Autobiografie
Vom Dieb zum Streetworker – das bewegte Leben von René Portmann

Der heutige Familienvater und Streetworker hat ein Buch über seine kriminelle Vergangenheit geschrieben.

Julia Gohl
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Mit seiner Tochter Simea will René Portmann richtig machen, was in seiner Kindheit falsch gelaufen ist.

Mit seiner Tochter Simea will René Portmann richtig machen, was in seiner Kindheit falsch gelaufen ist.

Nicole Nars-Zimmer niz

Wenn René Portmann vor einem sitzt, seine zweijährige Tochter auf dem Schoss, kann man die Geschichten aus seinem Buch kaum mit dem 54-jährigen Gegenüber in Einklang bringen. In seiner Autobiografie «Ich habe dich nie vergessen» berichtet der Liestaler über den Aufstieg vom Dieb zum Szenenhelden und der Rückkehr in sein heutiges normales Leben als Familienvater und Streetworker in der Region Sissach.

Damit er ungestört mit der bz reden kann, darf die kleine Simea auf dem Laptop eine Kinderserie schauen. Eine Ausnahme im Hause Portmann. «Ich weiss, was es bedeutet, wenn Kinder sich den ganzen Tag nur mit Videospielen und dem Fernseher beschäftigen», sagt der zweifache Vater. «Sie saugen das Gesehene auf und machen es nach. So war es auch bei mir. Ich wurde vom Fernseher erzogen, habe als Kind bis tief in die Nacht ‹Aktenzeichen XY ... ungelöst› geschaut und das dort Gelernte umgesetzt. Meinen ersten Einbruch machte ich mit sechs Jahren.»

Der Vater sei überfordert gewesen mit seinem Sohn, habe ihm in der Verzweiflung sogar einmal ein Messer an den Hals gehalten. «Ich mache ihm keinen Vorwurf», betont Portmann. «Er war verzweifelt. Das kann jedem passieren. Schliesslich wurde nicht nur ich, sondern auch er plötzlich im Stich gelassen.» Als er fünf Jahre alt war, habe seine Mutter die Familie verlassen, und auch seine vier Geschwister wurden teils bei ihr, teils bei Verwandten untergebracht. «Ich war von einem Tag auf den anderen ganz alleine mit meinem Vater in diesem riesigen Haus. Und er ging jeden Morgen um 6.30 Uhr zur Arbeit und liess mich alleine.»

So sei er ein Dorf-Strolch geworden. In der fünften Klasse gründete der Süddeutsche eine Jugendgang, die nicht nur klaute, sondern auch Checks fälschte. So verdiente er dermassen viel, dass er regelmässig das Taxi zur Schule nahm, wenn er wegen der nächtlichen Einbruchstouren wieder einmal verschlafen hatte. Natürlich gab er reichlich Trinkgeld. Er hatte ja genug.

Aufstieg zum Szenenhelden

Als Kind verbrachte Portmann viel Zeit im Wald hinter seinem Elternhaus. Trost spendete ihm dort ein besonderer Baum. Dort betete er und kriegte eines Tages eine Antwort: So wie er selbst die Ameisen sehe, so sehe Gott auch ihn. Mit den Jahren vergass René Portmann den Baum jedoch. Als er 14 Jahre alt war, eröffnete die erste Disco der Region am Oberrhein. «Diese Welt hat mich fasziniert und beeindruckt», erinnert er sich. Die Szenenhelden wurden zu seinen Vorbildern. Er umgab sich mit ihnen und schaute sich ihre Art zu leben ab, bis er schliesslich selber ein Szenenheld wurde. «Aber ich war mit diesem Leben nie zufrieden.»

Nach einem vorübergehenden Ausstieg geriet Portmann wieder ins alte Fahrwasser. Er lernte Leute kennen, die Edelkarrossen stahlen und verkauften. Durch seine alten Kontakte zur Szene wurde Portmann zum idealen Verkäufer für die «Auto-Mafia», wie er sie in seinem Buch nennt. Als die Behörden dem Treiben auf die Schliche kamen, willigte Portmann ein, im Gegenzug für seine Freiheit auszusagen.

Er zog auf die thailändische Insel Phuket. Dort lebte er sieben Jahre lang, jettete aber auch immer wieder zurück nach Europa. In Wien etwa blieb er in der Szene bekannt. «Aber ich war mit Leuten aus allen Schichten befreundet», sagt er. Darunter etwa ein Zahnarzt oder der österreichische Rockstar Falco. «Sie wussten alle, was ich treibe, aber es war ihnen egal.»

Eine Wiedergeburt am Strand

Wieder stellte Portmann fest, dass er nicht glücklich ist. Er liess alles hinter sich und zog sich zurück in eine Privatbucht – in eine «Robinson-Crusoe-Hütte», wie er es nennt. Dort führte er ein einfaches Leben, dachte viel nach und erinnerte sich auch wieder an seinen Baum. Noch heute hat er Tränen in den Augen, wenn er erzählt, was dann passierte: Eines Nachts hatte er eine Vision, in der er ein Baby schreien hörte. Und wieder vernahm er die Stimme Gottes, die ihm sagte, er sei dieses Baby und dies sei seine Wiedergeburt in ein neues Leben.

Nach seiner Rückkehr war er wieder im Wald hinter seinem Elternhaus unterwegs. Wie zufällig endete er bei seinem alten Baum und vernahm die Worte: «Ich habe dich nie vergessen.» Jahre später, hörte er zum letzten Mal eine Stimme. Sie gab ihm den Auftrag, ein Buch zu schreiben. Diesen hat er nun erfüllt. Die Rückmeldungen dazu bestärken ihn. «Kürzlich hat sich ein grosser Drogendealer bei mir gemeldet, der das Buch erhalten hat. Wir haben uns getroffen, er will aussteigen.» Die ersten zwei Bücher seien an grosse Clubbesitzer nach Wien gegangen. «Ich hoffe, sie machen etwas daraus. Denn was in der Szene abgeht, ist schrecklich.» Dass er einst selbst Teil davon war, dazu steht er. «Ich kann es nicht mehr ändern, auch wenn ich es totschweige.»

Lieber möchte er seine Geschichte nutzen, um einen Appell zu äussern. Etwa dass man auf seine Kinder acht geben soll. «Aber auch, dass wir Leute viel zu schnell verurteilen. Dabei steckt hinter tragischen Existenzen meist auch eine tragische Geschichte.»

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