Reinach
Verlängerte Werkbank der Bahnbauer

Die Reinacher Bacher AG fertigt aus Blech Inneneinrichtungen für Bahnwaggons und Trams. Die Baselbieter bedienen dabei die Champions-League der Bahnbauer.

Daniel Haller
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Blick in die Fabrikhalle

Blick in die Fabrikhalle

Limmattaler Zeitung

Als der TGV 2007 mit 574,8 km/h einen neuen Geschwindigkeitsweltrekord für Züge aufstellte, hatte er 186 verschiedene Bauteile an Bord, welche die Bacher AG in Reinach (BL) gefertigt hatte. Und wer täglich im Zug oder im Zürcher Cobra-Tram zur Arbeit fährt, kommt unweigerlich mit Bacher-Produkten in Kontakt: Der auf Feinblech-Bearbeitung spezialisierte Betrieb macht vier Fünftel seines Umsatzes im Schienenfahrzeugbau und zählt die vier grossen Eisenbahnbauer Europas – Bombardier, Stadler Rail, Alstom und Siemens – zu seinen Stammkunden.

Konstrukteur und Systemlieferant

Dabei fertigt er nicht nur Deckensysteme mit integrierten Kabel-
und Lüftungskanälen, eingebauten Leuchten, Lautsprechern und Kameras sowie Sitzkisten, Gepäckablagen, Batteriekästen und Abfallbehälter, sondern entwickelt ganze Einrichtungen: «Der Kunde kann uns die dreidimensionalen Daten eines leeren Wagenkastens liefern. Wir modellieren dann am Bildschirm die in Alu-, Stahl- oder Edelstahlblech gefertigte Inneneinrichtung mit allen Details hinein», erklärt Geschäftsleiter Bruno Grob.

Bacher AG in Zahlen

Mit 150 Mitarbeitenden erzielte die Bacher AG 2009 auf 8300 Quadratmetern Fabrikations- und Montagefläche und 3,2 Millionen Franken Aktienkapital einen Umsatz von 31 Millionen Franken. Auf vier Anlagen produziert Bacher in drei Schichten rund um die Uhr, im Rest des Werks wird in zwei Schichten gearbeitet. Dabei werden jährlich je 700 Tonnen Stahl und Edelstahl sowie 500 Tonnen Aluminium verarbeitet.

Neben Innenausbauten für Schienenfahrzeuge stellt Bacher vor allem Gehäuse für Billettautomaten, Parkhaus-Stationen und Verkleidungen für Kaffeemaschinen, aber auch Schalen für einen Medizintechnik-Konzern her. (dh)

Das Bacher-Konstruktionsteam verfüge über 170 Mannjahre Erfahrung im Schienenfahrzeugbau, betont Grob. Hinzu komme, dass Bacher als einziger Schweizer Zulieferer neben drei weiteren auch über das IRIS-Zertifikat (International Railway Industry Standard) verfüge. So wird die Reinacher Firma auch Aufträge für den Bau der 59 neuen Intercity-Züge übernehmen können, welche die SBB bei Bombardier bestellt haben.

Montagefertige Module

Bombardier spielte in der Firmengeschichte eine wichtige Rolle: Als Grob die Firma 1988 mit einem Partner kaufte, war sie vor allem im Gewächshausbau tätig. Ab 1995 konnte Bacher Lüftungskanäle für Schindler-Waggons liefern. Als dann 1999 Bombardier Pratteln beschloss, die Blechbearbeitung auszulagern, griff Bacher zu und übernahm auch 30vormalige Bombardier-Leute.

Seit diesem Quantensprung hat sich der heute zur deutschen Indus Holding AG gehörende Blechbearbeiter zum Systemanbieter gewandelt: So werden beispielsweise die Deckenelemente mit allen darin enthaltenen technischen Installationen als vollständige Module in Reinach produziert und in Spezialgebinden, die jeweils die Teile eines einzelnen, kompletten Wagens enthalten, «just in time» an die Werke ausgeliefert: beispielsweise an Stadler Rail in Berlin, Polen, Ungarn, Altenrhein oder Bussnang. Dort müssen die Teile nur noch eingesetzt und die von Bacher vorinstallierten Kabel eingestöpselt werden.

Regionale Zulieferer

«Im Schienenfahrzeugbau funktionieren ähnliche Lieferketten wie in der Autoindustrie», erklärt Grob. Der Unterschied: Die Serien sind bei Bahnwaggons viel kleiner, was den Zulieferern eine höhere Flexibilität abverlangt.

Sorgen bereitet Grob der tiefe Eurokurs. Trotzdem steht für ihn der Standort Reinach nicht zur Diskussion, auch wenn der Betrieb aus den Nähten platzt. Wo er an Kapazitätsgrenzen stösst, vergibt er Aufträge an regionale Zulieferer. «Die Strassen sind überlastet, die Verlagerung auf die Schiene ist deshalb ein Markt, der auch in Zukunft wachsen wird», ist Grob überzeugt.