Vogeljagd
Terrorvogel im Fadenkreuz: Bottmingen gibt Krähe zum Abschuss frei

Weil sich die Einwohner von Bottmingen von Kot und Lärm der Saatkrähe belästigt fühlen, gibt die Gemeinde die Tiere zum Abschuss frei. Um die Zahl der Tiere zu reduzieren werden Jäger auf sie angesetzt. Vogelschützer sind erzürnt.

Benjamin Wieland
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Saatkrähen wie diese sind im Bottmingen zum Abschuss freigegeben worden.

Saatkrähen wie diese sind im Bottmingen zum Abschuss freigegeben worden.

Spätestens seit «Die Vögel» haben Krähen nicht den besten Ruf. In Alfred Hitchcocks Horrorfilm greifen sie – zusammen mit Finken und Möwen – Menschen an.

Auch in Bottmingen stossen Krähen auf wenig Gegenliebe: Ist es in «Die Vögel» die Amerikanerkrähe, die Probleme macht, gerät in Bottmingen nun die Saatkrähe ins Fadenkreuz.

Das ist wörtlich zu verstehen. Denn um die Zahl der Tiere zu reduzieren, sieht Bottmingen den Einsatz von
Jägern vor. Gestern teilte die Gemeinde mit, dass mit gezielten Abschüssen – sogenannten «Verbrämungsschüssen» – die Vögel so lange verunsichert werden sollen, bis sie sich einen anderen Lebensraum suchen. Daneben sollen auch Nester zerstört werden. Betroffen ist das Gebiet Bertschenacker-Fuchshag- Chrüzagger.

Abfallsäcke aufgerissen

Melanie Anetzeder von der Gemeinde Bottmingen verteidigt die Massnahme: «Wir haben zahlreiche Reklamationen aus der Bevölkerung erhalten. Lärm und Kot sind das Hauptproblem.» Ausserdem hätten die Tiere ihre Scheu vor Menschen verloren – so würden sie immer wieder Abfallsäcke aufreissen.

Doch nicht nur der Mensch, auch andere Vögel hätten zu leiden, weiss Anetzeder. Der Bestand an Singvögeln etwa gehe zurück. Dies, weil die Krähen deren Junge an den eigenen Nachwuchs verfüttern würden. Sogar Raubvögel hätten keine Chance gegen die fast einen halben Meter grossen Tiere – sie würden «beinahe schon terrorisiert».

Beim Schweizer Vogelschutz SVS/Bird Life stösst die Massnahme auf Unverständnis: «Was hier geschildert wird, tönt in meinen Ohren stark übertrieben», sagt Geschäftsführer Werner Müller. «Es ist nicht so, dass die Saatkrähe gezielt Jungvögel angreift und fremde Nester ausnimmt, um Jungtiere ihrer eigenen Brut zu verfüttern.»

Grundsätzlich sei die Saatkrähe ein unproblematischer Vogel. «Natürlich produziert eine grosse Population Lärm und Kot. Dies gehört jedoch zur Natur», gibt Müller zu bedenken. «Ganz im Gegensatz zu menschlichen Lärmquellen wie Verkehrslärm».

Mit dem Abschuss der Saatkrähe betraute Bottmingen die Jagdgesellschaft Oberwil. Auf die Pirsch gehen wird deren Präsident Ueli Nauer. Er betont gegenüber der bz, dass die Aktion notwendig sei: «Die Saatkrähe hat keine natürlichen Feinde mehr – sie vermehrt sich unkontrolliert.»

Beim Bertschenacker sei die Population auf mehrere hundert Exemplare angewachsen, die extrem lärmig seien. «Ausserdem greifen die intelligenten Vögel sogar Haustiere wie Katzen an, um an deren Futter zu gelangen.»

Bundesrat hob Schutz auf

Möglich ist der Abschuss der Saatkrähe seit Juli 2012: Damals entschied der Bundesrat, den Schutz aufzuheben – wegen Konflikten mit der Bevölkerung. Erlaubt ist die Jagd jedoch nur im Zeitraum von 1. August bis 15. Februar.

Lärm von der Jagd müssen die Bottminger übrigens keinen befürchten: Geschossen wird mit Schalldämpfer.