Duggingen
Tempo 30: Dieses Paar reist mit dem Traktor durch Europa

Daniel Beutler und Silvia Brogli haben sich von Duggingen aus aufgemacht, Europa zu ertrekkern. Seit anderthalb Monaten ist das Paar mit einer Höchstgeschwindigkeit von 50km/h unterwegs.

Bojan Stula
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14 Meter lang, 18 Tonnen schwer: Mit wehender Schweizer und Dugginger Fahne bereisen Daniel Beutler und Silvia Brogli Europa
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14 Meter lang, 18 Tonnen schwer: Mit wehender Schweizer und Dugginger Fahne bereisen Daniel Beutler und Silvia Brogli Europa
Reise mit dem Traktor
Auf ihrem Reiseblog dokumentieren die beiden ihre Fahrt: Hier beim Grenzübertritt in ihr neues Lieblingsland Dänemark.
Auf der Kanalfähre nach Dover
In den schottischen Highlands
im Linksverkehr zwischen englischen Bussen.
Der Reiseplan umfasst weite Teile Europas.

14 Meter lang, 18 Tonnen schwer: Mit wehender Schweizer und Dugginger Fahne bereisen Daniel Beutler und Silvia Brogli Europa

Für jeden Automobilisten ist es der schlimmste Albtraum, stundenlang hinter einem Traktor herzutuckern. Doch Daniel Beutler und Silvia Brogli sitzen auf dem Traktor; genauer auf einem Deutz Agrotron 6180 TTV. Mit dem 230'000-Franken-Gefährt absolviert das Paar gerade seine Traumreise. Mit durchschnittlich 30 bis 35 Stundenkilometern bummelt es quer über Europas Landstrassen. Nur selten lässt es die Strecke zu, auf die technisch mögliche Höchstgeschwindigkeit von 50 km/h aufzudrehen. Und die Autos können gar nicht anders, als hinter dem 14 Meter langen und 18 Tonnen schweren Riesengefährt inklusive Wohnwagen auf dem Anhänger herzukriechen.

Daniel Beutler nimmt es locker: «Es ist unglaublich, wie tolerant die Autofahrer sind. Nach rund 5500 Kilometern hat bisher höchstens eine Handvoll wegen uns gehupt oder gedrängelt. Gerade in Grossbritannien und Irland waren alle unglaublich rücksichtsvoll.» Mit keinem Polizisten, keinem Grenzwächter sind sie bisher aneinander geraten: «Die haben bloss alle freundlich zugewinkt.» Überhaupt diese Gastfreundschaft: Beinahe überall stossen die beiden Traktorenbummler auf offene Türen und Herzen, Fremde bewirten sie spontan und äussern sich begeistert über ihre Unternehmung.

Rund 100'000 Franken investiert

40'000 Franken beträgt das Reisebudget für die 15'000 Kilometer lange Traktor-Reise, die Daniel Beutler und Silvia Brogli bis Mitte September noch nach Nordeuropa, das Baltikum, Osteuropa und Österreich führen soll. «Allerdings werden wir den Osten wohl etwas abkürzen müssen», sagt Beutler voraus. Für weitere rund 60'000 Franken kaufte sich das Paar einen neuen Wohnwagen und allerlei weitere Ausrüstung, die es auf dem doppelachsigen Anhänger mitführt; darunter ein Notstromaggregat zur Eigenversorgung. Um die hohen Reisekosten abzufedern, haben die beiden Landleute aus Duggingen auf ihrem Reiseblog einen Spendenaufruf erlassen. Für einen Franken können Fans und Freunde einen Reisekilometer sponsern. Das Echo darauf können sie allerdings noch nicht abschätzen. «Ich habe von unterwegs keinen Zugriff auf Kontoauszüge», stellt Brogli überrascht fest. Also fahren sie einfach weiter und lassen die Kosten auf sich zukommen. Eine gut gefüllte Reisekasse können sie jedenfalls gut gebrauchen. Bei Tempo 30 säuft ihr Traktor bis zu 12 Liter Diesel pro Stunde, was Europas Tankwarte extrem freuen dürfte. Den Skeptikern, die wegen der Abgase wesentlich weniger Freude an Danis Traumreise haben dürften, begegnet das Landwirte-Paar mit Verständnis: «Aber so etwas macht man nur einmal im Leben.»

Nur zwischen Newcastle und Edinburgh gab es Probleme: Gleich an mehreren Campingplätzen hintereinander wurden sie abgewiesen; «offenbar, weil wir zu wenig vornehm daher kamen», vermutet Silvia Brogli und lacht ins Handy. Aber wie schon gesagt, das war die Ausnahme. Handkehrum wurden sie in Schottlands Highlands von einem Gastgeber zu einer Whiskey-Degustation mit über 40 Sorten eingeladen. Darum werden sie auch weiterhin spontan von Tag zu Tag entscheiden, wo sie über Nacht unterkommen.

Rührender Abschied vom Hof

Wir erwischen Beutler und Brogli an Tag 44 ihrer Expedition. Dani, der Landwirt vom Geislerhof in Duggingen, schwärmt am Handy von den Sanddünen an Dänemarks Nordseeküste. «Riesige Dünen! Unglaublich! Von allen Ländern, die wir bisher befahren haben, ist Dänemark mit Abstand am schönsten», ruft Beutler in den Hörer, «hierher kommen wir wieder einmal zurück.» Stundenlang könnte er über das bisher Erlebte erzählen. Vom rührenden Abschied von den Freunden in Duggingen am 17. Mai, die nun während ihrer Abwesenheit bis Mitte September ihre Felder bestellen und zu den Tieren im Stall schauen. Von den ersten Tagesetappen, die sie über den Zoll bei Allschwil nach Nancy, Luxemburg, der Fähre von Calais nach Dover und dann über Südengland weiter nach Irland, Nordirland und Schottland geführt haben. Und jetzt eben von ihrem neuen Lieblingsland Dänemark.

«Unglaublich!» «Gewaltig!» «Fantastisch!» Beutlers und Broglis Reiseberichte sind in jedem zweiten Satz gespickt mit Superlativen. Im Internet führen sie einen Reiseblog, in dem sie von jeder Tagesetappe umfangreich Zeugnis ablegen. Die Leserschaft geht inzwischen in die Hunderte.

Alle Freunde Lügen gestraft

Immer weitere Kreise zieht «Danis Traumreise»; so der Name des Blogs, der unter danibuur.weebly.com aufgeschaltet ist. Neulich kriegte sich SRF-3-Moderator Julian Thorner in der Sendung «Das erste Mal» fast nicht mehr ein, als er Daniel Beutler interviewte. Mit solchem Enthusiasmus erzählt der Baselbieter über sein Vorhaben. Man glaubt dem 56-Jährigen, dem absoluten Technik- und Maschinen-Freak, wenn er sagt, dass in diesen Tagen sein Lebenstraum in Erfüllung geht. Seinen Deutz hat er mit Elektronik vollgestopft: Navi-Gerät, Actioncam, mehrere Displays im Cockpit. Probleme hatte er damit bisher keine. Auch das Angebot seines Deutz-Händlers, ihm bis in den hohen Norden allfällig nötig werdende Ersatzteile nachzuliefern, musste er noch nicht in Anspruch nehmen.

Ob die Reise auch Silvia Broglis Lebenstraum werden könnte, war zu Beginn ziemlich fraglich. Die 53-Jährige hatte es früher nicht so mit den Traktoren. Nach einer viertägigen Probefahrt im Herbst 2015 durch die Schweiz liess sich Brogli aber auf das Wagnis ein. «Entweder knallt es nach den ersten paar Tagen, oder es kommt gut», sagte sich Beutler vor dem Start. Nach anderthalb Monaten und einem Drittel der Strecke vertragen sie sich noch immer. Trotz reichlich strapazierten Hinterteilen in der Startwoche. Jetzt ist Brogli mindestens ebenso Feuer und Flamme wie ihr Partner.

Vor vier Jahren erkrankte Daniel Beutler schwer. Da hat es bei ihm den «Schalter umgelegt». Er wollte all jene Freunde und Bekannten Lügen strafen, die behaupteten, er würde ohnehin nie im Leben ein solches Reiseprojekt durchziehen. Also begann er zu planen – und zu sparen. «Wir möchten mit unserer Reise nicht angeben, wir haben einfach eine Riesenfreude daran», sagt er und blickt wohl gerade auf die Nordsee hinaus. «Viele haben ähnliche Pläne. Aber dann machen sie den Fehler und warten einfach zu lange.»

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