Grosse bz-Umfrage
Viele Baselbieter sagen, dass sie «eher links» als «rechts» sind

In der grossen Umfrage, mit der die bz herauszufinden versucht, wie der Baselbieter fühlt und denkt, birgt die Antwort zur politischen Ausrichtung eine Überraschung: Mehr Baselbieter ordnen sich als «links» bis «eher links» denn als «rechts».

Jürg Gohl
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Die Mitte-Parteien stimmen im Landrat bisweilen auch mit den Linken.

Die Mitte-Parteien stimmen im Landrat bisweilen auch mit den Linken.

Nicole Nars-Zimmer

43 Prozent der befragten Kantonsbewohner ordnen sich auf einer elf Stufen umfassenden Skala in den Stufen null bis vier, also als «links» bis «eher links», ein. Als «rechts» bis «eher rechts» (10 bis 6) schätzen sich hingegen nur 29 Prozent ein. Die mit Abstand grösste Stufe 5, die in der Mitte steht, kreuzten gleich 29 Prozent der Befragten an. Nicht in diese Umfrage aufgenommen wurden die Personen, die sich nicht in diese Skala einordnen wollten oder konnten (Antwort «weiss nicht»).

Dieses Resultat wird in den politischen Gremien überhaupt nicht widerspiegelt: Erst seit anfangs dieses Monats sitzen mit dem Bisherigen Urs Wüthrich und dem neu gewählten Isaac Reber zwei «Linke» in der fünfköpfigen Baselbieter Regierung. Das war letztmals im Jahr 1999 mit den beiden Sozialdemokraten Eduard Belser und Peter Schmid der Fall. In der Regel aber besetzte die Rechte in der Exekutive vier Stühle. Auch im Parlament, dem Landrat, belegen die SVP, die stärkste Fraktion, und die FDP gemeinsam 38 Sitze, während es die so genannte Linke, die gemeinhin als Summe von SP und Grünen definiert wird, nur auf 33 Sitze bringt.

Bürgerliche in Räten überlegen

Werden die, notabene demokratisch gewählten, Räte der politischen Befindlichkeit der Baselbieter also nicht gerecht? «Doch», sagen SP-Landrat Ruedi Brassel und sein SVP-Amtskollege Thomas de Courten, in überraschender Harmonie. Denn beide lesen und interpretieren die Ergebnisse der bz-Umfrage auf eine andere Art. Sie addieren die jeweils ersten beziehungsweise letzten vier Gruppen der Skala und gelangen zum Schluss: Mit 21 beziehungsweise 20 Prozent sind die linken und rechten Pole gleich stark, während die Mitte, die sich nicht klar auf eine Seite bekennt, 60 Prozent ausmacht.

«Die politische Mitte überwiegt klar», stellt Ruedi Brassel, der Sekretär der Baselbieter Sozialdemokraten, fest. Er räumt immerhin ein: «Ich hätte nicht zwingend erwartet, dass der Mitte-Links-Anteil grösser ist als der Mitte-Rechts-Anteil.» Er glaubt zudem, dass dieses leichte Übergewicht durchaus auch im Parlament zum Vorschein gelangt: «In vielen Vorlagen, etwa in Bildungsfragen, bei sozialpolitischen Anliegen oder in der Ökologie, verhilft uns die so genannte Mitte schliesslich oft zu einem Übergewicht.»

Dass die Umfrage-Resultate indirekt auch aufzeigen könnten, dass die Linke bei Wahlen ihr Potenzial nicht abzurufen vermag, glaubt Brassel indes nicht und verweist auf Umfragen, die den Linken sogar leicht mehr Urnen-Disziplin bescheinigen als den Rechten.

Politik lässt zu viele kalt

Thomas de Courten, der Fraktionschef der SVP im Landrat, verlässt sich lieber auf die Meinung der 60000 Stimmenden bei den Gesamterneuerungswahlen des Frühjahrs im Kanton: Da heimsten die Mitte-Rechts-Parteien, angeführt von Siegerin SVP, 64 Prozent der Stimmen ein, den Sozialdemokraten und den Grünen blieben noch 36 Prozent.

«Ich lese aus den Umfrageergebnissen sicher nicht heraus, dass das Baselbiet linker ist als bisher angenommen», sagt De Courten. Besonders freut ihn, dass die Mitte breit ist, die Pole dafür eher klein sind. «Die Baselbieter sind also nicht ideologisiert, sondern sie bilden ihre Urteile sachbezogen», sagt er.

Eine andere Zahl aus der Umfrage gibt ihm schon mehr zu denken: 37 Prozent der Befragten gaben an, «gar nicht» oder «eher nicht» an Politik interessiert zu sein. «Das ist», sagt er ernüchtert, «doch ein sehr bedenklicher Wert für eine Demokratie.»

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