«Fall Nathalie»
Vater soll Tochter missbraucht haben: Hunderte bezahlen die Anwaltskosten

Für die Betroffenen im «Fall Nathalie» wird Geld gesammelt. Das Schicksal des Mädchens lässt viele nicht kalt. Hunderte wollen helfen.

Dimitri Hofer
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Auf der schweizerischen Crowdfunding-Plattform Wemakeit wird Geld für Nathalie und ihre Mutter gesammelt.

Auf der schweizerischen Crowdfunding-Plattform Wemakeit wird Geld für Nathalie und ihre Mutter gesammelt.

Screenshot wemakeit.com

Der Fall eines achtjährigen Mädchens aus Dornach machte schweizweit Schlagzeilen. Das Kind soll gemäss eigenen Schilderungen von seinem Vater sexuell missbraucht worden sein. Es besteht der Verdacht, dass die Behörden nicht ausreichend gehandelt haben. Im vergangenen Frühling berichteten mehrere Medien, darunter diese Zeitung, über die Geschehnisse. Auf die alleinerziehende Mutter des Mädchens kommen hohe Kosten zu. Um sie zu unterstützen, wird jetzt im Internet Geld gesammelt.

Auf der schweizerischen Crowdfunding-Plattform Wemakeit läuft seit sechs Wochen eine Spendenaktion für die beiden. Da das Mädchen in einigen Zeitungsberichten als Nathalie bezeichnet worden war, trägt die Geldsammlung den Titel «Hilfe für Nathalie». Stand gestern wurden von 348 Unterstützerinnen und Unterstützern knapp 60'000 Franken gespendet. Das Crowdfunding läuft noch bis Sonntag. Das ins Auge gefasste Ziel von 94'000 Franken werden die Organisatoren dabei kaum erreichen können.

Die Initianten sind über den Fall «erschüttert»

Auf der Plattform schreiben die Initiatoren, weshalb sie die Spendenaktion für das Mädchen und seine Mutter ins Leben gerufen haben: «Wir sammeln für sie, damit sie die hohen Anwalts-, Gerichts- und Therapiekosten tragen können.» Hinter der Aktion steht die Gruppe «Hilfe für Nathalie» sowie der im letzten Sommer aufgrund der Geschehnisse gegründete Arlesheimer Verein «Gemeinsam gegen Kindsmissbrauch». «Wir sind erschüttert über diesen Fall und wollen Nathalie und ihrer Mutter helfen, damit sie die Möglichkeit auf eine faire juristische Aufklärung des Falls haben!»

Die Mutter lebt unter dem Existenzminimum. Der Alltag mit einem schwer traumatisierten Kind ist sehr herausfordernd.  

(Quelle: Rahel Flückiger, Organisatorin Crowdfunding)

Der Mutter des Mädchens stehen lange juristische Auseinandersetzungen bevor: «Sie klagt gegen den mutmasslichen Täter, gegen die KESB Dorneck-Thierstein sowie gegen die Solothurner Staatsanwaltschaft», sagt Rahel Flückiger, welche das Crowdfunding betreut.

Die Arlesheimerin kennt Mutter und Tochter. «Die Mutter lebt unter dem Existenzminimum», sagt Flückiger. Der Alltag mit einem schwer traumatisierten Kind sei für die Mutter sehr herausfordernd.

Viele verzichten auf eine Spenden-Belohnung

Die Verantwortlichen des Crowdfundings beziffern die jährlichen Kosten der Mutter für Anwalt, juristische Beratung und Gericht auf 64'000 Franken, die Therapiekosten auf 15'200 Franken sowie die Betreuungskosten auf 2'400 Franken. «An Wemakeit müssen wir wiederum zehn Prozent der Einnahmen als Provision abgeben», erklärt Flückiger.

Sie gehört mit einer Handvoll Mitstreitern aus Arlesheim und Umgebung der Gruppe «Hilfe für Nathalie» an. Gemeinsam stellen sie die Belohnungen her, welche die Unterstützer für geringere Spende erhalten können. Dazu gehören Bienenwachstücher, Kernseifen und Dankeschön-Karten. Ein Grossteil der Unterstützenden verzichtet bei der Spende jedoch auf eine solche Belohnung.

Dass bis zum Sonntag noch mehr als 30'000 Franken zusammenkommen werden, ist unwahrscheinlich. Ob das fehlende Geld auch noch gesammelt wird, ist noch nicht klar. «Vielleicht rufen wir anschliessend eine zweite Spendenaktion ins Leben», sagt Rahel Flückiger. Je stärker man die Mutter und das Mädchen unterstützen könne, desto besser.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen den Vater

Während die Spendensammlung auf Wemakeit in die Endphase geht, laufen die Ermittlungen der Solothurner Staatsanwaltschaft weiter. «Im vorliegenden Fall kann die Staatsanwaltschaft bestätigen, dass gegen den Vater des Kindes eine Strafuntersuchung läuft und sich der Beschuldigte aktuell nicht in Haft befindet», schreibt Andrea Thomann, Medienbeauftragte der Staatsanwaltschaft auf Anfrage. Im vergangenen Mai hatte beim Vater, für den die Unschuldsvermutung gilt, eine Hausdurchsuchung stattgefunden. Ob und wann Anklage erhoben wird, ist zurzeit ungewiss.