Schweiz (VCS) ist aktiv geworden gegen das «Taxi Mama»-Phänomen. Er bietet Schulklassen die Aktion «Walk to School» an. Jeweils zwei Wochen lang wird dann der Schulweg zu Fuss absolviert. Laut VCS werden in der Deutschschweiz rund 15 Prozent der Schüler mindestens einmal pro Woche zur Schule chauffiert – Tendenz steigend.