Les Museiques
Verführende Musik und ihre Theorie

Ein «Galaabend: Hommage à Mozart» sollte es am Samstag in der Fondation Beyeler werden, doch es wurde ein ganz normales Konzert mit einem leicht kuriosen Programm.

Nikolaus Cybinski
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Ein «Galaabend: Hommage à Mozart» sollte es am Samstag in der Fondation Beyeler werden, doch es wurde ein ganz normales Konzert mit einem leicht kuriosen Programm. Denn zwischen Mozarts C-Dur Konzert für Flöte, Harfe und Orchester und Arnold Schönbergs «Verklärte Nacht» in der Orchesterfassung von 1917 hatte «Les muséiques», dessen «Notturno» für Solovioline, Soloharfe und Streicher gesetzt, gefolgt von Mozarts «Scena con Rondo» für Sopran, Solovioline und Orchester und der Bassarie «Per questa bella mano» für Kontrabass und Orchester, eines jener Disparata aus seinem letzten Lebensjahr.

Was diese Programmabfolge thematisch bezweckte, blieb unklar, und der Verdacht, kurz vor Toresschluss noch ein paar befreundete Solisten zu beschäftigen, ist möglicherweise nicht von der Hand zu weisen. Darum seien sie hier wenigstens namentlich genannt: Bénédicte Tauran, Sopran, Michael Leibundgut, Bass, Frédéric Angleraux, Violine und Renger Woelderink, Kontrabass. Entscheidend in dieser «Gala» waren Beginn und Ende: Graziella Contratto, die das Stuttgarter Kammerorchester dirigierte, legte grossen Wert darauf, Mozarts populäres Konzert als ernst zu nehmende Musik erklingen zu lassen, und dass das überzeugend gelang, war vor allem dem sensibel blasenden Flötisten Gergely Bodoky zu verdanken. Und die «Verklärte Nacht» erklang als das gärende Melodram, als das Schönberg es in seiner Begeisterung für Richard Demels schwülstig-pathetisches Gedicht dieses Titels 1899 komponierte.

Vortrag im Antikenmuseum

Sonntagsmatinee im Antikenmuseum: Können wir über Musik sprechen? Und wenn ja, welches Sprechen ist ihr gemäss? Die beiden Fragen beantwortete der Musikwissenschaftler Markus Bandur in seinem Vortrag «Vom Hören und Sprechen über Musik.» Das Thema ereignet sich, so Bandur, im Spannungsfeld zweier Pole: Zum einen meinen wir Hörer, die Wörtersprache sei zu ungenau, um das Wesen der Musik restlos zu erfassen, denn Sprache als rationales und meist funktional gebrauchtes Konstrukt «entzaubert», wie der Soziologe Max Weber befand. Zum andern wissen wir Hörer, dass Musik Macht hat, uns in ihren Bann zu schlagen, zu verführen und zu manipulieren. Musik, so Bandur, wird heute öffentlich gezielt «als Droge» eingesetzt, um zum Beispiel unser Kaufverhalten, aber auch unseren Biorhythmus zu verändern.

Wie es dazu kam, erläuterte Bandur in einem historischen Rückblick. Für die alte europäische Musik war die Sprache das Leitmedium, und Musik diente der Unterhaltung. Noch die diversen Satzbezeichnungen wie «Suite» oder «Gavotte» weisen auf den Gebrauchscharakter der Musik hin, denn sie spiegeln den dramaturgischen Ablauf zum Beispiel von höfischen, später auch bürgerlichen Festen. Die Ablösung dieses Musikverständnisses setzte Mitte des 18. Jahrhunderts ein und wurde in der Romantik, zum Beispiel von E.T.A. Hoffmann, stilbildend ausformuliert. Die Musik, die jetzt bis in den Beginn des 20. Jahrhunderts komponiert wird, ist nach den Worten Hans Heinrich Eggebrechts «Musik ohne Beiwörter» wie zum Beispiel alt, neu, modern.

In dieser Zeit löst sich die Musik von der Sprache als ihrem Bezugssystem und wird als nun «absolute» als Medium für das Unsagbare neu begründet und zugleich in einem «Reich des Jenseitigen» (Bandur) ihrem rationalen Verstehen entzogen. Musik wird «Ausdruck der Dynamik der Gefühle», wird, wie es bei Richard Wagner geschieht, zum Medium, in dem unerlöstes Sehnen in neoreligiöse Erlösung verwandelt wird.

Gegen diese Art von «Musikreligion» rebellierten die ernst zu nehmenden Komponisten des vorigen Jahrhunderts. Dass ihrem Kampf nur Teilerfolge beschieden sind, hat mit unseren überkommenen, lieb gewordenen und immer noch dominanten Hörgewohnheiten zu tun. «Denn Ruhe gibt es erst zum Schluss» verkündet «Les muséiques». Hoffentlich nicht, denn käme es dazu, wäre das die Ruhe eines tönenden Friedhofs.