Stimmen-Festival
Vokalmusik aus Schweden und Sardinien weht durch Augusta Raurica

Am Stimmenfestival in Augusta Raurica mischten die Veranstalter gekonnt femini zarte Klänge aus dem Norden mit männlich rauen aus dem Süden. Das antike Amphitheater bot eine ideale Kulisse für die Vokalmusik aus Skandinavien und Sardinien.

Andrea Mašek
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Das schwedische Trio Irmelin entdeckt auf seinen Reisen immer neue Volkslieder.

Das schwedische Trio Irmelin entdeckt auf seinen Reisen immer neue Volkslieder.

Juri Junkov

Zuerst der feminin zarte, klare Norden, wo die Klänge neckisch über Wellen und Wolken zu schweben scheinen – noch bei Tageslicht. Danach der männlich raue, gutturale Süden, der sehr geerdet ist und gleichzeitig hoch geistig – in der Dämmerung und im Dunkeln.

Diese Gegensätze haben die Stimmen-Organisatoren gekonnt in einem Programm vereint und damit dem Publikum einen sehr speziellen Samstagabend im Amphitheater von Augusta Raurica beschert.

Die antike Kulisse ist ideal für die Vokalmusik aus Skandinavien, Grossbritannien und Sardinien. So unterschiedlich das Trio Irmelin und das Quintett Cuncordu e Tenore de Orosei sind, so ist ihnen eben ihre Liebe zu den alten musikalischen Traditionen ihrer Länder gemeinsam.

Und dass die Schwedinnen und Sarden und ihre beiden Stile sogar wunderbar zusammenpassen, beweisen sie zum Schluss, wo sie gemeinsam auf der Bühne stehen. Ein einmaliges Erlebnis!

Sardische Tierstimmen-Imitation

Dieses haben nicht wenige Zuhörerinnen und Zuhörer verpasst, die während der Vorstellung des sardischen Ensembles das Theater verlassen haben. Dessen Kunst ist zugegebenermassen nicht ganz einfach zu verstehen. Doch wer alle Sinne dafür öffnet, den berührt die Musik – ob sie nun geistlich (a cuncordu) oder weltlich (a tenori) ist. Daher auch der doch eher komplizierte Name des Quintetts, das aus dem Ort Orosei stammt.

Es nimmt das Publikum mit auf eine Reise über die Insel, so die Ankündigung, und präsentiert ihm kulturellen Höhepunkt nach Höhepunkt. Die Unterschiede der einzelnen Lieder sind manchmal nur schwer auszumachen, was aber dem ganzen Hörerlebnis keinen Abbruch tut.

Sehr ungewöhnlich ist auch, dass immer nur vier singen, während einer pausiert. Die vier stehen jeweils eng in einem Kreis zusammen, wenden also dem Publikum durchaus den einen oder anderen Rücken zu und scheinen auf diese Weise nur für sich zu singen.

Was sie dabei an Tönen herausbringen, ist stark und überraschend. Als zum ersten Mal die gutturalen Stimmen erklingen, geht ein Raunen durchs Theater. Ist es das Meckern einer Ziege? Das Blöken eines Schafes? Heult ein Wolf? Ja, sie imitieren Tiere, wird bestätigt. Diese Kunst ist weltweit fast einzigartig. Etwas Vergleichbares gibt es nur noch in der Mongolei.

Wohlfühlmusik fürs Gemüt

Zu hören ist in der Musik aber immer auch der Wind, der auf Sardinien nonstop weht. Der Wind ist ebenfalls Bestandteil der Folksongs des Trios Irmelin. Der Nordwind nimmt den Reiher und das Publikum mit, bringt sie aufs Meer oder aufs Land, zum Beispiel zu Mittsommernachtsfesten, wo Polka getanzt wird.

Auf ihren Reisen durch die Länder des Nordens entdecken die drei Schwedinnen immer wieder neue Lieder, die sie lernen, singen und dann stetig durch Improvisation verändern, wie sie erklären. Das Resultat sind kreative, nuancenreiche Arrangements.

Ob Seemannslied, Sommerhymne oder Schlaflied, alles kommt leicht daher und wird harmonisch untermalt. Mit Dissonanzen baut das Trio im einen oder anderen Song Spannung auf, die sich stets wieder in Wohlgefallen auflöst. Manchmal führen zwei eine Art Dialog, während die Dritte die Hintergrundmusik dazu liefert.

Einmal darf dies auch das Publikum tun, es muss das Meer interpretieren. Es wird ein ruhiges Meer, doch das passt zur dieser Wohlfühlmusik, die so richtig etwas fürs Gemüt ist, wie Dani Suter, Leiter von Augusta Raurica, meint.

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