Rohrbogen AG
«Vertrauen in alle Richtungen»: So fand ein KMU auf die Erfolgsspur

Vor drei Jahren stand die Prattler Rohrbogen AG vor dem Aus. Wegen der Bankenkrise schrumpfte der Umsatz. Die Folge: 10 Millionen Verlust in drei Jahren. Mit einem ehrlichen Konsultationsverfahren kam der Erfolg zurück.

Daniel Haller
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Die Arbeitsplätze blieben erhalten: Betriebsleiter Thomas Hägi und CEO Joey Schaffner in den Hallen der Prattler Rohrbogen AG.

Die Arbeitsplätze blieben erhalten: Betriebsleiter Thomas Hägi und CEO Joey Schaffner in den Hallen der Prattler Rohrbogen AG.

Roland Schmid

Dass es heute in den Hallen beim Prattler Bahnhof zischt, scheppert und spritzt, ist alles andere als selbstverständlich: 2011 stand die Rohrbogen AG am Abgrund: «Wäre das Konsultationsverfahren gescheitert, hätten wir schliessen müssen», erklärt Geschäftsleiter und Verwaltungsratspräsident Joey Schaffner. «Damit wir am Standort Schweiz produzieren können, sind wir auf Automation und eine hohe Auslastung der Produktionsanlagen angewiesen.» Die Bankenkrise hatte aber ab 2008 den Absatz einbrechen lassen, denn die Rohrbogen AG beliefert den Apparatebau, und während der Krise wurde nur noch zurückhaltend investiert. Innerhalb von drei Jahren erlitt das Familienunternehmen einen Verlust von 10 Millionen Franken. «Das ist für ein KMU heftig», kommentiert der Physiker, der damals bei einem norddeutschen Forschungsinstitut arbeitete. «In einer Krise muss ein Mitglied der Besitzerfamilie den Willen verkörpern, dass es weitergehen soll», begründet er seine Rückkehr in die Schweiz.

Gelebte Sozialpartnerschaft

Damit es ein Jahr weitergehen konnte, fehlte der Rohrbogen AG damals eine Million Franken. Im November 2011 kündigte sie die Schliessung an und eröffnete das Konsultationsverfahren. Geschäftsleitung, Betriebskommission und die Gewerkschaft Unia verhandelten zwei Monate, dann lag die Lösung vor: Die familieneigene Holding verzichtete auf 300 000 Franken Miete, Geschäftsleitung und Verwaltungsrat senkten die eigenen Bezüge. Und 700 000 Franken, die im Wohlfahrtsfonds noch übrig waren, wurden ein Jahr lang eingesetzt, um die Arbeitnehmer- und Arbeitgeberbeiträge für die Pensionskasse zu finanzieren. Dieser Fonds wäre im Falle eines Konkurses den Mitarbeitern zugute gekommen.

Besitzerfamilie und Belegschaft gingen also je das Risiko ein, dass sie bei einem späteren Konkurs schlechter dastehen, als wenn die Firma sofort liquidiert würde. «Diese Symmetrie war entscheidend», betont Schaffner und lobt: «Mit Betriebskommission und Gewerkschaft hatten wir konstruktiv denkende Verhandlungspartner gefunden. Wir haben nicht gegeneinander gekämpft, sondern Lösungen erarbeitet.»

Die Krise gut überstanden

Das mit gemeinsamem Risiko erkauft Jahr lohnte sich: Die Konjunktur lief wieder besser, es gelang, weitere Kunden zu gewinnen und die Marktanteile auszubauen. Heute ist die Prattler Firma in Europa führend für Edelstahl-Rohrbogen im oberen Qualitätssegment. Der Rohrquerschnitt ist im ganzen Bogen genau rund und das Rohr hat immer die gleiche Querschnittsfläche. Diese hohe Präzision ist entscheidend für Kunden wie Endress+Hauser, die Durchfluss-Messsysteme herstellen. Wichtig für Lebensmittelindustrie, Chemie und Pharma ist zudem, dass man einen «Molch», ein Rohrreinigungsgerät hindurchschicken kann. Und problemlos reinigen kann man ein Rohr nur, wenn die Innenoberfläche keine Kratzer und Scharten aufweist.

Diese Qualität erreicht die Rohrbogen AG mit einem selbst entwickelten Verfahren: Die Rohrstücke werden zuerst kalt durch eine gebogene äussere Form hindurchgepresst. So bekommen sie die erwünschte Krümmung. In einem zweiten Schritte werden die beiden Enden dicht verschlossen und Wasser mit hohem Druck – bis zu 2000 Bar – in den Bogen gepresst. Dieser wird dadurch «aufgeblasen» und passt sich der Form an, ohne dass innen die Oberfläche beschädigt würde. Unter hohem Druck werde das sonst starre Kristallgitter des Metalls plastisch formbar, erläutert Schaffner. «Die Kunst ist, das Verfahren so zu verfeinern, dass wir vollautomatisch mit einer kurzen Taktzeit die Bogen in hoher Zahl herstellen können.» Aktuell produziert Rohrbogen im Dreischichtbetrieb jährlich 5 Millionen Stück.

98 Prozent der Produktion werden exportiert. Davon geht ein grosser Teil in den Handel. Derzeit ist die Rohrbogen AG daran, die Produktion für den Handel in der polnischen Niederlassung (40 Mitarbeitende) zu konzentrieren. In Pratteln (80 Mitarbeitende) wird hingegen die spezifische Produktion für industrielle Direktkunden ausgebaut. So kann man speziell geformte Lastwagen-Auspuffteile, die nach dem ersten Arbeitsgang noch Falten aufweisen, mit dem beschriebenen Hydroforming in eine makellose Form bringen.

Dass Schaffner für die Zukunft optimistisch ist, basiert nicht zuletzt auf persönlichen Beziehungen – auch zu den Kunden: «Die Stärke eines Familienunternehmens ist die emotionale Bindung des Kapitals. Das schafft Vertrauen in alle Richtungen.»
Kommentar Seite 43