Urteilsverkündung
Der angeklagte Vater wird im Breitenbacher Baby-Prozess in allen Punkten freigesprochen

Das Richteramt Dorneck-Thierstein hat entschieden: Das Gericht spricht den Beschuldigten mangels Beweisen in allen Punkten frei. Es bestünden erhebliche Zweifel an der Schuld des 34-Jährigen. Die Solothurner Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, seinen Sohn erstickt und seine Tochter schwer verletzt haben.

Dimitri Hofer
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Der Vater gemeinsam mit seiner Verteidigerin auf dem Weg zum Prozess ins Solothurner Amthaus 1.

Der Vater gemeinsam mit seiner Verteidigerin auf dem Weg zum Prozess ins Solothurner Amthaus 1.

TeleM1

Urteilsverkündung: Donnerstag, 6. Mai, Nachmittag

Im Richteramt in Dornach verkündet Amtsgerichtspräsidentin Giorgia Marcionelli Gysin das Urteil. Der angeklagte Vater wird in sämtlichen Punkten freigesprochen. Das Gericht habe «erhebliche und nicht zu unterdrückende Zweifel» daran, dass er die ihm zur Last gelegten Taten begangen habe.

Die Solothurner Staatsanwaltschaft hatte den heute 34-Jährigen angeklagt, im Jahr 2010 seinen acht Wochen alten Sohn vorsätzlich getötet zu haben. Er soll den Säugling in der Wohnung in Breitenbach erstickt haben. Zudem soll er im Jahr 2012 in Röschenz seine ebenfalls acht Wochen alte Tochter so stark geschüttelt haben, dass das Baby zweimal operiert werden musste. Hier wirft ihm die Staatsanwaltschaft versuchte vorsätzliche Tötung vor. Die Staatsanwaltschaft forderte für den Beschuldigten eine Freiheitsstrafe von 16,5 Jahren.

Die Schicksale der Kleinkinder bewegten auch das Amtsgericht

Das Richteramt Dorneck-Thierstein entscheidet jedoch auf Freispruch und lässt in beiden Fällen den Grundsatz «In Dubio Pro Reo» walten. Beweise, welche die Schuld des Vaters belegen, liegen trotz einer ausführlichen Untersuchung, bei der auch verdeckte Ermittler eingesetzt wurden, keine vor. Der Vater hatte in früheren Anhörungen immer seine Unschuld beteuert, während des Prozesses aber die Aussage verweigert.

«Die letzten Tage und Wochen waren auch für das Amtsgericht nicht einfach»,

sagt Amtsgerichtspräsidentin Marcionelli Gysin, nachdem sie zu Beginn die einzelnen Urteilspunkte verkündet hat. Das Schicksal der beiden Kleinkinder mache fassungslos. Diejenige Person, welche die Taten begangen habe, werde die Schuld bis ans Lebensende zu tragen haben. Daran, dass es sich dabei um den Vater handelt, bestünden Zweifel, weshalb man ihn freispreche. Zudem werde ihm eine Genugtuung von 65'000 Franken zugesprochen.

Der Angeklagte nahm das Urteil, wie den gesamten Prozess, teilnahmslos zur Kenntnis. Gemäss seiner Anwältin Eveline Roos leide er an einer posttraumatischen Belastungsstörung. Das Leben ihres Mandanten liege seit den Ereignissen und den späteren verdeckten Ermittlungen «in Scherben». Seit drei Jahren sei er nicht mehr arbeitsfähig. Die Mutter des Beschuldigten erklärte vergangene Woche während der Verhandlungen im Solothurner Obergerichtssaal, dass er sich völlig zurückgezogen und «nur noch Kontakt mit mir» habe.

Aussagen des Vaters seien authentischer als diejenigen der Mutter

Im Fall des verstorbenen Babys sei die Frage der Fremdeinwirkung, die von Gutachtern festgestellt wurde, nicht restlos geklärt. «Es ist nicht sicher, ob die Hämatome von der Reanimation des Kindes und von einem früheren Zeitpunkt her rühren», sagt Marcionelli Gysin. Zum möglichen Tatzeitpunkt seien lediglich der Vater sowie die Kindsmutter in der Wohnung gewesen.

«Grundsätzlich schätzen wir die Aussagen des Beschuldigten als offener und glaubwürdiger ein als diejenigen der Mutter.»

Das Amtsgericht sei nicht davon überzeugt, dass der Angeklagte den Säugling erstickt hat.

Rund eineinhalb Jahre nach dem Tod des kleinen Jungen wurde das Paar erneut Eltern eines Kindes. Im April 2012 wurde beim acht Wochen alten Mädchen ein Schütteltrauma festgestellt. Laut der Solothurner Staatsanwaltschaft sei dafür der Vater verantwortlich, da er seine Tochter vorsätzlich heftig geschüttelt habe. Auch hier kommen als mögliche Täter nur der Vater und die Mutter in Frage. «In einer Gesamtschau der vorhandenen Indizien ist das Gericht nicht überzeugt, dass der Beschuldigte die Tat begangen hat», so die Gerichtspräsidentin. Bei der Mutter bestünden jedoch «allgemeine Zweifel an deren Glaubwürdigkeit». Es sei aktenkundig, dass sie psychisch auffällig sei.

Staatsanwaltschaft wird Urteil «sehr wahrscheinlich» weiterziehen

Rückt nach den Feststellungen des Richteramts Dorneck-Thierstein nun also wieder die Mutter in den Fokus der Ermittlungen? Die Solothurner Staatsanwaltschaft hatte das Verfahren gegen die Mutter eingestellt und in beiden Fällen Anklage gegen den Vater erhoben. Nach der Urteilsverkündung in Dornach, der die Medien über eine Videoschaltung beiwohnen konnten, erklärt Staatsanwalt Raphael Stüdi: «Ich bin dezidiert der Auffassung, dass das Verfahren gegen die Mutter zurecht eingestellt wurde.» Er habe nicht vor, das Verfahren wieder aufzunehmen. Neue Beweise gegen die Mutter gebe es nicht.

Gleichzeitig sagt Staatsanwalt Stüdi aber auch: «Selbstverständlich sind wir über das Urteil des Richteramts Dorneck-Thierstein enttäuscht.» In der Summe seien die Indizien wohl zu wenig stark gewesen, um den Grundsatz «In Dubio Pro Reo» überwinden zu können. «Wir sind in der glücklichen Lage, dem Berufungsgericht unsere Argumente noch vorlegen zu können.» Man werde das Urteil «sehr wahrscheinlich» weiterziehen.

Die verdeckten Ermittlungen, die im Vorfeld und auch während des Prozesses für Kritik sorgten, hält der Staatsanwalt weiterhin für gerechtfertigt. Beweise, die aufzeigen, was vor einem Jahrzehnt in Breitenbach und in Röschenz passiert ist, konnten die verdeckten Ermittler jedoch nicht zu Tage fördern. Gerichtspräsidentin Georgia Marcionelli Gysin sagt zum Schluss ihrer Ausführungen, dass sie die Verhältnismässigkeit gewisser Einsätze durchaus bezweifle. «Manchmal bewegten sich die verdeckten Ermittler in einer Grauzone.»

Als Staatsanwalt Stüdi nach der Urteilsverkündung den Medien Auskunft gibt, hat der Freigesprochene den Saal bereits verlassen.

«Mein Klient ist sehr erleichtert»,

sagt seine Verteidigerin Eveline Roos später auf Anfrage. Sie hoffe, dass er endlich die Möglichkeit habe, über den Verlust seiner Kinder zu trauern. Mit der heute neun Jahre alten Tochter hat er seit den damaligen Ereignissen keinen Kontakt mehr.

3. Verhandlungstag: Donnerstag, 29. April, Vormittag

Der Angeklagte schwieg am zweiten Verhandlungstag gänzlich zu den Taten, die ihm zur Last gelegt werden. Er berief sich auf sein Recht, die Aussage zu verweigern. Am Donnerstag hört er nun zu, was ihm Staatsanwalt Raphael Stüdi vorwirft. Die Solothurner Staatsanwalt klagt den 34-Jährigen an, 2010 seinen Sohn erstickt und 2012 seine Tochter schwer verletzt zu haben.

Der Staatsanwalt betont zu Beginn, er sei erleichtert, dass es nach über einem Jahrzehnt endlich zum Prozess komme. Die vergangenen Jahre seien für alle Beteiligten herausfordernd und teilweise unangenehm gewesen.

«Es handelt sich um einen einzigartigen Fall, in dem es um Gewalt und Misshandlungen gegen Kinder geht.»

Die angewandten Zwangsmassnahmen seien zweifellos einschneidend und gravierend gewesen. «Das Leben der Mutter und des Vaters sind bis ins letzte Detail überwacht worden.» Bei der Untersuchung sind insgesamt sechs verdeckte Ermittler eingesetzt worden: drei wurden auf die Mutter, weitere drei auf den Vater eingesetzt.

Nun erklärt Stüdi, weshalb die Solothurner Staatsanwaltschaft zu den verdeckten Ermittlungen gegriffen hat: Der Beschuldigte und die Kindsmutter hätten von Anfang an eine Mauer des Schweigens errichtet. «Auch die Grosseltern machten mit», sagt er. Der Staatsanwalt spricht in diesem Zusammenhang von einem «Nichtbelastungspakt». Mit den klassischen Ermittlungsmethoden habe man keinen Erfolg gehabt. Deshalb seien die verdeckten Ermittler ins Spiel gekommen.

Es stehe ausser Frage, dass entweder der Vater oder die Mutter die Kinder misshandelt hätten. «Eine Drittperson als Täterschaft kann bei beiden Fällen ausgeschlossen werden.» Letztlich hätten die Ermittlungen jedoch ergeben, dass der Vater die Taten begangen habe. «Jeder vernünftige Zweifel an der Schuld des Vaters kann ausgeschlossen werden.» Die Mutter, gegen die das Verfahren eingestellt wurde, sei nicht die Täterin.

Mutter sagte immer wieder, sie wolle endlich wissen, was passiert ist

Raphael Stüdi beginnt mit dem Fall der schwer verletzten Tochter, die im Frühjahr 2012 in Röschenz ein Schütteltrauma erlitt. «Wer hat am 24. April 2012 dem Mädchen ein schweres Schütteltrauma zugefügt?», fragt er. Das Mädchen sei, so hätten die Gutachten ergeben, zweimal geschüttelt worden. Gehütet worden sei das Kind in diesen Tagen lediglich von der Mutter, vom Vater und den beiden Grossmüttern. Die Grossmütter, die am Mittwoch vor Gericht aussagten, fielen als Täterinnen weg.

Er kommt auf eine heimlich im September 2012 von der Staatsanwaltschaft in der Wohnung des Paares aufgezeichnete Unterhaltung zu sprechen. Darin sagte die Mutter, sie wolle, «dass der, welcher das getan hat, endlich hinsteht und es zugibt». Auch in anderen aufgenommenen Gesprächen habe sie immer wieder gesagt, dass sie wissen wolle, was passiert ist. «Verhält sich so eine Täterin?», fragt Stüdi. Der Vater habe hingegen immer wieder abgewiegelt und nicht mehr über die Geschehnisse sprechen wollen. Im Jahr 2018 machte die Mutter in einem Beitrag der «Rundschau» ihre Geschichte und die verdeckten Ermittlungen öffentlich. "Würde das eine Täterin machen?", fragt der Staatsanwalt erneut. Viel eher würde sie nicht mehr über die Geschehnisse sprechen wollen, wie das beim Vater der Fall war.

Die verdeckten Ermittler hätten bei ihren Einsätzen das zulässige Mass nicht überschritten. «Das Vorgehen der Ermittler entspricht der aktuellen Rechtslage», betont der Staatsanwalt. Die Zielpersonen seien bei den verdeckten Ermittlungen immer in der Lage gewesen, nichts zu sagen. Die Undercover-Ermittler seien instruiert worden, die Verfahrenssituation nicht von sich aus anzusprechen. «Das haben wir ihnen immer wieder eingehämmert.» Einvernahme-ähnliche Situationen, bei denen hartnäckig gefragt wurde, habe es nicht gegeben. Das gesetzliche Ziel einer verdeckten Ermittlung sei es, Beweise zu erheben. «Das ist bei einem Mafia-Boss und auch bei einer Kindstötung so.»

Jetzt erfahre man, worauf die Medien seit Tagen gewartet hätten: «Die positive Überführung des Vaters als Täter.» Bevor er mit seinen Ausführungen beginnt, genehmigt sich Staatsanwalt Raphael Stüdi einen Schluck Wasser.

«Am Nachmittag des 24. April 2012 war der Vater mit dem Mädchen alleine. Die Mutter liess sich während dieser Zeit tätowieren. Das ergibt sich aus den Akten.» Am späteren Nachmittag schrieb der Angeklagte seiner Frau eine SMS, in dem er berichtete, dass das Kind nur geschrien habe. Die Verletzungen des Kindes durch das Schütteltrauma würden genau aus dieser Zeit stammen. «Die Mutter hatte zur Tatzeit ein Alibi, da sie sich ein Tattoo stechen liess.» Zusammenfassend spreche alles für den Vater als Täter. Der Angeklagte wirkt, während der Staatsanwalt sein Plädoyer verliest, noch nachdenklicher und niedergeschlagener als bisher.

Beweislage gegen den Vater ist beim verstorbenen Baby schwächer

Jetzt spricht der Staatsanwalt über den Fall des acht Wochen alten Jungen, der am 26. Juli 2010 in Breitenbach verstorben ist. In diesem Fall steht der Angeklagte wegen vorsätzlicher Tötung vor Gericht steht. «Es ist eindeutig, dass der 58-tägige Junge erstickt ist», sagt Raphael Stüdi. Dies könne nur durch eine Dritteinwirkung geschehen sein.

Die Beweislage gegen den Vater ist hier, wie sich zeigt, jedoch erheblich weniger stark als beim Mädchen, das knapp zwei Jahre später schwer verletzt wurde. Zum Todeszeitpunkt des Säuglings seien beide Elternteile in der Wohnung gewesen, so Staatsanwalt Stüdi. «In der Minute vor dem Tod des Kindes war der Verdächtige bei ihm, wie er früher erklärt hat.» Gegen das Baby sei stumpfe Gewalt in der Mundregion ausgeübt worden. «Der Vater wollte, dass das Kind aufhört zu schreien, weshalb er ihm den Mund zugedeckt hat.» Er habe seinen Sohn ruhig stellen wollen.

Zum Abschluss kommt Stüdi auf das Strafmass zu sprechen. Er fordert für den Vater insgesamt 16,5 Jahre für die vorsätzliche Tötung seines Sohnes sowie die versuchte vorsätzliche Tötung seiner Tochter. Der Angeklagte sei nicht geständig und zeige keine Reue.

«Für mich ist unverständlich, dass er nach dem Tod des Sohnes mit der Tochter sehenden Auges in die nächste Katastrophe geschlittert ist.»

Gleichzeitig habe er nicht «krass egoistisch gehandelt». Die aktuellen psychischen Probleme des Beschuldigten seien die Folge seines Handelns.

Sehschärfe der Tochter ist noch immer eingeschränkt

Nach dem Staatsanwalt ergreift Rechtsanwältin Ana Dettwiler das Wort. Sie ist die Verteidigerin des Mädchens, das im Jahr 2012 ein Schütteltrauma erlitt. Das Kleinkind sei in einem Alter von zwei Monaten aus ihrem Zuhause entfernt und in eine Pflegefamilie gekommen, berichtet ihre Anwältin. In den folgenden Jahren habe ihre Mutter sie nur in Begleitung besuchen dürfen. Mit sechs Jahren konnte das Mädchen die Pflegefamilie verlassen und zu ihrer Mutter zurück.

Dass der Beschuldigte der Täter sei, sei von der Staatsanwaltschaft zuvor stringent vorgetragen worden, findet Dettwiler. Ihre Mandantin sei damals «rücksichtslos und schwer geschüttelt worden». Dem von der Solothurner Staatsanwaltschaft geforderten Strafmass einer Freiheitsstrafe von 16,5 Jahren pflichte sie bei. Zudem stellt sie für ihre Klientin eine Teilgenugtuungsforderung von 30'000 Franken. So sei etwa die Sehschärfe des Mädchens aufgrund des Schütteltraumas noch immer beeinträchtigt.

Mit den Ausführungen der Verteidigerin der heute neun Jahre alten Tochter des Angeklagten endet der Vormittag. Nach der Mittagspause geht es mit dem Plädoyer von Eveline Roos, der Anwältin des Beschuldigten, weiter.

3. Verhandlungstag: Donnerstag, 29. April, Nachmittag

Schon vor dem Prozess und während der ersten beiden Verhandlungstage übte Eveline Roos harsche Kritik an der Arbeit der Solothurner Staatsanwaltschaft. Damit fährt die Verteidigerin des Angeklagten wenig überraschend am Nachmittag in ihrem Plädoyer fort.

Die Argumentation der Staatsanwaltschaft vom Vormittag sei ein «hilfloser Versuch, sich an eine Handvoll Indizien zu klammern». Letztlich sei es einfach viel Lärm um nichts.

«Die Staatsanwaltschaft hat es sich zum Ziel gesetzt, einen Schuldigen zu finden. Das Problem ist nur: Mein Klient ist unschuldig. Die Staatsanwaltschaft ist auf dem Holzweg.»

Eveline Roos betont, dass es sich beim Grundsatz «In Dubio Pro Reo» um eine sehr wichtige Errungenschaft handle. Wieso letztlich Anklage gegen ihren Mandanten erhoben wurde, könne sie nicht erklären. Es hätte gerade so gut seine Ex-Frau sein können, die heute vor Gericht steht. «Eigentlich haben die gesamten Untersuchungen ans Licht gebracht, dass mein Klient unschuldig ist.»

Verdeckte Ermittlerin täuschte Autopanne vor, um in Kontakt zu kommen

Der vorliegende Fall sei in zweierlei Hinsicht unfassbar: Einerseits weil zwei Kleinkinder involviert sind. Andererseits wegen der Ermittlungen der Solothurner Staatsanwaltschaft. «Die Strafuntersuchung ist höchst tendenziös geführt worden. Die verdeckten Ermittler drangen ins persönliche und familiäre Umfeld von Vater und Mutter ein.» Dabei hätten sie die intimsten Details über die Zielpersonen erfahren und darüber Bericht erstattet. Auch wurde die Wohnung der beiden verwanzt.

Jede beschuldigte Person habe das Recht, die Aussage zu verweigern. Durch den Einsatz der verdeckten Ermittler sei dieses Recht bei ihrem Klienten ausgehebelt worden, sagt Eveline Roos. Bei den Treffen mit dem Angeklagten seien die verdeckten Ermittler teilweise aggressiv aufgetreten mit dem Ziel, dem Angeklagten verdächtige Aussagen zu entlocken. «Das Mass der zulässigen Einwirkung wurde hier übertreten.» Die verdeckten Ermittlungen bei der Mutter seien noch «invasiver und perfider» gewesen. Da durch die verdeckten Ermittlungen das Recht, die Aussage zu verweigern, ausgehebelt worden sei, dürften diese bei der Beweisführung nicht verwendet werden.

Kritik übt Roos auch an der Arbeit der Rechtsmediziner. «In einem Strafverfahren kann man, wenn es um den Beweis der Schuld geht, nicht nach dem Ausschlussverfahren vorgehen.» Genau dies hätten die Gutachter jedoch getan. Beim Ableben des Babys aus dem Jahr 2010 bringt die Verteidigerin sogar andere Erklärungsansätze ins Spiel: Etwa habe der Junge zu Beginn bei den Eltern im Bett geschlafen. «Können wir ausschliessen, dass die damals stark übergewichtige Mutter einmal in der Nacht auf das Kind gefallen ist?» Aus den Einvernahmen ergebe sich nichts, was die Schuld ihres Mandanten beweise, und zwar trotz «invasiver, interrogativer und jahrelanger Ermittlungen».

Jetzt, im letzten Teil ihres Plädoyers, spricht Verteidigerin Eveline Roos über den Fall der schwer verletzten Tochter aus dem Jahr 2012. Die am Vormittag von Staatsanwalt Raphael Stüdi zitierten Aufnahmen aus der Wohnung des Paares würden nichts beweisen. Sie zeigten lediglich, dass die beiden Elternteile nicht wussten, was mit dem Mädchen passiert ist. Es reiche nicht, sich von der in einem Gespräch geäusserten Spekulation der Kindsmutter leiten zu lassen. Diese sagte einmal, es könne sein, dass der Kindsvater den Säugling geschüttelt habe. Sie wolle nicht darüber spekulieren, ob allenfalls die Mutter für die Verletzungen verantwortlich ist.

Verteidigerin fordert eine Genugtuung von 120'000 Franken

Zusammenfassend herrsche in beiden Fällen ein Beweisnotstand. «Die Solothurner Staatsanwaltschaft führt gegen meinen Klienten einen Indizienprozess.» Trotz unermüdlichem Ermittlungseifer hätten die Strafverfolgungsbehörden nichts Belastendes vorzuweisen. Verteidigerin Roos fordert zweimal für ihren Angeklagten einen Freispruch. Der Beschuldigte sei seit drei Jahren arbeitsunfähig, habe sich aus der Gesellschaft zurückgezogen und pflege nur noch Kontakt mit seiner Mutter.

«Das Leben meines Mandanten ist in Scherben. Er ist ein gebrochener Mann.»

Deshalb fordert sie für ihn eine Genugtuung von 120'000 Franken.

Auf die Richter des Richteramts Dorneck-Thierstein prasselten in den drei Prozesstagen die unterschiedlichsten Informationen ein. Der Angeklagte selber schwieg zu den Taten, und verzichtete am Schluss der Verhandlungen auch auf letztes Wort. Das Dreiergericht unter dem Vorsitz von Georgia Marcionelli Gysin wird sich beraten und am 6. Mai um 14 Uhr das Urteil in den Räumlichkeiten des Richteramts in Dornach verkünden. Die Medien können der Urteilsverkündung über eine Videoschaltung beiwohnen.

2. Verhandlungstag: Mittwoch, 28. April, Vormittag

Nach den Befragungen der sechs verdeckten Ermittler am ersten Prozesstag werden am Mittwoch die beiden Grossmütter des verstorbenen Kindes in den Zeugenstand gerufen. Es wird spannend zu sehen sein, ob ihre Aussagen zur Aufklärung der damaligen Ereignisse in Breitenbach und Röschenz beitragen können. Ebenso muss der während der Verhandlung vom Dienstag geistesabwesend wirkende Beschuldigte über die Verbrechen sprechen, die ihm vorgeworfen werden.

Bevor es im Obergerichtssaal in Solothurn losgehen kann, wird der Dienstag erst einmal Revue passiert. Wirklich aufschlussreich waren die Schilderungen der verdeckten Ermittler nicht. In vielen Fällen antworteten sie ausweichend auf die Fragen der Gerichtspräsidentin Georgia Marcionelli Gysin und der Verteidigerin Eveline Roos. Belastendes über den Vater konnten sie während ihrer Ermittlungen nicht zu Tage fördern. Die Videoschaltung, bei der sich die Vermittler hinter einer Glasscheibe befanden und mit verzerrter Stimme sprachen, gab zudem ein ziemlich kurioses Bild ab.

Verteidigerin Roos bezeichnet die Befragung der verdeckten Ermittler als «Farce». Es habe stark den Anschein gemacht, dass sich die sechs Personen vor ihren Aussagen abgesprochen hätten. Die Anwältin des Angeklagten stellt erneut den Antrag, bei den verdeckten Ermittlern die Anonymität aufzuheben. Das Gericht lehnt den Antrag erneut ab.

Mutter und Ex-Schwiegermutter des Verdächtigen sagen aus

Im Anschluss an dieses Vorgeplänkel wird die Mutter des Angeklagten in den Zeugenstand gerufen. Sie erklärt, dass sie nicht sagen könne, wer für den Tod des Jungen und für die schweren Verletzungen des Mädchens verantwortlich sei. Sie könne sich vorstellen, dass die Kinder von der Mutter geschüttelt worden seien. «Meine Meinung über meine frühere Schwiegertochter hat sich grundlegend verändert. Vielleicht war ich ein zu lieber Trottel.» Konkreter wird sie hier nicht. Überfordert sei die Kindsmutter mit ihren Kindern nicht gewesen. «Sie war eine gute Mutter.»

Belastende Aussagen gegenüber ihrem Sohn macht sie keine. «Mein Sohn ist ruhig. Ausraster habe ich nie erlebt.» Sie liest einen Tagebucheintrag eines Tages vor, an dem ihre Enkelin in ihrer Obhut war. Als sie ihr Grosskind damals bei den Eltern abholte, habe ihr Sohn seine Tochter «liebevoll in den Kinderwagen gebettet». Verdächtiges lässt sich im gesamten Tagebucheintrag nicht finden.

Sie traue ihrem Sohn nicht zu, dass er seinen Kindern etwas antun könne.

«Niemals würde er das machen. Er arbeitete den ganzen Tag. Abends kam er nach Hause und freute sich auf seine Kinder.»

Ihr Sohn sei «ruhig, freundlich und liebenswert» gewesen. Heutzutage gehe es ihm sehr schlecht. «Er hat keinen Kontakt mehr mit der Menschheit - nur noch mit mir.» Das sei nicht erstaunlich, nach all den Dingen, die er erlebt hat. Sie ringt mit den Tränen. Der Beschuldigte habe keinen Kontakt zu seiner Tochter. Auch sie habe ihre Enkelin seit acht Jahren nicht mehr gesehen.

Nun sagt die andere Grossmutter des verstorbenen Babys aus. Die damalige Schwiegermutter des Angeklagten erzählt, dass es ihr heute gut gehe. Für sie sei unerklärlich, was damals geschah. Aufgrund der Verletzungen der Kinder sagt sie jedoch: «Jemand muss es gewesen sein.» Ihre Tochter habe ihr damals versichert, nicht für die Verletzungen verantwortlich zu sein. Ihren früheren Schwiegersohn habe sie im Umgang mit den Kindern «ganz normal» erlebt.

Gutachter: Tod durch Ersticken sei am wahrscheinlichsten

Der Sachverständige Dr. Daniel Wyler tritt in den Zeugenstand. Dieser hatte im Jahr 2016 im Auftrag der Solothurner Staatsanwaltschaft ein medizinisches Gutachten über den Tod des Babys in Breitenbach verfasst. Das Ersticken, das in der Anklageschrift als Todesursache beschrieben wird, sei zwar nicht sichtbar. «Aber ich sehe keinen anderen Grund.» Dieser Grund für das Ableben sei am wahrscheinlichsten.

Aufgrund der Rippenbrüche, die beim verstorbenen Kleinkind festgestellt wurden, sei es plausibel, dass es geschüttelt wurde. Es gebe eine Diskrepanz zwischen den Brüchen, weshalb diese wohl zu unterschiedlichen Zeitpunkten auftauchten. Grundsätzlich habe es sich beim Baby um einen gesunden Säugling gehandelt.

«Ein plötzlicher Kindstod kann ausgeschlossen werden.»

Bei seinen Einschätzungen, so stellt Wyler klar, handle es sich um Hypothesen.

Im Fall des acht Wochen alten Mädchens sei es möglich gewesen, ihm nur durch wenige Sekunden langes Schütteln schwere Verletzungen beizufügen. Ein Gutachten zu diesem Fall hat Daniel Wyler jedoch nicht erstellt. Die Solothurner Staatsanwaltschaft wirft dem Beschuldigten vor, seine Tochter in Röschenz vorsätzlich heftig geschüttelt zu haben. Wegen der Verletzungen musste das Kleinkind «zweimal neurochirurgisch operiert werden. Sie befand sich während 35 Tagen beim Universitäts-Kinderspital beider Basel in Spitalpflege», heisst es in der Anklageschrift. Seit den Ereignissen habe sie halbjährlich bei der Augenarztpraxis am Marktplatz untersucht zu werden.

Beschuldigter verweigert die Aussage am Nachmittag

Mit der Befragung des Sachverständigen endet der heutige Prozesstag abrupt. Die für den Nachmittag geplante Befragung des Beschuldigten muss ausfallen. Der Vater ist nicht bereit, auszusagen.

«Mein Mandant ist nicht in der Lage, Aussagen zu machen. Er leidet unter einer posttraumatischen Belastungsstörung»,

sagt seine Verteidigerin Eveline Roos. «Er macht von seinem Recht Gebrauch, die Aussage zu verweigern.» Bei früheren Befragungen habe er immer gesagt, nichts getan zu haben und unschuldig zu sein. Ebenso habe ihr Klient das Vertrauen in die Justiz und den Rechtsstaat völlig verloren.

Das Gericht akzeptiert den Entscheid des Angeklagten, nicht auszusagen. Damit geht es morgen Vormittag mit den Plädoyers der Solothurner Staatsanwaltschaft und der Verteidigerin des Beschuldigten weiter.

Der Fernsehsender TeleM1 fragte nach, warum der Vater keine Aussagen mehr machen wollte.

TeleM1

1. Verhandlungstag: Dienstag, 27. April, Vormittag

Die Geschehnisse liegen ein Jahrzehnt zurück, machen aber noch immer betroffen. In diesen Tagen soll ans Tageslicht kommen, was damals in Breitenbach und zwei Jahre später in Röschenz passiert ist. Einem heute 34-Jährigen wird vorgeworfen, seinen acht Wochen alten Sohn erstickt zu haben. Als er wieder Vater wurde, soll er seine kleine Tochter so heftig geschüttelt haben, dass sich das Mädchen schwer verletzte.

Ab Dienstag steht der Beschuldigte vor dem Richteramt Dorneck-Thierstein. Da es die Platzverhältnisse in Dornach nicht erlauben, findet der Prozess am Obergericht in Solothurn statt. Das Medieninteresse an den Verhandlungen, die bis und mit Donnerstag dauern, ist gross. Die Anklage der Solothurner Staatsanwaltschaft lautet im Fall des verstorbenen Babys auf vorsätzliche Tötung. Der Vater soll am 26. Juli 2010 in Breitenbach seinem im Laufgitter liegenden Sohn mit einem «unbekannten Gegenstand die äusseren Atemwege» bedeckt haben, so dass das Kleinkind erstickte.

Im Frühling des Jahres 2012 wurden Vater und Mutter des verstorbenen Jungen erneut Eltern eines gemeinsamen Kindes. Mittlerweile in Röschenz wohnhaft, habe der Vater seine ebenfalls acht Wochen alte Tochter vorsätzlich heftig geschüttelt, «so dass der Kopf der Geschädigten mehrmals mit hoher Energie vor- und zurückgeschleudert wurde», wie es in der Anklageschrift heisst.

«Die Geschädigte erlitt durch die verursachten Schütteltraumata mindestens zweimal Subduralblutungen und Netzhautblutungen in beiden Augen.»

Als Folge davon habe sich die Fontanelle gespannt und der Kopfumfang erheblich vergrössert. «Ausserdem entwickelte sich die Sehschärfe verzögert.» Dem Beschuldigten sei das hohe Risiko tödlicher Folgen bekannt gewesen. «Nach den Übergriffen unterliess es der Beschuldigte, die Geschädigte fachärztlich untersuchen zu lassen.» In Fall seiner Tochter muss sich der Vater wegen mehrfacher versuchter vorsätzlicher Tötung verantworten. Ein Dreiergericht unter dem Vorsitz von Georgia Marcionelli Gysin wird den Fall beurteilen.

Verteidigerin übt harsche Kritik an den verdeckten Ermittlungen

Der Fall hatte im Vorfeld für Aufsehen und Kritik gesorgt, da bei den Untersuchungen sechs verdeckte Ermittler eingesetzt wurden. Diese schleusten sich ins Leben der Eltern ein und gaben sich teilweise als vermeintlich neue Freunde aus. Im Jahr 2016 erklärte das Solothurner Obergericht die verdeckten Ermittlungen für unzulässig. Das Bundesgericht beurteilte dies anders: Der Verdacht auf «massive Kindsmisshandlungen» hätte die Observationen gerechtfertigt.

Am ersten Tag des Prozesses steht die Befragung der sechs verdeckten Ermittler auf dem Programm. «Diese Personen werden mit verzerrter Stimme und hinter einer Glasscheibe via Video zugeschaltet», erklärt Gerichtspräsidentin Marcionelli Gysin. Von Anfang an nimmt der Beschuldigte, für den die Unschuldsvermutung gilt, die Verhandlung teilnahmslos zur Kenntnis. Die Frage der Gerichtspräsidentin, ob er den Inhalt der Anklageschrift verstanden habe, muss seine Verteidigerin Eveline Roos bejahend für ihn beantworten.

Verteidigerin Roos übt massive Kritik an den Undercover-Ermittlungen, die sie als «invasiv und perfid» bezeichnet. Ihr Antrag, dass bei den verdeckten Ermittlern die Anonymität während der Verhandlung aufgehoben werden soll, lehnt Gerichtspräsidentin Marcionelli Gysin ab.

«Die verdeckten Ermittler stehen andernorts noch immer im Einsatz, weshalb ihnen die Anonymität zugesichert werden muss»,

begründet sie ihren Entscheid. Zum Schutz dieser Personen sei es nicht möglich, deren Identität preiszugeben.

Auch der Basler Anwalt Christian von Wartburg, der den neuen Lebenspartner der Mutter vertritt, kritisiert die Methoden der Ermittlungsbehörden. «Mein Mandant war auch von den verdeckten Ermittlungen betroffen und hat sie als schrecklich empfunden.» Die Mutter wiederum wird nicht als Zeugin befragt, da sie aufgrund eines Arztzeugnisses vom Prozess dispensiert wurde.

TeleM1 fragt nach, warum die Verteidigung findet, dass die verdeckten Ermittlungen zu weit gingen.

TeleM1

Die verdeckten Ermittlungen dauerten eineinhalb Jahre

Bevor die sechs Personen einzeln befragt werden, gibt Urs Schaufelberger, der die verdeckten Ermittlungen koordinierte, Auskunft über die Arbeit der Ermittler. Er erklärt, dass die verdeckten Ermittler bei ihrem Einsatz keine Aufnahmen erstellen oder Notizen machen durften. Ihre anschliessenden Aussagen über die Treffen mit Vater und Mutter machten die verdeckten Ermittler lediglich aus der Erinnerung heraus.

Die verdeckten Ermittlungen dauerten gemäss Schaufelberger insgesamt eineinhalb Jahre lang. Die verdeckten Ermittler hätten bei ihren Einsätzen nicht von sich aus die mutmasslichen Taten ansprechen dürfen. Wegen technischer Probleme konnte mit der Befragung der verdeckten Ermittler am Vormittag noch nicht begonnen werden. Nach der Mittagspause sollen die Probleme gelöst sein.

1. Verhandlungstag: Dienstag, 27. April, Nachmittag

Nach der Mittagspause sind die technischen Probleme behoben und die verzerrten Stimmen der verdeckten Ermittler gut zu verstehen. Die Befragung dieser Personen wirkt surreal: Zugeschaltet sprechen sie hinter einer Glasscheibe mit Roboterstimme nüchtern über ihre Einsätze.

Wo sich die verdeckten Ermittler befinden, ist unklar. Am Montag haben sich die Gerichtspräsidentin und die Amtsgerichtsschreiberin bereits mit den verdeckten Ermittlern zur Feststellung der Identität der Ermittler getroffen. Alle verdeckten Ermittler treten unter dem Vornamen auf, mit dem sie sich damals Mutter und Vater vorgestellt haben. Ebenfalls trägt jeder verdeckte Ermittler und jede verdeckte Ermittlerin eine Kombination aus Buchstaben und Zahlen, etwa: VEA 2080.

Als erster verdeckter Ermittler wird «Andy» befragt. Er ist einer von drei Personen, die sich von März 2014 bis April 2015 ins Leben der Mutter und ihres neuen Lebensgefährten einschlichen und in dieser Zeit zu engen Freunden wurden. Dasselbe gilt auch die folgenden zwei verdeckten Ermittler: «Sophie» und «Sandra».

«Andy» erzählt, dass die Mutter des verstorbenen Babys in den Gesprächen sehr offen gewesen sei und auch aus dem Tod ihres Kindes keinen Hehl gemacht habe. Bei seiner Arbeit als verdeckter Ermittler, die er seit mehreren Jahren ausübe, sei eine solche Offenheit selten. Während der gesamten Ermittlungen habe die Mutter nie jemanden namentlich beschuldigt, für den Tod ihres Sohnes verantwortlich zu sein. Der Auftrag der verdeckten Ermittlung sei gewesen, den Tod des Knaben und die schweren Verletzungen des Mädchens aufzuklären.

Auftrag der verdeckten Ermittler: Vertrauen gewinnen

Als zweites spricht «Sophie» über ihre Arbeit. Auf die Frage von Staatsanwalt Raphael Stüdi, welche Instruktionen sie zur Gesprächsführung erhalten habe, sagt die Deutsche: «In der ersten Instruktion ging es um den Sohn, in der zweiten um die Tochter. Wir durften jedoch keinen Druck und keinen Zwang ausüben.» Angeordnet wurden die verdeckten Ermittlungen von der Solothurner Staatsanwaltschaft, ausgeführt vom Bundesamt für Polizei Fedpol.

Verteidigerin Eveline Roos liest «Sophie» einige SMS vor, die diese an die Mutter geschickt hat, etwa: «Es tut mir einfach weh, wenn es dir so schlecht geht. Aber das ist normal in einer Freundschaft. Freunde sind füreinander da.» Die verdeckte Ermittlerin sagt, dass ihr Auftrag gewesen sei, das Vertrauen der Mutter zu gewinnen.

Auch «Sandra» arbeitete als Undercover-Ermittlerin, um die mutmasslichen Verbrechen in Breitenbach und Röschenz aufzuklären. Ihre Auftraggeberin sei die Solothurner Staatsanwaltschaft gewesen, berichtet sie. Gerichtspräsidentin Marcionelli Gysin befragt sie nach den wichtigsten Ergebnissen ihrer Ermittlungen.

«Die Mutter konnte nicht ausschliessen, dass der Vater die Taten, die ihm vorgeworfen werden, begangen hat. Sie sagte mir, dass er zwei Gesichter habe und wütend werden könne.»

Es liege nicht an ihr, zu beurteilen, wer für den Tod des Jungen und die schweren Verletzungen des Mädchens verantwortlich sei. «Sandra» sagt: «Mein Auftrag war es, belastende und entlastende Fakten zu finden.»

«Zu Beginn hatte ich Verfolgungswahn»

Nach dem Abschluss der Befragungen der drei verdeckten Ermittler schildert der neue Lebenspartner der Mutter das Erlebte. Er ist verfahrensbeteiligter Dritter, der Schadensersatz für die verdeckten Ermittlungen verlangt. «Am meisten hat mich gestört, dass man uns hinter das Licht geführt hat.» Seither meide er neue Beziehungen, und es gebe nur noch sehr wenige Leute in seinem Umfeld, denen er vertraue. «Zu Beginn hatte ich Verfolgungswahn.» Heute sei es nicht mehr so schlimm wie damals.

Ihr neuer Lebensgefährte erzählt, dass seine Frau bis heute nicht wisse, was damals in Breitenbach und später in Röschenz passiert ist. Sein Anwalt Christian von Wartburg sagt: «Die verdeckten Ermittlungen nahmen ein Ausmass an, das nicht mehr verhältnismässig ist.» So sehr er die Absicht, den Fall aufzuklären, stütze: «Dieser Weg war der falsche. Er führte zu Kollateralschäden.»

Wenn sich vermeintlich enge Freunde als kaltherzige Polizisten entpuppten, sei dies äusserst traumatisierend. «Das ist erlebter Verrat.» Gehe man so mit Menschen um, zerstöre man auch ihr Vertrauen in den Rechtsstaat und die Institutionen, findet von Wartburg. Die Emotionslosigkeit, mit der die verdeckten Ermittler sprachen, habe ihn erstaunt.

Der Angeklagte gab kaum etwas von sich preis

Zum Abschluss des ersten Prozesstages werden die verbliebenen drei verdeckten Ermittler einvernommen. Ihr Auftrag war es, das Vertrauen des Vaters zu gewinnen. Sie bewegten sich von Oktober 2014 bis April 2015 in seinem Umfeld.

Der erste Undercover-Ermittler «Marcel» kann die Persönlichkeit des Angeklagten nur wie folgt beschreiben: «Er ist zurückhaltend.» Über die Kinder des mutmasslichen Täters hätten die beiden kaum miteinander gesprochen. Auch als der frühere Bekannte über ihn spricht, reagiert der Beschuldigte kaum und wirkt ähnlich geistesabwesend wie während der gesamten Verhandlung.

Gerichtspräsidentin Marcionelli Gysin fragt «Esther», die nächste verdeckte Ermittlerin, nach entlastenden und belastenden Beweisen über den Vater. Sie könne dies kaum beantworten, sagt diese.

«Wir haben nur sehr wenig über persönliche Angelegenheiten gesprochen.»

Verteidigerin Eveline Roos will wissen, ob sich die Zeuginnen und Zeugen vor dem Prozess abgesprochen hätten, da ihrer Ansicht nach die Antworten vieler verdeckten Ermittler ähnlich daher kommen: «Esther» antwortet: «Definitiv nicht.»

Beim letzten verdeckten Ermittler handelt es sich um «Roberto». «Die Zeitdauer, in der ich auf den Beschuldigten angesetzt war, war relativ kurz», sagt er. Der Vater des verstorbenen Babys habe sich zwar teilweise widersprochen. Belastende Fakten habe der verdeckte Ermittler jedoch keine finden können. Hingegen sagte er einmal, dass er beim Tod seines Sohnes «nichts getan habe».

Zusammengefasst brachten die Aussagen dieser drei verdeckten Ermittler kaum Ergiebiges. Der Angeklagte hatte während den Gesprächen mit diesen Personen kaum etwas von sich preis gegeben. Zudem belastete er sich selber nicht.

Mit der Einvernahme des letzten Undercover-Ermittlers endet der erste Prozesstag in Solothurn. Morgen Mittwoch geht es mit der Befragung der beiden Grossmütter des verstorbenen Kleinkindes und des Beschuldigten weiter.