Studie
Trinkwasser aus dem Hardwald: Seit 60 Jahren leben mit Risiken

Im Normalbetrieb ist die Aufbereitung von im Hardwald versickertem Rheinwasser ein sicheres System. Sobald man aber den Grundwasserberg nicht mehr aufrechterhalten kann, wird es kritisch.

Daniel Haller
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Schild im Hardwald: Das Wasser sauber halten ist angesichts der im Grundwasser, im Boden und im Rheinwasser enthaltenen chemischen Stoffen leichter gesagt als getan.

Schild im Hardwald: Das Wasser sauber halten ist angesichts der im Grundwasser, im Boden und im Rheinwasser enthaltenen chemischen Stoffen leichter gesagt als getan.

Martin Töngi

Trinkwasser für über 200 000 Menschen in der Stadt Basel und der Agglomeration gewinnt man seit rund 60 Jahren unter anderem im Muttenzer Hardwald.

So lange sind die Bewohner der Region bereits beim wichtigsten Lebensmittel, dem Wasser, jenen Risiken ausgesetzt, welche die aktuelle Studie der Eidgenössischen Anstalt für Wasserversorgung, Abwasserreinigung und Gewässerschutz (Eawag), einem Institut der ETH Zürich, im Auftrag des Kantons Baselland zusammenfasst.

Eine Synthese dieser Studie ist auf der Website des Kantons Baselland abrufbar. Wir haben die zwölf wichtigsten Fragen und Antworten zusammengefasst.

1 Wie funktioniert die Trinkwasseraufbereitung im Hardwald?

Bei einem normalen Grundwasserbrunnen pumpt man natürlich vorhandenes Grundwasser an die Oberfläche, reinigt es und speist es ins Trinkwassernetz ein. Ganz anders im Hardwald: Dort vermeidet man möglichst, regionales Grundwasser mit hochzupumpen, da dieses mit Schadstoffen belastet ist.

Stattdessen nutzt man den Boden im Hardwald als natürlichen Filter für Rheinwasser, das man «infiltriert», also versickern lässt. «Bei den Trinkwasserbrunnen innerhalb des Hardwalds entspricht das Wasser weitestgehend dem Rheinwasser», hält die Eawag fest. Dabei lässt man rund doppelt so viel versickern, wie man dem Lockergestein als Trinkwasser entnimmt.

Der so entstehende «Grundwasserberg» soll das belastete Grundwasser daran hindern, von der Seite oder von unten her aus dem Muschelkalk bis zu den Wasserfassungen vorzudringen.

So wird in der Studie unter anderem diskutiert, dass man weniger Schadstoffe im Wasser hätte, wenn man dieses näher an der Grundwasser-Oberfläche entnähme. Allerdings wäre dann auch die Reinigungswirkung des Bodens kleiner.

2 Woher stammen die Schadstoffe im Grundwasser unter dem Hardwald?

Einerseits aus Altlasten wie die Deponien Feldreben, Margelacker und Rothausstrasse, aber auch aus früheren Schadenfällen im Auhafen und im Industriegebiet Schweizerhalle. Hinzu kommen die Belastungen durch den Rangierbahnhof und die Autobahn.

Die Eawag stellt aber auch fest, dass der Boden im Hardwald selbst mit Schadstoffen belastet ist, die gemäss alten Untersuchungen in den 70er-Jahren mit dem damals stärker verschmutzten Rheinwasser in den Hardwaldboden gelangten. Dies ist aber umstritten.

So meint der Muttenzer Gemeinderat Joachim Hausammann, es könnte sich auch um Schadstoffe aus den Muttenzer Deponien handeln aus der Zeit vor dem Grundwasserberg.

Was bleibt, ist die Tatsache, dass bis zu einem gewissen Grad der natürliche Filter selbst auch verschmutzt ist. Aus diesem Grund wird das von der Hardwasser AG geförderte Grundwasser vor der Abgabe ins Trinkwassernetz über eine Aktivkohlefilteranlage geleitet, die diese Spurenstoffe zurückhält.

3 Wäre es angesichts des belasteten Umfelds nicht sinnvoll, das Rheinwasser anderswo aufzubereiten?

«In den Kantonen Basel-Stadt und Baselland gibt es kein geeignetes Gebiet für eine Verlagerung», erklärt Alberto Isenburg, Leiter des Baselbieter Amts für Umweltschutz und Energie (AUE). «Grund ist die räumliche Nutzung durch Siedlung und Industrie die letzten Jahrhunderte.»

4 Wo liegt das Risiko des Systems?

«Grundsätzlich ist festzustellen, dass es sich bei der Trinkwassergewinnung im Hardwald um ein sicheres und stabiles System handelt, trotz der zahlreichen industriellen Nutzungen im Umfeld», hält die Eawag fest.

Doch hängt dieses System vom Grundwasserberg ab: «Der Grundwasserberg ist für den Betrieb der Trinkwassergewinnung aus dem Hardwald Grundwasser essenziell.» Das Risiko besteht also darin, dass man den Grundwasserberg nicht aufrechterhalten kann.

Dies könnte aus zwei Gründen geschehen: Ausfall der Industriebrunnen und starke Verschmutzung des Rheinwassers, was die Infiltration verunmöglichen würde.

5 Welche Rolle spielen die Brunnen der Industrie?

Dass die Industrie in Muttenz Grundwasser entnimmt, trägt zum Gefälle des Grundwasserbergs bei und verändert die Grundwasserströme.

So stellt die Eawag fest: «Beim Ausfall des heutigen Brunnens Florin im Bereich der Deponie Feldreben könnte es zu einem Abstrom in Richtung westlichen Hardwald kommen und das Grundwasser im Lockergestein qualitativ beeinträchtigt werden.

Dies unterstreicht die Wichtigkeit einer effektiven hydraulischen Sicherung zur Verhinderung eines Abstroms aus der Deponie Feldreben.»

6 Wie stellt man eine kritische Verschmutzung des Rheins fest?

Die Rheinüberwachungsstation, wo man dem Fluss täglich Proben entnimmt und analysiert, befindet sich in Weil am Rhein, also deutlich unterhalb der Rheinwasserentnahmestellen für den Hardwald und des zweiten Basler Trinkwasseraufbereitungsgebiets Langen Erlen.

Man stellt also durchziehende Schadstoffe zu spät fest, sie können somit in den Hardwald gelangen. Die Eawag-Studie empfiehlt deshalb eine weiter oben liegende Überwachungsstation, beispielsweise bereits in der Aare.

Sowohl Isenburg vom Baselbieter AUE als auch Thomas Meier, Geschäftsführer Hardwasser AG erklären, dies werde nun geprüft.

7 Was passiert bei einer chemischen Verschmutzung des Rheins?

70 Prozent der geklärten Abwässer der Schweiz fliessen im Rhein durch die Region. Zwar mache dies weniger als fünf Prozent der Gesamtwassermenge aus und der Rhein sei heute so sauber wie noch nie, betont Meier.

Doch eine Belastung mit Substanzen aus Industrie, Landwirtschaft, Medizin und Siedlungsgebiet lässt sich nicht vermeiden. Hinzu kommen kleinere und grössere Chemie-Unfälle. So musste man während der Studie die Infiltration von Rheinwasser in den Hardwald wegen des Stoffs Methyltert-butylether im Rhein während 42 Stunden unterbrechen.

Pumpt man nämlich verschmutztes Rheinwasser in den Hardwald, belastet man nicht nur die Trinkwasserproduktion, sondern riskiert eine dauerhafte Belastung des Bodens, der dann später infiltriertes Wasser rückverschmutzt.

«Bei einer Verschmutzung des Rheins wären Hardwald und Lange Erlen betroffen. Beide müssten schlimmstenfalls abstellen respektive ihre Produktion reduzieren», erklärt dazu Isenburg. «In einem solchen ‹worst case› müsste Wasser für einen Minimalbedarf aus dem Birstal bezogen und aufbereitet werden. Entsprechende Leitungen sind vorhanden.»

8 Was würde passieren, wenn man die Rheinwasserversickerung für längere Zeit einstellen müsste?

«Bei einer Unterbrechung ab vier Tagen, zum Beispiel aufgrund einer lang andauernden Verschmutzung des Rheins, kann eine sukzessive Absenkung des Grundwasserbergs stattfinden, und eine Durchströmung des Hardwald von Süd nach Nord in Richtung Rhein wäre hierdurch möglich», stellt die Eawag fest.

Dann besteht die Gefahr, dass Schadstoffe aus den Muttenzer Deponien ins Trinkwasseraufbereitungsgebiet verfrachtet würden. Mit anderen Worten: Man stünde vor dem Dilemma, ob man den Hardwald mit belastetem Rheinwasser oder mit Schadstoffen aus den Deponien verschmutzen soll.

Meier betont allerdings, dass auch nach einem wesentlich längeren Unterbruch der Versickerung keine Gefahr bestehe.

9 Wie schützt man das Trinkwasser gegen die Schadstoffe?

Abgesehen von einem solchen Szenario kämpft man bereits heute mit der Schadstoffbelastung. So stellte Greenpeace 2006 im Trinkwasser der Hardwasser AG Spurenverunreinigungen fest, unter anderem das krebserregende Haxachlorbutadien.

Bereits nach wenigen Tagen wurde das Trinkwasser über eine provisorische Aktivkohlefilteranlage aufbereitet. 2013 konnte die Hardwasser AG den neu gebauten Aktivkohlefilter in Betrieb nehmen, der diese Stoffe zurückhält.

Die Gemeinde Muttenz – auch sie betreibt im Hardwald Trinkwasserbrunnen – entschied sich dagegen für eine weitere Aufbereitungsstufe: Bevor das Wasser durch die Aktivkohle läuft, werden gewisse Stoffe mit Ozon und Peroxid oxidiert. Diese Anlage geht demnächst in Betrieb.

10 Was empfiehlt die Eawag-Studie bezüglich Schadstoff-Entfernung?

Ob ein Aktivkohlefilter reicht oder ob man eine Oxidationsstufe davor schalten soll, wurde in der Vergangenheit heftig diskutiert. Die Studie hält nun fest: «Insgesamt kann durch eine Kombination von oxidativen Verfahren mit der Aktivkohlefiltration eine höhere Sicherheit bezüglich Spurenstoffen, welche kontinuierlich oder durch Schadenfälle ins Hardwald-Grundwasser gelangen, erreicht werden.»

Deshalb freut sich Hausammann, das Muttenzer Trinkwasserkonzept sei nun durch die Eawag-Studie bestätigt worden. Distanzierter reagiert die Hardwasser AG: «Die Ergebnisse des Projekts sind der Hardwasser AG bekannt. Eine Planung wird derzeit diskutiert», erklärt zwar AUE-Leiter Isenburg.

Hardwasser-Geschäftsführer Meier betont dagegen, die Eawag habe nur festgestellt, dass mit einer vorgeschalteten Oxidationsstufe die Aktivkohlefilter die Schadstoffe länger zurückhalten könnten. «Es geht primär um die Laufzeitverlängerung.» An der unbestritten guten Wasserqualität ändere sich nichts. «Das Oxidieren ist nicht einfach, der Aktivkohlefilter ist dagegen ein sehr robuster Prozess.»

Die Hardwasser AG werde die Resultate der Studie nun vertieft mit der Eawag diskutieren, und wenn ein weiterer Ausbau der Aufbereitung auch aus Kosten-Nutzen-Sicht günstig erscheine, diesen Weg der Oxidation ebenfalls gehen.

11 Müsste man die Schadstoffe nicht schon an der Quelle vermeiden?

Meier dringt dagegen darauf, lieber die Qualität des Rohwassers zu verbessern, anstatt in die Endstufe zu investieren. Mit anderen Worten: Durch die bessere Entfernung von Spurenstoffen in den Abwasser-Reinigungsanlagen Rhein aufwärts werde mehr gewonnen als durch eine zusätzliche Aufbereitungsstufe.

Denn es gehe darum, in jedem Fall den Zufluss des belasteten regionalen Grundwassers zu verhindern, indem man den Grundwasserberg aufrecht erhält. Ebenfalls die Belastung an der Quelle angehen möchte der Altlastenexperte Martin Forter – wenn auch aus einem anderen Blickwinkel: «Man muss die Deponien endlich gründlich sanieren, sonst hat man die Probleme in alle Ewigkeit.»

Dazu heisst es in der Studie, zur Verhinderung eines Grundwasserabstroms von der Deponie Feldreben, sei eine hydraulische Sicherung mit mehreren Brunnen und genügend grosser Förderleistung erforderlich.

Dieser Schritt ist allerdings vertagt, bis das Bundesgericht über den Umfang der Sanierung entschieden hat: «Bis die Sanierungsverfügung rechtskräftig ist, kann ein Sanierungsprojekt nicht beginnen», erklärt Isenburg.

12 Welche konkreten Konsequenzen hat die Studie bereits ausgelöst?

Die Eawag zeigt auf, dass im Westen des Hardwalds der Grundwasserberg weniger effizient ist und deshalb der Anteil des regionalen belasteten Grundwassers am geförderten Trinkwasser höher ist.

Dazu erklärt Meier: «Indem im vergangenen Jahr der Zuleitungskanal zu den westlichen Versickerungsanlagen saniert wurde, ist es nun möglich, dort mehr Wasser zu infiltrieren. So können wir den Grundwasserberg dort besser halten.»

Ein Erbe der Totalsanierungs- Initiative

Finanziert wurde die Eawag-Studie, die sich mit der Versorgung in allen Kantonsteilen befasst, aus dem Trinkwasserfonds, den die Industrie 2010 im Vorfeld der Abstimmungen über die Deponiesanierungs-Initiativen der Grünen spendete.

Die von Ciba, Novartis und Syngenta unterschriebene Vereinbarung enthält das Versprechen der Baselbieter Regierung, die Industriefirmen müssten sich nur im Rahmen der Bundesgesetze an den Deponie-Sanierungskosten beteiligen, selbst wenn das Volk an der Urne etwas anderes beschliessen sollte.

Die 20 Millionen Franken des Fonds sind für den Trinkwasserschutz bestimmt. Für seine Trinkwasser-Aufbereitung hatte Muttenz vergebens Mittel aus dem Fonds beantragt und stört sich nun daran, dass mit Geld aus dem Fonds das Gleiche nochmals untersucht wurde.

«Die Mittel hätte man sinnvoller verwenden können», erklärt Gemeinderat Joachim Hausammann. AUE-Leiter Alberto Isenburg bestreitet hingegen die Doppelspurigkeit. Zudem sei die Hardwasser AG eine regionale und nicht nur eine kommunale Wasserversorgung. (dh)