Strafgericht
Tötungsdelikt von Frenkendorf: Psychiater sieht für Doppelmörder H.S. (63) wenig Chancen

1994 schoss H. S. in Hägendorf seine Ex-Freundin D. N. und ihren Bruder nieder. Nach seiner 17-jährigen Haftstrafe wurde H.S. im November 2015 mutmasslich zum Wiederholungstäter und tötete I.K.

Yann Schlegel
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Pflichtverteidiger Matthias Aeberli vor dem Strafgericht Muttenz.
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2. Version H. S. steht heute vor dem Baselbieter Strafgericht.
H. S. steht vor dem Baselbieter Strafgericht.

Pflichtverteidiger Matthias Aeberli vor dem Strafgericht Muttenz.

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Den ganzen Tag über wirkte H. S. gefasst, rührte sich kaum. Trotz der Schwere seiner Sätze, wie: «Ich wollte mich von ihr verabschieden und mich selbst umbringen. Dass es so herauskam, tut mir schrecklichst leid.» Zum gestrigen Verhandlungsauftakt erschien er im schwarzen Traineranzug, mit kurz geschnittenem Haar.

Der ehemalige Bodybuilder H.S. hatte 1994 seine Ex-Freundin D.N. und ihren Bruder im solothurnischen Hägendorf mit vierzig Schüssen aus seinem Sturmgewehr getötet. Nach 17 Jahren Haft kam H.S. 2011 frei. Vier Jahre später lernte er I.K. kennen und begann mit ihr eine Beziehung. Nach wenigen Wochen zog sie einen Schlussstrich: «Lieber H. , deine starke Liebe hat mich erdrückt», schrieb sie ihm in einem Brief. Und: «Deine Beschattung macht mir Sorgen.»

Seine übertriebene Fürsorge habe sie zurück in die Arme ihres Mannes getrieben. Seit acht Jahren lebte sie getrennt von ihm. Die Beziehung mit H.S. habe ihr die Augen geöffnet, hatte I.K. geschrieben. Am 12. November 2015 metzelte H.S. seine Ex-Freundin I.K. in Frenkendorf mit zwanzig Kampfmesser-Stichen nieder. Er drehte durch, weil sie ihn verlassen hatte. H.S. sagte: «Es geschah aus totaler Überforderung und in einem emotionalen Ausnahmezustand.»

Am Morgen des ersten Verhandlungstags betonten Gerichtspräsident und Staatsanwaltschaft mehrfach, es gehe um die Tötung an I. K. Die Vergangenheit spiele zwar sehr wohl eine Rolle in der Beurteilung, aber der Fall zum Doppelmord von 1994 sei abgeschlossen. Opferanwalt Christoph Dumartheray hatte gleich zu Beginn der Verhandlung mehrere Anträge gestellt. Ohne Erfolg.

Das Gericht beharrte darauf, im Verlauf der Verhandlung Bilder der Tat zu zeigen. Auch entsprach es nicht dem Anliegen des Opfervertreters, vollständige Akteneinsicht zu H.S. Vergangenheit zu gewähren. Schliesslich forderte Dumartheray vergebens, dass im Rahmen der aktuellen Verhandlung H.S. Bewährungshelfer befragt würden. Bereits «fünf- bis sechsmal», sagte die Staatsanwältin, hätte er entsprechende Anträge gestellt.

Nach den abgewiesenen Anträgen befragte Gerichtspräsident Andreas Schröder am ersten Verhandlungstag eingehend zu H.S. Vergangenheit bis hin zum Tag vor der Tötung an I.K. Etwas widerwillig schilderte H.S. zunächst die Ereignisse der Tat von 1994. Dann berichtete der Angeklagte über die 17 Jahre in den Gefängnissen Witzwil und Wauwiler Moos. H.S. gab dabei zu, sich nach zwölf Jahren aus taktischen Gründen – also im Sinne einer vorzeitigen Entlassung – therapiert haben zu lassen.

Keine reale Therapiemöglichkeit

H.S. sagte, es sei für ihn ausgeschlossen gewesen, nochmals zu einer vergleichbaren Tat wie 1994 fähig zu sein. Zu viel Negatives habe er erlebt. «Sehen Sie eine Parallele zwischen den beiden Tötungsdelikten?», fragte der Gerichtspräsident. H.S. schwieg lange, um dann einzugestehen: «Es gibt Parallelen. Beide Male hatte es mit Frauen zu tun. Beide Male ging eine Trennung, die ich nicht verkraften konnte, voraus. Und meine Reaktion war in beiden Fällen total überrissen.»

Eine offene Frage bleibt, weshalb H.S. bei den zwei Tötungsdelikten die Kontrolle verlor. Im Gegensatz zu den zwei Scheidungen vor 1994 und einer anderen Beziehung, die vor der zweiten Tötung scheiterte. H.S. konnte auf eine entsprechende Nachfrage keine plausible Antwort geben.

Und gegen den Vorwurf, er habe sich in seinen Erzählungen über Frauen abschätzig geäussert, sagte er: «Ich liebe Frauen, ich hatte nie grosse Probleme mit Frauen.» Der forensisch-psychiatrische Gutachter sprach von einer «kritischen Begegnung». H.S. sei es schwergefallen, sich mit seiner Vergangenheit auseinanderzusetzen. «Es bestehen eklatante Unterschiede zwischen den Akten und H.S. Aussagen», so der Experte. Im Umgang mit Intimpartnerinnen sei seine Wahrnehmung erheblich gestört. Dies habe sich seit 1994 nicht verändert. Folglich attestiert der Psychiater H.S. «keine realen Therapiemöglichkeiten».

Im Leben werde H.S. aber als weicher und leistungsfähiger erlebt, weshalb Spielmann bei H.S. im Gegensatz zu 1996 nur noch eine akzentuierte narzisstische Persönlichkeitsstörung erkennt. Heute wird das Gericht weiter klären müssen, ob es eine Tötung oder Mord war. Zur Debatte steht auch eine Verwahrung.