Downsyndrom
Ueli, ein zufriedenes Leben in Würde

Ueli Fehlmann (1942–2011) war als Kunsthandwerker weit herum bekannt. Er lebte in der Stiftung Lebenshilfe und litt am Downsyndrom. Im Alter von beinahe 69 Jahren starb der Künstler.

Peter Siegrist
Merken
Drucken
Teilen
Ueli Fehlmann war ein Grand Seigneur, ein echter Gentleman. ho

Ueli Fehlmann war ein Grand Seigneur, ein echter Gentleman. ho

In der ersten Aprilwoche haben die Angehörigen der Stiftung Lebenshilfe in Reinach von Ueli Fehlmann, ihrem ältesten Klienten, Abschied genommen. Er ist wenige Tage vor seinem 69. Geburtstag gestorben. Seine Lebensgeschichte ist über 50 Jahre eng mit der Stiftung verbunden, war er doch als Kind die eigentliche Ursache für die Gründung.

Ueli Fehlmann wurde 1942 als drittes Kind einer Fabrikanten-Familie in Birrwil geboren. Ueli hatte das Downsyndrom (Trisomie 21). Für die junge Familie war die Situation schwierig, weil in dieser Zeit die Geburt eines Kindes mit Trisomie 21 als Schande empfunden wurde. Häufig wuchsen diese Kinder in Heimen auf oder wurden zu Hause versteckt.

So empfand auch Uelis Grossvater: Er verlangte, dass sein Enkel in ein Heim gegeben werde. Die Eltern widersetzten sich, und Uelis Mutter setzte sich ganz für die Erziehung ihrer drei Söhne ein.

Die Mutter ergreift die Initiative

1946 verstarb Uelis Vater, und die Situation wurde für die junge Witwe noch schwieriger. Als Ueli ins Kindergarten- und Schulalter kam, gab es für ihn weder in Kindergärten noch in Schulen einen Platz. Lucia Fehlmann entschied sich, für Ueli Privatlehrer einzustellen, die das Kind fördern sollten.

Die Sozialpädagogin Marietta Haefeli, welche Ueli während der letzten acht Jahre in der Wohngruppe begleitet hatte, sagt denn auch, Ueli sei immer sehr zuvorkommend und auch respektvoll gegenüber andern Klienten gewesen. «Man spürte, Ueli hatte eine gute Kinderstube, legte auch im Alter Wert auf ein gepflegtes Äusseres.» Dies bestätigt Geschäftsleiter Martin Spielmann: «Ueli war unser Grand Seigneur, ein echter Gentleman.»

Mit der Wahl des jungen Psychologen und Heilpädagogen Valentin Reichenbach als Privatlehrer bewies Lucia Fehlmann eine glückliche Hand. Reichenbach unterrichtete vorerst nur Ueli. Im Jahr 1961 gründeten Lucia Fehlmann und Valentin Reichenbach auf privater Basis eine Sonderschule in Leimbach. Sie starteten mit drei Kindern, bereits ein halbes Jahr später waren es neun. Der Grundstein für die spätere Stiftung Lebenshilfe war gelegt.

Reichenbach weiss noch heute, wie intensiv er mit Ueli gearbeitet hatte. Er lehrte ihn Lesen und Schreiben, und «wir haben viel Hochdeutsch gesprochen». Geschrieben habe Ueli gern, das Rechnen sei ihm jedoch weniger gelegen.

Pension genossen

Weit herum bekannt geworden ist Ueli als Kunsthandwerker. In der «Lebenshilfe» hat er das Töpferhandwerk erlernt und hat bald durch seine eigenwilligen Figuren – er nannte sie Manos – auf sich aufmerksam gemacht. Höhepunkte dieser Lebensphase war die Teilnahme an der Weihnachtsausstellung im Kunsthaus Aarau sowie Ausstellungen im Jura. Im Jahr 2000 war er als einziger Schweizer Töpfer, als einziger Behinderter, in Paris an einer internationalen Ausstellung vertreten.

In seinen älteren Tagen hat ihn das Töpfern nicht mehr interessiert. Er genoss das Pensioniertsein und schrieb gerne in seine Notizhefte. Marietta Haefeli: «Ueli hat stark in der Gegenwart gelebt. Das Alter war kein Thema.» So habe er seinen Lebensabend in der Wohngruppe wirklich geschätzt. Ein bis zweimal pro Woche war er Gast im Café Wynenstübli, hier genoss er gerne ein Stück Kirschtorte.

Ueli sei sehr feinfühlig gewesen, beschreibt Marietta Haefeli, er habe viel gespürt, wahrgenommen. «Er zeigte Achtung gegenüber uns Mitarbeitern und seinen Mitbewohnern, er hatte eine ausgeprägte Sozialkompetenz.» Ueli Fehlmann war bis am Schluss sehr selbstständig, erklärt Haefeli, «eindrücklich war, dass er sehr im Hier und Jetzt gelebt hat. Er hat das Leben genossen».

Geschäftsleiter Martin Spielmann sagt, ohne Ueli gäbe es keine «Lebenshilfe», sein Schicksal sei eng mit der Stiftung verknüpft. «Ich bin überzeugt», sagt Spielmann, «Ueli hat ein erfülltes Leben in Würde gelebt.»