Landzunge und Stadtmund
Vergessene Helden

Eva Oberli
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Symbolbild

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Foto: Colin Frei / Aargauer Zeit

Ich habe meine Kindheit in einem Jahrzehnt erlebt, in dem sich die ganze Welt darauf geeinigt zu haben scheint, Spinat sei ekelhaft. Angefangen bei grell kolorierten Cartoons im Fernsehen, über erste Lesebücher bis hin zur Gute-Nacht-Geschichte im Radio – alle machten sich mehr oder weniger geistreich über das Blattgemüse lustig. Und ein paar Jahre später, Spinat – das zum Strauss arrangierte Präsent, welches die junge Frau von ihrer Tante zur ersten Monatsblutung bekommt. Na, wegen des Eisens, versteht ihr?

Und heute? Heute sind jegliche Lifestyle-Magazine, Eltern-Foren und Feinschmeckerblättchen plötzlich ganz verrückt nach dem grünen Fuchsschwanzgewächs. Was für eine tolle Nährstoffquelle der Spinat doch ist! Voller Vitamine, Mineralien und Ballaststoffe. Und was man damit alles machen kann! Ravioli, Sommersalate, Pasta und Green Smoothies! Dazu ist es ein saisonal-regionales Produkt, CO2-neutral und lässt sich super auf dem eigenen Balkon ziehen – auch von den weniger grün Bedaumten. Vom degradierten Unhold zum gefeierten Superfood: Ich als Spinat würde mir ja schon ein wenig verarscht vorkommen.

Aber nicht nur der Spinat erlebt durch die Back-to-roots-Bewegung ein glorreiches Revival. Sämtliche Nahrungsmittel und Aktivitäten, die noch vor wenigen Jahren verschmäht wurden, weil zu wenig aufregend oder zu wenig exotisch, wirken jetzt erdend. Statt Pad Thai essen wir jetzt Dinkelkernotto, anstelle von Multifruchtsaft mit sonnengereifter Lilikoi aus Hawaii trinken wir naturtrüben Apfelsaft aus Thurgauer Fallobst. Und wozu denn nach Lanzarote in die Ferien fliegen, wenn wir stattdessen wie eine Schar wildgewordener Stockenten durchs Mittlere Schattengiebelegg-Täli pilgern können? Das erdet dann nochmal speziell, weil heute aus Gründen der Fotogenität vorzugsweise auf festes Schuhwerk verzichtet wird. Aber so ein aufgeschlagenes Knie erinnert uns ja auch nur an die eigene Verletzlichkeit, daran, dass wir eben keine Roboter sind. Und geradezu rustikal finden wir es, eine Platzwunde nach Naturburschenart mit Spitzwegerich, Spucke und einem Stofftaschentuch zu verarzten.

Hinzu kommt die Umbenennung dieser neuerdings erdenden Tätigkeiten. Ich kann heute nicht mehr sagen, ich war im Wald spazieren. Nein, ich war waldbaden – so viel terminologische Trennschärfe muss sein. Schliesslich gibt mir ein Waldbad ja so viel mehr als ein Waldspaziergang. Da höre ich das Zwitschern der Vögel, das Rauschen des Windes in den Baumwipfeln, das Laub unter meinen Sohlen, rieche das Moos und diverse tierische Exkremente. Was für ein Wohlgenuss! Zur Not kann ich zum Schluss auch noch einen Baum umarmen, damit ich meine tiefgreifende Verbindung zu Mutter Natur auch wirklich spüre.

Ernsthaft? Schätzt die unsere Natur, auf jeden Fall! Aber bitte – passt auf, dass ihr trotz der Bäume den Wald auch noch seht.

Eva Overli ist Schülerin am Gymnasium in Muttenz und wohnt auf einem Bauernhof in Niederdorf.