Strafgerichtsfall
Todessturz aus zehn Metern: Wer ist verantwortlich?

Im Mai 2011 stürzte ein 25-jähriger Gerüstbauer bei einem Arbeitsunfall in Laufen und starb. Vor dem Strafgericht in Muttenz streitet man nun über die Schuld.

Patrick Rudin
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Eine unübersichtliche Dachlandschaft führte gemäss der Staatsanwaltschaft zum Unfall. (Symbolbild)

Eine unübersichtliche Dachlandschaft führte gemäss der Staatsanwaltschaft zum Unfall. (Symbolbild)

Sandra Ardizzone

Es geschah kurz nach der Mittagspause: Im Mai 2011 wählte ein 25-jähriger Temporärarbeiter einer Gerüstbaufirma in Laufen die Abkürzung über ein Eternitdach. Dabei orientierte sich der Mann vermutlich an den von oben sichtbaren Schrauben, um den stabilen Dachträgern zu folgen. Ein Fehltritt von wenigen Zentimetern reichte dennoch, um durch das Eternitdach durchzubrechen: Der Mann stürzte knapp zehn Meter in die Tiefe und verstarb noch am Unfallort.

Gestern Montag begann im Strafgericht in Muttenz die Aufarbeitung des tödlichen Unfalls: Die Staatsanwaltschaft hat den 58-jährigen Geschäftsführer der Gerüstbaufirma sowie einen 40-jährigen Gerüstmonteur wegen fahrlässiger Tötung angeklagt.

Staatsanwältin Anne-Kathrin Goldmann räumte in ihrem Plädoyer ein, dass der Fall zweimal wegen Reorganisationen innerhalb der Staatsanwaltschaft lange liegengeblieben sei. Inhaltlich war die Sache für sie aber klar: Der Firmeninhaber habe seinen Mitarbeitern keinen gesicherten Arbeitsweg zur Gerüstinstallation aufgezeigt. Es habe sich um eine «unübersichtliche und gefährliche» Dachlandschaft gehandelt. Als Geschäftsführer trage er die Verantwortung für die Sicherheit.

Arbeiter unter Cannabiseinfluss

Der Verteidiger des 58-Jährigen hingegen betonte, sein Mandant habe dem Verstorbenen bei einem Rundgang am ersten Arbeitstag den sicheren Weg auf das hintere Dach eindeutig erklärt. «Die Absturzstelle ist weder für Gerüstarbeiten noch als Arbeitsweg je zur Diskussion gestanden», betonte er. Der Verunfallte habe gegen die Weisung des Firmenchefs verstossen, als er über das Eternitdach gelaufen sei. Zudem habe die Untersuchung ergeben, dass der Tote massiv unter Cannabiseinfluss stand. Aufgefallen ist das allerdings auf der Baustelle niemandem.

Der zweite Angeklagte ist ein Gerüstbauer, der ohne eigentliche Ausbildung sein Fachwissen über Jahre in der Praxis erworben hat. In der Anklageschrift wird der 40-Jährige als «Chefmonteur» bezeichnet, was sein Verteidiger als irreführend bezeichnete: Er sei lediglich einer von drei ungelernten Arbeitern gewesen, man könne ihn nicht einfach für die Sicherheit verantwortlich machen.

Er war kurzfristig für die Baustelle eingesetzt worden und bei der früheren Begehung nicht dabei gewesen, vor dem Unfall soll er aber in einem Telefongespräch vom 56-jährigen Chef zusätzliches Material für die Absicherung verlangt haben und dabei abgewimmelt worden sein. Der Chef bestreitet, dass es ein solches Gespräch gab. Beim Unfall selbst war er nicht anwesend.

Urteil am Dienstag

Die Staatsanwaltschaft verlangt für beide Männer eine bedingte Geldstrafe von 300 Tagessätzen. Doch es drohen auch Zivilforderungen: Der Verstorbene hinterliess einen dreijährigen Sohn, welcher nun eine Rente der Unfallversicherung erhält.

Die unverheiratete Partnerin des Verstorbenen hingegen erhält keine Rente, ihr Anwalt macht einen Versorgerschaden in nicht bezifferter Höhe geltend. Dazu verlangt er eine Genugtuung von 45'000 Franken für die Frau und 30'000 Franken für den Sohn. Pikant dabei ist, dass die Gerüstbaufirma keine Haftpflichtversicherung abgeschlossen hat. Das Urteil ist für nächsten Dienstag zu erwarten.