Baselbieter Strafgericht
Tod an der Liesberger Fasnacht 2019: Cliquenkollege vom Gericht freigesprochen

Der tödliche Sturz eines Fasnächtlers vom Wagen während des Liesberger Umzugs bleibt rechtlich ohne Folgen: Das Baselbieter Strafgericht hat den 43-jährigen Cliquenkollegen des Getöteten vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung freigesprochen. Das Gericht konnte kein Verschulden des Mannes erkennen. Die Staatsanwaltschaft hatte ihm vorgehalten, für den Bau des Wagens verantwortlich gewesen zu sein.

Hans-Martin Jermann
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Die Betroffenheit war gross nach dem Fasnachtsunfall in Liesberg.

Die Betroffenheit war gross nach dem Fasnachtsunfall in Liesberg.

Nicole Nars-Zimmer (niz)

Der tragische Unfall an der Fasnacht im Laufental hatte landesweit Schlagzeilen gemacht: Ein 40-jähriger Fasnächtler stürzte von seinem Wagen mehrere Meter in die Tiefe und zog sich dabei tödliche Verletzungen zu. Die vier Mitglieder der Clique flogen zuvor in Superman-Verkleidung spektakulär durch die Luft. Sie hingen mit Auffanggurten, Karabinern und Seilen gesichert an einem Drehkreuz, das an einem Kran auf dem Wagen befestigt war (die bz berichtete).

Beschuldigter zum mangelhaften Knoten: «Das kann ich nicht gewesen sein»

Während des Umzugs löste sich der Knoten eines Seils. Der dadurch erzeugte schlagartige Druck führte an einer Kante beim Auffanggurt einen Seilriss herbei. Der Hergang des tödlichen Unfalls wurde gestern hinter dem Gerichtsgebäude in Muttenz von einem Gutachter mit Seilen, Auffanggurten und einem Crashtest-Dummy nachgestellt.

Der Angeklagte verfolgte den Augenschein sichtlich betroffen. Ihm warf die Staatsanwältin vor, für den Knoten verantwortlich zu sein, der am Anfang der verhängnisvollen Ereignisse stand. Aussagen von Cliquenkollegen in der Einvernahme gingen teilweise in diese Richtung, nachweisen konnte man dies nicht. Übereinstimmend sagten alle, dass man sich vor dem Umzug gegenseitig beim Anziehen der Auffanggurten und Montieren der Seile geholfen habe.

Der Angeklagte hatte in der Einvernahme wie aus der Pistole geschossen gesagt, als er Beweisfotos vom mangelhaften Knoten sah: «Das kann ich nicht gewesen sein.» Er wisse genau, dass ein solcher Knoten nicht geeignet sei, um schwere Lasten zu tragen. Gerichtspräsident Andreas Schröder stufte diese Aussagen gestern als glaubwürdig ein.

Seilriss war nicht Ursache des Unfalls

Auch der Vorwurf der Staatsanwaltschaft, die verwendeten Seile seien ungeeignet und mangelhaft gewesen, hielt vor Gericht nicht stand. Zwar brachte der Beschuldigte die Seile mit zur Montage. Zu deren Qualität machte indes der Unfallgutachter keine klare Aussage: «Gewiss wäre ein Bergsteigerseil besser gewesen als das verwendete Schifferseil», sagte er – ohne letzteres explizit als ungeeignet zu bezeichnen. Kommt hinzu: Der Seilriss war laut Gericht nicht Ursache des Unfalls. Hätte sich der Knoten nicht gelöst, wäre das Seil niemandem aufgefallen.

Schliesslich betonte die Staatsanwaltschaft, dass der Beschuldigte als «faktischer Chef» die Verantwortung getragen habe. Er sei von allen als derjenige angesehen worden, der die Sache in die Hand nimmt und kontrolliert. Auch sprach sie von erhöhten Anforderungen: Der Familienvater bildet in seinem Beruf Lehrlinge aus und leitet eine Gemeindebehörde. Als langjähriger Feuerwehrmann mit Führungserfahrung hätte er sich des Unfallrisikos bewusst sein müssen. Mildernd wirke, dass er über einen guten Leumund verfüge, aufrichtige Reue zeige und sich in der Untersuchung stets kooperativ gezeigt habe.

Der Verteidiger äusserte Kritik: Ihm komme es so vor, als habe man einen der drei Überlebenden herausgepickt. «Eine spezielle Schlusskontrolle wäre womöglich hilfreich gewesen. Aber wer hätte dies tun sollen? Sicher nicht der Beschuldigte allein.» Der Fasnachtswagen sei ein Gemeinschaftswerk vier Erwachsener gewesen, sagte er.

Mutter des Getöteten macht niemanden verantwortlich

Auch Gerichtspräsident Schröder stellte eine besondere Verantwortung in Abrede: «Der Angeklagte war wohl der, der angepackt hat. Das macht ihn nicht automatisch zum Chef.» Er habe in der Vierergruppe von Freunden keine herausragende Stellung gehabt. Auch gab es kein Gefälle und niemanden, den man speziell hätte schützen müssen.

Alle – auch der Verunfallte – wussten, worauf sie sich einlassen.  

(Quelle: Andreas Schröder, Gerichtspräsident)

Die Hinterbliebenen des Getöteten bekundeten laut übereinstimmenden Aussagen der Staatsanwältin und des Verteidigers denn auch keinerlei Interesse an einer Strafverfolgung. Die Mutter des Verstorbenen soll gesagt haben, dass für diesen tragischen Unfall niemand verantwortlich gemacht werden könne.