Basler Strafgericht
Treuhänder verspielt Millionen und entschuldigt sich bei Geschädigten

Ein Immobilientreuhänder verspielte Gelder von Stockwerkeigentümern am Spielautomaten. Der Angeklagte gibt die Veruntreuungen zu, doch die 6,5 Millionen Franken sind futsch. Schuld daran könnte aber auch das Casino sein.

Patrick Rudin
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Der Treuhänder verspielte seine Millionen an Spielautomaten (Symbolbild).

Der Treuhänder verspielte seine Millionen an Spielautomaten (Symbolbild).

Keystone

"Eigentlich müsste man sie wegen Fortsetzungsgefahr verhaften", sagte Gerichtspräsident Dominik Kiener, durch die Zuschauerreihen ging ein Raunen, und der Angeklagte schluckte leer. Der 46-jährige Immobilientreuhänder hatte nicht nur rund 6,5 Millionen Franken an Kundengeldern im Casino verzockt, sondern offenbar vor kurzer Zeit einen "Rückfall" gehabt: Wiederum Kundengelder, wiederum im Casino.

Doch eigentlich drehte sich die Verhandlung vor dem Basler Strafgericht gestern um Delikte seiner inzwischen konkursiten Immobilienfirma vor dem Jahre 2008: Auf den Zuschauerbänken sassen rund 25 Gläubigervertreter, hauptsächlich Stockwerkeigentümer von Riehen bis Reinach und damit ehemalige Klienten des Treuhänders. Die Masche war
simpel: Von den Konten der Stockwerkeigentümer flossen saftige Summen auf sein eigenes Konto, dort hob er es in bar ab und ging damit ins Casino. In der Buchhaltung wurden die Abgänge etwa als Rückzüge des Eigentümers gebucht oder via transitorische Passiven aufs nächste Jahr geschoben.

Als die Ausstände wuchsen fälschte er kurzerhand die Bankauszüge: Kontokorrent und Erneuerungsfonds verfügten auf dem Papier wie erwartet über hunderttausende von Franken, waren aber faktisch leergeräumt. Stockwerkeigentümer von Riehen bis Reinach waren davon betroffen, unter dem Strich fehlen nun 6,5 Millionen Franken. Einige Klienten bemerkten die Buchungen und forderten die Gelder zurück, der Treuhänder stopfte die Löcher jeweils mit Gelder von anderen Kunden. So holte sich der Angeklagte etwa als Kassier der FDP Aesch 7500 Franken und erstattete diese wieder zurück, rund 50 Stockwerkeigentümer hingegen blieben auf ihren Verlusten von jeweils über 100'000 Franken sitzen.

"Wie ein Abtauchen in eine andere Welt"

Im Casino Basel war er ein guter Kunde, sein Verteidiger sieht dort auch eine grosse Mitschuld. "Er hat dort von 2004 bis 2008 wohl jährlich rund
1,5 Millionen Franken in den Sand gesetzt. Er hätte dem Casino nachweisen müssen, dass er Multimillionär ist, sonst hätte er gar nicht mehr spielen dürfen". Der Fall zeige auch, dass Casinos ohne die Ausbeutung pathologisch Spielsüchtiger gar nicht existieren könnten, sagte Verteidiger Christoph Dumartheray.

Der Angeklagte schilderte, dass er im Casino hauptsächlich die Spielautomaten benutzt habe. "Es war ein Moment der Entlastung, so blöd das auch tönt. Es gab nur den Kasten und mich. Es war wie ein Abtauchen in eine andere Welt", sagte er. In seinem Schlusswort bat er gestern alle Geschädigten sowie seine ehemaligen Mitarbeiter um Entschuldigung.

Treuhänder wollte sich selbsttöten

500 Franken stottert er pro Monat an einen Gläubiger ab, für den Grossteil der Forderungen existiert aber noch kein Plan zur Schuldenregulierung. "Die Geschädigten lassen ihren verständlichen Unmut oft bei mir ab. Meiner Familie und meinen Kindern gegenüber haben sie sich bislang aber sehr fair verhalten", sagte der Mann.

Nach seinem neuen Rückfall und der darauffolgenden Strafanzeige seines letzten Arbeitgebers versuchte er offenbar sich das Leben zu nehmen, diesen Sommer war er deswegen stationär in Behandlung, derzeit ist er krank geschrieben.