Laufental
Von Bären und Beschwerden der aufmüpfigen Laufentaler

Das Laufental hat eine bewegte Vergangenheit. Der fünfte Baselbieter Bezirk nähert sich seinem Kanton langsam an. Es ist eine Suche nach Identität. Die Lust am Angriff ist den Laufentalern jedenfalls geblieben.

Aline Wanner
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Angenstein, das Eingangstor zum Laufental.

Angenstein, das Eingangstor zum Laufental.

Kenneth Nars

Wenn er das Wort Kantonswechsel nur schon hört, muss Stedtlicoiffeur Christian Hamann gleich unterbrechen. Von diesen alten Politfehden hat der gebürtige Laufner genug.
Genug von der langjährigen «heftigen Parteipolitik», wie sie der Historiker Andreas Cueni im Buch «700 Jahre Stadt Laufen» beschreibt. Das Werk erschien 1995, zwei Jahre nach dem Kantonswechsel des Laufentals von Bern zu Baselland. Heute sagt Cueni: «Es ist ruhiger geworden.» Es sei eine kleine Minderheit, die sich noch mit dem Kantonswechsel und den daraus resultierenden möglichen Rechten befasse.

Stedtlicoiffeur Hamann gehört zu denjenigen in Laufen, die sich lieber mit der Gegenwart als mit der Vergangenheit beschäftigen. Dem Coiffeur ist vor allem eines wichtig: das schöne Stedtli. Und dessen Erhalt. Aber nicht als Museum, sondern als lebendiges Einkaufszentrum und Treffpunkt für die Region.

Hamann sitzt im Büro seines Coiffeursalons an der Hauptstrasse 31 im Fünftausend-Seelen-Stedtli. Hier, im ersten Stock des Gebäudes, hört Hamann das Klingeln, wenn ein Kunde kommt. Und das Telefon. Still ist es eigentlich nie. Hamann lässt sich nicht stören. Er ist sich gewohnt, dass es läuft, das Geschäft. Er spricht viel. Über Laufen, warum es hier so schön sei. Und über seinen Traum: Dass man in der ganzen Region über Laufen als freundlichstes Stedtli spricht. Was bei anderen pathetisch klingt, man glaubt es ihm.

Der «Bären» fehlt in Laufen

Wenn Hamann aber, wie vergangene Woche im «Sonntag», lesen muss, dass das Stedtli tot sei, dann ärgert ihn das. «Tot», holt Hamann aus, «würde ja bedeuten ohne Atem, leblos». Wie man allerdings ein Stedlti, das über hundert Geschäfte und Firmen beherberge, so bezeichnen könne, verstehe er nicht. Die Aussage kam von Angela Zuber, der ehemaligen Geschäftsführerin der mittlerweile geschlossenen Kulturbar Bären gleich auf der anderen Strassenseite.

Kritisieren will Hamann aber niemanden. Die ehemaligen Verantwortlichen des «Bären» kenne er ja alle sehr gut. Vielleicht habe das Konzept einfach nicht gepasst, sagt er. Und auf die Frage, was Laufen fehle, antwortet Hamann sofort: der «Bären».

Dass der «Bären» wichtig ist, weiss auch Stadtpräsident Alexander Imhof. Aber nicht nur der «Bären»: «Laufen», sagt Imhof, «liegt den Leuten am Herzen». Die Gemeinde habe eine Geschichte, in der sich die Leute zwar bekämpft, aber auch ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl entwickelt hätten.

Zusammenarbeit mit Kanton verstärken

Nun gelte es, Laufen, das Laufental, weiter zu öffnen und die Zusammenarbeit mit dem Kanton, die bereits gut funktioniere, noch zu verstärken. Imhof, ein zurückhaltender Mensch, der immer nachdenkt, bevor er spricht, sagt, dass er eine Aufbruchstimmung spüre.

Dass auf kantonaler Ebene oft diejenigen Laufentaler wahrgenommen würden, die mehr Rechte für sich reklamieren, hänge mit einem Abwehrreflex zusammen, den die Laufentaler durch ihre Geschichte erworben hätten. Ein Reflex, für seine Ideen laut zu kämpfen. Es sind die Politiker, die Experten und Eiferer, die sich öffentlich Duelle liefern.

Sie beschäftigen sich mit Kosten, mit Effizienz, mit der Wirkung von Verträgen, mit der Zentralisierung von Verwaltungseinheiten. Derzeit erhitzt das Projekt Focus die Gemüter: Die Bezirksverwaltungen in Baselland werden zusammengelegt, die Amtsnotariate abgeschafft. Dass man ihnen ihre Verwaltung wegnimmt, wollen sich nicht alle Laufentaler gefallen lassen.
Nachdem das Volk Mitte Juni zu den entsprechenden Verfassungsänderungen und dem neuen Gesetz Ja gesagt hatte, folgten Beschwerden. Der «Laufentaler Abwehrreflex», wie Stadtpräsident Alexander Imhof (CVP) die Reaktion bezeichnet, setzte ein und sorgte für ein langwieriges juristisches Nachspiel: Das Kantonsgericht wies Mitte August die beiden Stimmrechtsbeschwerden von SVP-Landrat und Berufslaufentaler Georges Thüring und der ehemaligen Laufner Stadtpräsidentin Brigitte Bos (CVP) zurück.

Keine Abwanderung des Bezirksgerichts

Die Verantwortlichen mussten mit der geplanten Zusammenlegung und der Einführung des neuen Gesetzes zuwarten. Die Umsetzung verzögerte sich. Mitte Oktober reagierte Wirtschaftskammerdirektor Christoph Buser. Im Landrat reichte er eine Motion ein, in der er die Regierung aufforderte, zu handeln. Der grüne Sicherheitsdirektor Isaac Reber bestritt allerdings, dass es bei den Bezirksverwaltungen «unhaltbare Zustände» gebe. Das Abstimmungsresultat sei bereits «erwahrt» worden, das entsprechende Notariatsgesetz trete Anfang November in Kraft.

In dieser Woche nun lief die letzte Möglichkeit ab, um Beschwerde gegen den Erlass beim Bundesgericht einzureichen. Bisher gibt es keine Hinweise, dass jemand diese Gelegenheit wahrgenommen hat. Wenn sich dies kommende Woche bewahrheitet, kann das Projekt Focus definitiv umgesetzt werden.

Und: Das Kantonsgericht kann sich mit der nächsten, bisher sistierten Beschwerde befassen. Mit derjenigen des berntreuen Laufentalers Guido Karrer und seines Anwaltes und SVP-Grossrates Heinrich Ueberwasser. Sie wollen verhindern, dass auch das Bezirksgericht aus Laufen abwandert. Inhaltlich stützen sie sich auf den Laufentaler Vertrag, der nach der Abstimmung über den Kantonswechsel des Laufentals 1994 in Kraft trat.

Die Energie und Bereitschaft, für seine Anliegen zu kämpfen, will Imhof konstruktiv nutzen, um Laufen weiterzubringen. Konzentrieren will er sich dabei auf die Stadtentwicklung und die Finanzen. Man dürfe sich nicht verzetteln, meint Imhof. Deshalb ist er auch zurückhaltend bei Themen wie einer Kantonsfusion zwischen Basel-Stadt und Baselland. Forcieren will er nichts. Ebenso wenig wie Stedtlicoiffeur Hamann.

Man merkt es ihnen an, den Laufentalern. Kantonswechsel kosten Energie. Und Zeit, um anzukommen. Da will man nicht gleich wieder weiter.